Ein Kommentar von Nikolaus Piper

Sollte das Geschäft zwischen Microsoft und Yahoo zustande kommen, wäre es die größte Übernahme in der Geschichte des Unternehmens. Der Kauf des Internet-Portals verschafft dem Software-Riesen noch mehr Macht.

Das Internet gilt als Spielwiese, als Ort scheinbar herrschaftsfreier Kreativität, wo fast alles möglich ist, Verrücktes und weniger Verrücktes. Längst ist das Internet aber auch ein knallhartes Geschäft. Wie hart, das zeigt der Versuch des Software-Riesen Microsoft, das Internet-Portal Yahoo für immerhin 44,6 Milliarden Dollar zu kaufen. Das Geschäft, sollte es denn zustande kommen, wäre die größte Übernahme in der Geschichte Microsofts. Der Konzern bietet den Yahoo-Aktionären einen Aufschlag von nicht weniger als 62 Prozent auf den letzten Aktienkurs - so etwas macht kein Unternehmen aus purer Laune und Lust am Wachstum.

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Microsoft geht es um die Macht im Internet. Zwar besitzt Bill Gates' Konzern ein Fast-Monopol für Software; im Geschäft mit der Internet-Suche und vor allem mit der Werbung im Netz konnte er jedoch den sagenhaften Aufstieg des Konkurrenten Google nicht verhindern. Yahoo, Betreiber der ersten erfolgreichen Suchmaschine, blieb erst recht zurück und muss tausend Arbeitsplätze streichen. Auch Firmengründer Jerry Yang, als Retter in die Firma zurückgeholt, konnte den Trend nicht drehen. Microsoft seinerseits investierte Milliarden, ohne Google einholen zu können.

Das Angebot an Yahoo ist der Versuch, die Probleme beider Unternehmen durch schiere Größe zu lösen. In seinem Brief, den Microsoft-Chef Steve Ballmer an den Verwaltungsrat von Yahoo schrieb, verspricht er Kostensenkungen von einer Milliarde Dollar jährlich. Die Schlagkraft der Forschungs- und Entwicklungsabteilungen beider Firmen soll sich potenzieren. Aus zweien, die im Netz zu kurz gekommenen sind, soll ein Anti-Google werden.

Ob der Plan aufgeht, ist allerdings völlig offen - ebenso wie die Frage, wie segensreich er sein wird. Ein Aufschlag von über sechzig Prozent dürfte zwar auch für sehr treue Aktionäre unwiderstehlich sein, daher werden sie dem Deal wohl zustimmen. Aber passt die immer noch flippige Kultur der vergleichsweise jungen Internet-Firma Yahoo mit der des saturierten Riesen Microsoft zusammen? Lässt sich Kreativität durch Marktmacht fördern?

Noch stärker sind die Bedenken aus Sicht des Wettbewerbs. Die internationalen Kartellbehörden, also vor allem die EU-Kommission und das US-Justizministerium werden den Fall so oder so prüfen müssen. Brüssels Wettbewerbskommissariat ist notorisch streng gegenüber Microsoft; Washington war während der vergangenen sieben Jahre im Zweifel eher industriefreundlich, aber das könnte sich nach einem Regierungswechsel ändern. Die Wettbewerbshüter müssen abwägen: Auf der einen Seite dürfen sie den wirtschaftlichen Fortschritt nicht bremsen. Im Geschäft mit dem Internet steht, wie in anderen Industrien auch, eine Phase der Konsolidierung an. Auch bei Google gehen die Wachstumsraten zurück, nicht jedes Unternehmen kann überleben, Fusionen können mehr Effizienz und bessere Angebote für die Verbraucher bringen.

Andererseits lässt sich die Marktmacht von Microsoft nicht nur aus seiner Position im Internet beurteilen, sie liegt auch in der überragenden Stellung des Konzerns bei Betriebssystemen für Computer. Unvergessen ist, mit welcher Leichtigkeit Microsoft vor zehn Jahren den Internet-Browser Netscape vom Markt fegte, indem der Konzern den eigenen "Explorer" in seine Standard-Software packte. Die Fähigkeit, ein Quasi-Monopol bei Software zu benutzen, um andere Märkte aufzurollen, macht Microsoft so gefährlich.

Längst verschwimmen die Grenzen im zwischen Internet, Telekommunikation und Medienindustrie. Niemand kann wohl sein bei dem Gedanken an einen Konzern, der von Betriebssystemen über die Internet-Suche, E-Mail-Dienste und Fernsehprogramme alles anbietet und dort auch noch die Spitze anstrebt.

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(SZ vom 02.02.2008/mah)