Wohnungskonzerne Mietschulden eintreiben auf die nette Tour

Meist ist den Wohnkonzernen daran gelegen, Konflikte mit ihren Mietern zu vermeiden. Daher schicken sie Vermittler vorbei, die klären, warum jemand nicht zahlt.

(Foto: imago stock&people)
  • Vonovia und andere Wohnungsbaugesellschaften und Genossenschaften gehen immer häufiger ungewöhnliche Wege, wenn Mieten nicht rechtzeitig gezahlt werden.
  • Dahinter stehen wirtschaftliche Überlegungen: Mieter zu behalten ist günstiger, als Wechsel zu finanzieren.
Von Lea Hampel, Bonn

Auf der Postkarte steht "Sie waren nicht da . . ." Auf die Rückseite schreibt der Mann mit gepflegtem Vollbart seine Handynummer, darüber steht vorgedruckt "Ich habe etwas Wichtiges mit Ihnen zu klären." Drei solcher Karten wirft Thomas Hartig heute in Briefkästen im Bonner Stadtteil Tannenbusch. Die Karte in Vertrauensgrün sieht harmlos aus. Doch wer sie im Briefkasten hat, hat Probleme. Meist mit Geld, meist mit dem Vermieter, und meist weiß er das, umso schwerer der Rückruf. Dabei kann der helfen, die Probleme zu lösen. Denn Thomas Hartig ist Sozialmanager, er betreut für die Vonovia Mieter und versucht, ihnen bei Mietschulden zu helfen.

Vonovia und andere Wohnungsbaugesellschaften und Genossenschaften gehen immer häufiger ungewöhnliche Wege - und kümmern sich um ihre Mieter in einer Form, die über Treppenhausreinigung hinausgeht. Die Immobiliengesellschaften leisten so zum einen für sie dringend nötige Imagearbeit. Zum anderen stehen wirtschaftliche Überlegungen dahinter: Mieter zu behalten ist günstiger, als Wechsel zu finanzieren. Rechtsstreits, Renovierung und Mietersuche kosten. Deshalb, so erläutert die Wohnungsbaugesellschaft, sei es besser, "Mietverhältnisse zu stabilisieren"; also: unzufriedene, säumige Mieter zu friedlichen, zuverlässigen zu machen.

Halb Mietrechtsanwalt, halb Therapeut

Ein Ort, wo das besonders häufig nötig ist, ist Bonn-Tannenbusch. Dem Viertel eilte lange ein Ruf voraus, einst Vorzeigesiedlung, dann Ghetto-Image, jetzt will die Vonovia es zum beliebten Quartier machen. Doch das gelingt nicht allein durch Spielplätze und neue Fassaden. Sondern durch Menschen wie den Sozialmanager Thomas Hartig und seine 19 Kollegen. Der 39-Jährige war bis vor Kurzem hier unterwegs und hat sich um diejenigen gekümmert, die mehr als 800 Euro Mietschulden haben.

Eigentlich müssten die Bewohner von Tannenbusch ihn etwa so sehr mögen wie früher den GEZ-Kontrolleur. Er kommt vom Vermieter, er kommt wegen Geld, nicht eben gute Grundlagen für tiefe Sympathie. Tatsächlich jedoch strahlt die junge Frau, an deren Tür Hartig als Erstes klingelt, und bittet auf den Balkon ihrer Wohnung. Sie weiß, dass sie vorerst nichts zu befürchten hat. Denn Hartigs Job ist eine Mischung aus Therapeut, Mietrechtsanwalt und Sozialarbeiter. Tatsächlich ist er Jurist und Sozialpädagoge und lobt auf dem Weg zum Balkon erst die neuen Möbel, bevor er den Schuldenstand bespricht.

Bevor Hartig Mieter besucht, ist einiges passiert: Üblicherweise ruft er erst an. Das hat den Überraschungseffekt, hofft er, dass er nett klingt und das Eis bricht. Vor allem bei jüngeren Menschen schreibt er auch SMS. Die erwähnte Postkarte nutzt er selten. Formale Briefe? Bringen nichts, Fensterpost ist unbeliebt und häufig vor allem unverständlich. "Das private Wort, das verstanden wird, wird lieber gehört", sagt Hartig. Bis er dieses Wort loswird, dauert es oft. Nur jeder zweite Mieter meldet sich auf den ersten Kontaktversuch hin zurück.

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Einige Menschen haben Angst, ausziehen zu müssen oder wollen schlicht nicht noch ein Problem angehen. Anderen ist ihre Lage peinlich. Dass es Menschen wie Hartig überhaupt gibt, überrascht viele. Dabei geht es genau darum: Das übliche Mieter-Vermieter-Verhältnis aufzubrechen, gerade in einem Fall, wo es einen großen, anonymen Vermieter und einen Mieter mit seinem Einzelschicksal gibt. Hat Hartig einen Termin, auf dem Sofa, am Küchentisch, oder wie jetzt, auf einem Balkon, sagt er nicht als Erstes: Sie haben Schulden. Sondern er fragt: Brauchen Sie Hilfe? Wobei? Das freut Betroffene: "Der Großteil der Menschen ist sehr erleichtert, wenn sie Möglichkeiten bekommen, ihre Gesamtsituation zu schildern", sagt Hartig. Die wenigsten sind zu faul zu zahlen oder geben das Geld lieber für einen neuen Fernseher aus. "Oft stecken andere Geschichten dahinter, die erst mal gelöst werden müssen", sagt Hartig. Häufig sind es Schicksalsschläge, zum Teil mehrere, die sich gegenseitig verstärken.

So wie bei der jungen Mieterin, die Hartig fröhlich hereingebeten hat. Sie sitzt auf dem Balkon, im Hintergrund die kantig-zweckmäßige Silhouette des Viertels. Die Frau raucht und erzählt. Sie musste wegen eines Brandes umziehen, zur schnell besorgten neuen Wohnung gehört eine Garage, die das Amt nicht mitfinanziert. Bezahlt sie trotzdem Miete, gilt das als Zweckentfremdung, es droht die Sperre, dann könnte sie nicht mehr zahlen.

Rückstände sinken

Hartig kennt viele solcher Fälle: wenn ein Pflegekind auszieht und der Wohnraum formal zu groß ist. Wenn der Job verloren geht, das Ersparte nicht reicht. Wenn jemand, der gerade den Schuldenberg abgetragen hat, krank wird. Einzelfälle, die so komplex sind, dass allgemeine Regeln von Ämtern wie Vermietern nicht passen. Trotzdem muss man Lösungen finden, damit nicht Steuerzahler oder Vermieter die Kosten tragen.

Fälle wie diese spricht Hartig mit den Mietern durch. Er kennt sich einerseits im Mietrecht, Sozialrecht und Insolvenzrecht aus und versteht Amtsdeutsch. Er ist anderseits genug Sozialpädagoge, um Schicksalschläge zu verstehen, mit den Mietern die Briefe von Behörden und Formulare durchzugehen oder auch mal direkt mit der Sachbearbeiterin im Jobcenter zu sprechen. Außerdem berät er sich mit dem Hausbetreuer: Ist der Mieter gut eingebunden, zuverlässig? Am Ende versucht er, das zu finden, was "eine tragfähige Lösung für alle Seiten" ist. Das bedeutet nicht immer, dass ausstehende Mieten auf einmal gezahlt werden. Oft ist es eine Ratenzahlung, manchmal zweistellige Euro-Beträge, die, wie Hartig einem Mieter erklärt, seinen guten Willen zeigen. In seltenen Fällen aber organisiert er auch den Umzug in eine günstigere Wohnung.

Acht bis zehn Mal besucht er durchschnittlich einen Mieter, bis er einen Erfolg verzeichnen kann. Erfolg, den definiert die Vonovia erklärtermaßen nicht alleine im "Ausgleich des Mietkontos". Sondern so, dass der Mieter das Problem versteht und bei der Lösung hilft. Das Konzept scheint zu funktionieren. Die Mietrückstände sind gesunken, bundesweit um 20 Prozent.

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