Merkel und Medwedjew eröffnen Ostseepipeline Am Regler der Macht

Für Westeuropa bedeutet sie Hoffnung, für die USA ist sie Beweis russischer Dominanz und für einen polnischen Politiker gar die Neuauflage des Hitler-Stalin-Pakts: Kanzlerin Angela Merkel und Russlands Präsident Medwedjew drehen den Hahn der umstrittenen Ostseepipeline auf. Ein Vorgänger Merkels hatte bei dem Deal geholfen.

Von Markus Balser, Lubmin

Glänzend ragen die letzten Meter der Ostsee-Pipeline aus dem Meer. Eingezwängt zwischen Ostsee, einem Kanal und den Überbleibseln des 1990 abgeschalteten Atomkraftwerks "Bruno Leuschner" schlängelt sich die Riesenröhre über eine Landzunge bei Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern. Sie hat in Russland ihren Anfang genommen, Finnland rechts und Polen links liegen gelassen. Dann endet das Milliardenprojekt nach 1224 Kilometern in der norddeutschen Provinz.

Doch für Regierungen in Moskau und Westeuropas Hauptstädte bedeutet das Seebad große Hoffnung. Erstmals erreicht russisches Gas hier auf direktem Weg die Europäische Union.

Nach eineinhalb Jahren Bauzeit wurde am Dienstag der erste Strang der 7,4 Milliarden Euro teuren Ostsee-Pipeline offiziell in Betrieb genommen. Dass es dabei um weit mehr geht als um tickende Gaszähler, machte schon die Gästeliste des Festakts in Zelten auf einem Industriegelände klar: Den großen Gashahn der Ostsee-Pipeline drehten unter höchsten Sicherheitsauflagen vor 500 Gästen Russlands Staatspräsident Dmitrij Medwedjew und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auf. Auch Frankreichs Premier François Fillon, der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte sowie EU-Energiekommissar Günther Oettinger waren nach Lubmin gereist.

Für Europas Spitzenpolitiker steht die Pipeline für Macht und den wichtigen Zugang zu immer knapperen Ressourcen. Russlands Staatspräsident Medwedjew würdigte die Eröffnung als "Zeichen dafür, dass wir einen wichtigen Schritt zur Festigung der Beziehungen zur EU und zu Deutschland vollzogen haben". Erstmals gelange russisches Gas direkt in die EU. Die deutsche Regierungschefin Merkel bezeichnete Russland als herausragenden Partner der EU bei der Energieversorgung. Trotz aller Bemühungen zur Diversifizierung der Energiequellen blieben beide Seiten auf Jahrzehnte miteinander verbunden.

Die neue Russland-Röhre gilt als eine der größten ihrer Art. Welch gigantische Dimension das Milliardenprojekt auf dem Grund der Ostsee hat, machen schon die letzten Meter der Pipeline klar. Mehr als 100 000 Elemente mit gewaltigem Durchmesser verschweißten Spezialschiffe auf hoher See. Durch die Ostsee-Pipeline können von sofort an 27,5 Milliarden Kubikmeter Erdgas im Jahr nach Deutschland strömen. Mit Fertigstellung des zweiten Strangs Ende 2012 soll sich die Kapazität auf 55 Milliarden Kubikmeter verdoppeln. Genug für 26 Millionen Haushalte und zwei Drittel der deutschen Gasnachfrage.

Manager verweisen auf die strategische Bedeutung für Konzerne und Verbraucher. "Auf den bisherigen Transit-Wegen gibt es erhebliche Risiken", heißt es aus der Chefetage eines beteiligten Konzerns. 2009 hatte ein Streit zwischen Moskau und Kiew wegen offener Rechnungen tagelang den Transit über die Ukraine lahmgelegt, in einigen Ländern Osteuropas wurde das Gas knapp. Tausende Menschen mussten bei Minusgraden frieren.

Immer fraglicher allerdings wird derzeit, ob Europa derart große Mengen an zusätzlichem Gas überhaupt braucht. Denn während die Konsorten - neben Hauptaktionär Gazprom die deutschen Konzerne Eon und BASF, Frankreichs GDF sowie die niederländische Gasunie - das Projekt seit Jahren zielstrebig verfolgen und es gegen alle Widerstände und Vorbehalte durchgesetzt haben, wachsen auf dem Weltmarkt die Risiken für die Betreiber. Die Branche hat sich seit dem Start der Planung radikal verändert.

Warnung vor der Gasschwemme

War Gas vor drei Jahren in Europa noch knapp und teuer, ist es mittlerweile im Überfluss vorhanden. Die Internationale Energieagentur warnte kürzlich sogar vor einer "Gasschwemme". Schuld sind neue Fördertechnologien in den USA. Seit Firmen dort das Shale Gas aus Schiefergestein fördern, werden die Amerikaner zur Gas-Großmacht - und machen Russland immer mehr Konkurrenz. Das drückt auf die Preise.

Nach Informationen aus Kreisen von Gazprom will der Konzern auch deshalb zunächst nur ein Drittel der Kapazitäten nutzen. Im kommenden Jahr könnten die Liefermengen dann bei Bedarf erhöht werden, hieß es weiter. Der russische Energiekonzern, der mit 51 Prozent auch Mehrheitseigner der Nord Stream AG ist, liefert das Gas aus seinem Feld Juschno-Russkoje auf der westsibirischen Halbinsel Jamal. Die Region gilt als eine der weltweit größten Lagerstätten.

Über keine andere Pipeline-Trasse wurde in den vergangenen Jahren so viel debattiert wie über Nord-Stream. Das von Deutschen und Russen geplante Projekt erinnere an den Hitler-Stalin-Pakt, wetterte der frühere polnische Verteidigungsminister Radek Sikorski 2006, weil es Polen und das Baltikum bewusst umgehe. Das wiederum könnte die Länder, die von russischem Gas abhängen, leichter erpressbar machen, hieß es. Und der amerikanischen Regierung gilt Nord-Stream als Beweis, dass Russland den Gasmarkt dominieren will.

Moskau und Berlin haben den gigantischen Bau seit Jahren voran getrieben. Vor allem Altkanzler Gerhard Schröder (SPD) und der einstige - und wohl zukünftige - russische Präsident Wladimir Putin haben hier Doppelpass gespielt. Sie brachten die Sache auf den Weg.