Millionenforderungen nach Arcandor-Pleite Thomas Middelhoff laufen die Unterstützer weg

Diverse Gerichte befassen sich mit den Forderungen an Thomas Middelhoff. Im Essener Landgericht muss er sich außerdem wegen Untreue in 49 Fällen verantworten.

(Foto: Imago Stock&People)

Thomas Middelhoffs Gläubiger bedrängen ihn immer heftiger: Roland Berger etwa, ein großer Strippenzieher der deutschen Wirtschaft, verlangt seit Jahren Millionen zurück. Doch der Ex-Arcandor-Chef zahlt nicht - sondern fordert nun selbst Geld.

Von Uwe Ritzer

Thomas Middelhoff, der Medienmanager, hat gern selber mit den Medien gespielt - doch nun verliert er, Knall auf Fall, auf diesem Feld seinen wichtigsten Unterstützer: Hans-Hermann Tiedje, 65, ehemals Chefredakteur der Bild-Zeitung und Berater von Helmut Kohl. Tiedje berät seine Kunden bei der Kommunikations- und Medienarbeit, er firmiert als Vorstandschef der Firma WMP Eurocom. Einer seiner wichtigsten Kunden seit Jahren: Middelhoff. Die beiden duzen und schätzen sich, sie sitzen obendrein zusammen im Aufsichtsrat der Marseille-Kliniken AG.

Doch nun spricht Tiedje nicht mehr für Middelhoff, berät ihn nicht mehr - weder offiziell noch inoffiziell. Und dies hat damit zu tun, dass das juristische Gezerre rund um Middelhoff, sein Streit mit Gläubigern und Schuldnern, mit einstigen Arbeitgebern und Banken, mit Freunden und ehemaligen Freunden, in den letzten Wochen mal wieder eine neue Wendung genommen hat. Denn auch Roland Berger, 76, einer der großen Strippenzieher der deutschen Wirtschaft, liegt im Clinch mit ihm.

Es geht um viel Geld, um 7,5 Millionen Euro, die Berger seinem Geschäftspartner Middelhoff geliehen hat - und die dieser beharrlich nicht zurückzahlt. Der Streit beschäftigte erst die Gerichte und zuletzt auch die Öffentlichkeit. Berger zwang den ehemaligen Bertelsmann- und Arcandor-Chef sogar dazu, eine Vermögenserklärung, vulgo: einen Offenbarungseid abzugeben. Allerdings ist Berger auch Teilhaber und Aufsichtsratschef von Tiedjes Firma WMP; und deshalb hat Tiedje die Arbeit für Middelhoff nun beendet. Denn er kann ja schlecht an der Seite Middelhoffs kommunikativ gegen den eigenen Aufsichtsratsvorsitzenden Berger kämpfen.

Es wird also allmählich einsam um Middelhoff. Seine Gläubiger steigen ihm immer heftiger nach. Insgesamt fordern sie etwa 80 Millionen Euro, was Middelhoff mit Gegenforderungen von 200 Millionen Euro kontert. Diverse Gerichte befassen sich mit den diversen Forderungen. Zudem muss Middelhoff sich seit dem Frühjahr vor dem Landgericht Essen verantworten, angeklagt der Untreue in 49 Fällen.

Middelhoff kletterte über das Vordach, um Fotografen zu entgehen

Bergers Forderung scheint für "Big T.", wie sie ihn bei Bertelsmann einst in besseren Zeiten nannten, ein größeres Problem zu sein als bislang angenommen. So warnte Middelhoffs Anwalt Winfried Holtermüller nach Informationen der Süddeutschen Zeitung vor einer drohenden Insolvenz seines Mandanten, wenn Berger weiter versuche, seine Forderung einzutreiben. "Ja, das Wort Insolvenz ist gefallen", bestätigt Holtermüller. Er habe Berger gewarnt, was er mit dem Offenbarungseid lostrete, sagt der Anwalt: "Sehr häufig führt dies zu überzogenen Reaktionen auch von anderen Gläubigern und damit zu einer Eskalation." Schlimmstenfalls zur Privatinsolvenz.

Über den Dächern von Essen

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Berger drängte trotzdem darauf, dass Middelhoff im Juli einem Gerichtsvollzieher über sein Vermögen Auskunft gab. Notgedrungen gab Middelhoff den Offenbarungseid ab, doch was folgte, war eine wirklich kuriose Episode: Nach erfolgter Vermögensauskunft sprang Middelhoff im ersten Stock des Essener Gerichts aus dem Fenster. "Wie ein Katze" sei er übers Vordach gekletterte, erzählte er später stolz, und über den Hinterhof "fröhlich pfeifend" davon gelaufen. Er wollte so den Fotografen entkommen, die vor dem Haupteingang warteten und die, wie er meint, Berger bestellt habe, was dieser wiederum vehement bestreitet.

Middelhoff zahlt nicht, gewinnt aber Zeit

Middelhoff meint, man könne die Dinge doch diskreter regeln. "Berger weiß doch um meine Sorgen und Probleme mit Sal. Oppenheim." Die Privatbank fror im Zuge ihrer Rechtsstreitigkeiten mit Middelhoff vor fünf Jahren etwa 30 Millionen Euro an Vermögen ein, das diesem gehört. Nur deshalb sei er derzeit illiquide, sagt Middelhoff. Vom "früheren väterlichen Freund" Berger habe er erwartet, dass dieser "die Dinge mit mir gemeinsam entwickelt". Schließlich wisse Berger nach den vielen freundschaftlichen Jahren, "dass ich mich nicht aus meiner Verantwortung stehle".

Ein Mann und seine Verfolger

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Genau diese Sorge hat Berger aber. Denn es schien in den letzten Monaten keineswegs so, als wolle Middelhoff seine Schulden tatsächlich bezahlen. Stattdessen beantragte er beim Landgericht Bielefeld, die von Berger betriebene Zwangsvollstreckung einzustellen. Auch gegen die Abgabe der Vermögensauskunft ging er vor. Das Gericht lehnte jedoch ab. Die Forderung von Berger stammt aus einem gemeinsamen Geschäft, das die beiden einst angegangen sind: 2008 gründeten sie zusammen mit dem Investmentbanker Florian Lahnstein eine Gesellschaft namens Germany 1. Diese sollte an der Börse Kapital einsammeln und in andere Unternehmen investieren.

Berger nahm im Zuge der Gründung als Privatperson auch ein Darlehen über 20 Millionen Euro bei der Deutschen Bank auf. Intern hatten er, Lahnstein und Middelhoff vereinbart, dass jeder für ein Drittel der Kreditsumme haftet. Middelhoff hat diesen Anspruch mehrfach ausdrücklich anerkannt. Doch als er seinen Anteil von etwa 6,7 Millionen übernehmen sollte, zahlte er nicht. Mit Zinsen und Nebenkosten ist die Forderung inzwischen auf 7,5 Millionen Euro gewachsen. Middelhoff unterschrieb sowohl außergerichtliche als auch notarielle Schuldanerkenntnisse.

Geld floss trotzdem nicht. Auch den Rückzahlungstermin 14. Juni 2013, der Monate im Voraus vereinbart war, ließ er verstreichen. Angeblich bot er seinem Geschäftspartner Berger statt des Geldes Sicherheiten an. Die seien aber untauglich gewesen, verlautet aus dem Berger-Lager: "Er hat Roland Berger jahrelang vertröstet und hingehalten." Anfang Januar 2014 verlor Berger die Geduld und begann, die Zwangsvollstreckung zu betreiben. Middelhoff fühlte sich brüskiert und meldete Anfang Juli plötzlich Gegenforderungen an, die im Berger-Umfeld als "haarsträubender Unsinn" bezeichnet werden. Middelhoffs Anwalt Holtermüller wirft Berger vor, dieser führe die inzwischen umbenannte, gemeinsame Firma "so schlecht, wie man sich das nur vorstellen kann". Dadurch sei der Wert der Anteile von zehn Euro auf 29 Cent gesunken. "Den beiden Mitgesellschaftern ist so ein erheblicher Schaden entstanden, den Herr Middelhoff nun geltend macht."

So läuft es auch in anderen Fällen: Auf Ansprüche, die gegen ihn geltend gemacht werden, reagiert Middelhoff mit Gegenforderungen. Der juristische Streit darüber zieht sich hin - Middelhoff zahlt nicht, gewinnt aber Zeit.