Der EU-Abgeordnete und Öko-Landwirt Graefe zu Baringdorf über die Macht der Milchbauern, den Kampf der Verbände - und warum Kühe trotz des Milch-Überflusses nicht massenweise zur Schlachtbank geführt werden.
Friedrich-Wilhelm Graefe zu Baringdorf, 65, sitzt seit 1984 für die Grünen im europäischen Parlament. Der staatlich geprüfte Landwirt und studierte Pädagoge war von 1999 bis 2002 Vorsitzender des Ausschusses für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung. 1980 gründete er die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft mit, seit 1996 hat er den Vorsitz inne. Graefe zu Baringdorf betreibt in Ostwestfalen einen 50 Hektar großen Hof, den er bereits Anfang der achtziger Jahre von konventioneller Produktion auf Öko-Produktion umgestellt hat. Die Erzeugnisse - Kartoffeln, Gemüse, Obst und Eier - werden im Direktvertrieb oder auf Wochenmärkten der Region verkauft.
Friedrich-Wilhelm Graefe zu Baringdorf: "Die Landwirte müssen Druck gegenüber den Molkereien aufbauen." (© Foto: dpa)
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sueddeutsche.de: Herr Graefe zu Baringdorf, bei Lidl kostet der Liter Milch seit Montag zehn Cent mehr. Wer garantiert eigentlich, dass der höhere Milchpreis auch bei den Landwirten ankommt?
Friedrich-Wilhelm Graefe zu Baringdorf: Das können die Bauern nur selbst garantieren. Die Handelsketten haben jetzt einen Spielraum geöffnet - wie bereits im Herbst 2007, als Milchprodukte teurer wurden. Der Milcherzeugerpreis kletterte damals auf 40 plus x Cent, abhängig von der Region. Das wird sich jetzt wiederholen, denn der Milchstreik hat gezeigt, dass es den Bauern ernst ist.
sueddeutsche.de: Wie können die Bauern Druck aufbauen, damit andere Handelsketten nachziehen und Milch ebenfalls langfristig teurer verkaufen?
Graefe zu Baringdorf: Die Landwirte müssen Druck gegenüber den Molkereien aufbauen, zum Teil sind es ja ihre eigenen Genossenschaften. Diese haben sich während des Milch-Boykotts als widerspenstigste Ebene gezeigt: Sie haben auf die Blockaden der Bauern sehr aggressiv reagiert. Eigentlich hätten sie sich für diesen Milchstreik bedanken müssen, weil der ihre Position gegenüber dem Handel stärken könnte.
sueddeutsche.de: Es gab den Vorwurf, die Molkereien hätten vor dem Boykott zu wenig für die Milchbauern herausgeholt und sich von den Discountern unter Druck setzen lassen. Warum kommen die Landwirte nicht aus ihrer schwachen Verhandlungsposition heraus? Sie sind die Produzenten!
Graefe zu Baringdorf: Die Landwirte sind jetzt in einer stärkeren Verhandlungsposition, vorher waren sie Einzelkämpfer. Der Deutsche Bauernverband hat die Position der Milchbauern gegenüber den Molkereien nicht gestärkt, er hat nur versucht zu beruhigen. Getreu dem Motto: "Das sind doch eure Unternehmen!"
sueddeutsche.de: Bundesweit gibt es derzeit rund 100 Molkereien. Wird es ein Molkereisterben geben? Man könnte annehmen, dass nur die, die am geschicktesten verhandeln, den knallharten Wettbewerb überleben werden.
Graefe zu Baringdorf: Nein, aufgrund des höheren Milchauszahlungspreises wird es nicht zu einem Molkereisterben kommen. Es hat immer Konzentrationsprozesse gegeben. Die Molkereien untereinander haben nicht nur um den Zugang zu den Ketten konkurriert - sie haben auch ständig versucht, sich gegenseitig aufzukaufen, um sich zu vergrößern. Es gibt aber auch eine Gegenbewegung, dabei geht es dann um die regionale Qualität, kleinere Molkereieinheiten - und um einen höheren Erzeugerpreis.
sueddeutsche.de: Die Landwirte sind sich nicht einig, einige Molkereien sollen Anrufe von eingeschüchterten Bauern erhalten haben mit der Bitte, die Milch solle doch nachts abgeholt werden - damit es der streikende Nachbarlandwirt nicht sieht. Hat sich der Kampf verlagert?
Graefe zu Baringdorf: Der Deutsche Bauernverband hat mit dem BDM (Bundesverband Deutscher Milchviehhalter) starke Konkurrenz bekommen, der jetzt über 50 Prozent der Milch organisiert. Das ist für den Bauernverband, der alle Bauern vertreten möchte, nicht hinnehmbar. Also hat er alles versucht, um den BDM ins Leere laufen zu lassen. Es ist also nicht so sehr eine Uneinigkeit unter den Bauern, sondern zwischen diesen gleichmächtigen Verbänden. Die Bauern wissen, dass der Deutsche Bauernverband in den letzten Jahrzehnten nichts für seine Milchbauern getan hat.
sueddeutsche.de: Die große Milchmenge im Markt drückt den Preis, außerdem galt bisher: Je größer der Hof, desto höher die Subventionen. Gibt es Überlegungen in Brüssel, die Subventionspolitik zu reformieren?
Graefe zu Baringdorf: Die Subventionspolitk ist reformiert worden, denn die Exportsubventionen wurden auf null gesetzt. Das hat dann zu diesem Preisdruck durch die Milchindustrie geführt. Die Bauern, die jetzt mit dem BDM diesen Streik geführt haben, wollen eine Mengenregelung, die sich am Bedarf orientiert. Sie wollen ein juristisches Instrumentarium aus Brüssel, damit sie Mengenabsprachen vornehmen können, um Bedarf, Preis und Menge am Markt vernünftig in Einklang zu bringen. Und sie wollen auf keinen Fall wieder zu den Subventionen zurück, vor allem nicht zum Exportdumping.
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Streit um Parteispitze bei der Linken
Niemand zwingt die Bauern, die Quote voll auszuschöpfen, wenn es ihren Interessen widerspricht. In anderen Branchen geht's doch auch ohne Quote.
Selbstversorger, welche nunmal Landwirt sind stellen die letzte Front in der Machtverteilung über Lebensmittel.
Aus diesem Grunde wird er in allen Ebenen vom Handel gegängelt werden. Eine Kontrolle über Nahrungsmittel
soll in der Menge und im Preis niemals vom Erzeuger beherrscht werden.
Das ist Fakt, und kann aus keinen Protokollen welche über diese Thematik jemals zu Papier gebracht, jemals
mehr entfernt werden.
Folglich wird der Nahrungsmittelproduzierende Landbesitzer immer am ausgestreckten Arm verschiedenster
Interessenverbände darben der seine Produkte verteilt und seinen Wert auf dem Welthandel preislich bestimmt.
Es war nicht anders zu erwarten und wird hier zwischen den Zeilen bestätigt, Einzelinteressen der Landwirte
lassen sich flächendeckend nie und nimmer unter einen Hut bekommen.
Wie war das noch zu Beginn der 80´er Jahre auf dem Kontinent, zuviele Milchkühe auf der Weide gefährdeten die Qualität der Grund/Trinkwasserversorgung 2 Millionen Kühe sollten geschlachtet werden...
letztendlich kam dem gefärdeten Trinkwasser dann ja BSE zu Hilfe und die Tiere wurden gekeult.
Andere Thematik - ähnelt sich jedoch irgendwie mit dieser hier (zuviel Kühe, zuviel Milch) oder sehen wir hier wieder einmal etwas verkehrt ?
Genug Geld...
Wenn sie wüssten was sie nichts angeht.
Wenn die Milchbauern ein "gerechtes" Preis/Leistungsverhältnis anstreben, denn werden sie m. E. zukünftig um eine Eigenvermarktung nicht herum kommen
Milch, Eier etc. vom Bauernhof. Hat das nicht die EU - / der BRD Regierung verboten per Gesetz. Hier waren doch die Lobbyisten schon lange tätig im Sinne des Zwischenhandels.
@lavictoria: Gratulation, dass Sie genug Geld besitzen, um sich Bioprodukte zu kaufen. Daraus und dadurch moralisch zu argumentieren, halte ich für schwierig. Natürlich sollte Milch einen fairen Preis erhalten, aber generell ist mit biologisch angebauten Produkten etc. die Bevölkerung (selbst in Deutschland) nicht zu ernähren.
Den Spaß, wie Sie es nennen, MÜSSEN viele mitmachen. Wie soll ein am Existenzminimum lebender Mensch im Biosupermarkt teure Bioprodukte kaufen?
Paging