Merckle und LBBW Zocker in Not

Merckle und die LBBW: Stuttgart erlebt derzeit ein Lehrstück über die Milliarden-Zockereien eines Familienunternehmers und die vielseitigen Geschäfte einer Landesbank.

Ein Kommentar von Thomas Fromm

Es gehört zur Natur der Wirtschaft, dass alles irgendwie miteinander verwoben ist. Manchmal auch mehr, als es auf den ersten Blick scheint. Zum Beispiel im Fall des schwäbischen Alt-Unternehmers Adolf Merckle, der im Zuge des Einstiegs von Porsche bei VW fleißig auf fallende VW-Kurse wettete. Beim Zocken mit Aktienoptionen setzte der viert-reichste Deutsche nicht nur eine Milliarde Euro in den Sand, sondern nebenbei auch die Zukunft seines Imperiums mit Firmen wie Ratiopharm und Heidelberg Cement aufs Spiel. Jetzt soll dem geschäftstüchtigen Milliardär mit dem Ruf eines knallharten Patriarchen, der selbst bislang nicht gerade als Wohltäter aufgefallen war, geholfen werden. Das Land Baden-Württemberg soll mit einer Kreditbürgschaft einspringen; angeblich stehen bereits 40 Institute Gewehr bei Fuß, um Merckle zu helfen - allen voran Merckles Hausinstitut, die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) und die Commerzbank.

Mit der LBBW beginnt auch die zweite Geschichte. Die größte deutsche Landesbank braucht eine milliardenschwere Kapitalspritze aus dem Rettungsfonds des Bundes, um in Zeiten der Finanzkrise ihr Eigenkapital zu stärken - und sich so gegen alle Risiken abzusichern. Einen "ordentlichen Schluck aus der Pulle" soll es für die LBBW geben, sagen Insider. Was sie nicht sagen: Mit dem großen Schluck könnte am Ende indirekt auch Merckle versorgt werden - denn auch er dürfte wohl eines der Risiken sein, auf die sich die LBBW künftig einstellen muss.

Merckle, die LBBW und der Schluck aus der Pulle - was sich in diesen Tagen in Stuttgart abspielt, gleicht einem verzwickten Hütchenspiel. Es ist ein Lehrstück über die Milliarden-Zockereien eines Familienunternehmers, aber ebenso über die vielseitigen Geschäfte einer Landesbank. Schon seit vielen Jahren ist die LBBW Merckles Hausbank. Daran allein ist noch nichts Verwerfliches. Jedes Unternehmen braucht seine Hausbank. Sollte allerdings etwas an den Gerüchten dran sein, dass ausgerechnet Manager der Landesbank den Milliardär bei seinen Aktienwetten begleitet und ihm zu riskanten Optionsgeschäften geraten haben, hätte dies ein gewisses Gschmäckle. Denn dann wäre man zuerst beim Feuerlegen mit dabei gewesen - und müsste nun beim Löschen helfen. Wohlgemerkt: mit Steuergeldern. Denn auch die LBBW kommt, wie andere öffentliche Institute in München oder Düsseldorf, nicht mehr allein und ohne Milliardenhilfen durch die Finanzkrise. All das genügt schon, um sich die Geschäftsmodelle und -praktiken von Landesbanken - nicht nur der LBBW - einmal genauer anzuschauen.

Nicht zuletzt auch wegen der besonderen Rolle der Landesbank im Fall des Adolf Merckle musste sich die Stuttgarter Landesregierung in den vergangenen Tagen die Verluste des Milliardärs etwas genauer ansehen. Denn: Würde Merckle fallen, hätte auch die Hausbank ein veritables Problem - im schlimmsten Fall würden Milliardenkredite platzen und in die Bilanzen der Landesbank hauen. In die Bilanzen jener Bank also, bei der das Land einer der Haupteigentümer ist.

Aus Stuttgart heißt es nun erst einmal, dass der Unternehmer vorerst wohl ohne eine Kreditbürgschaft des Landes Baden-Württemberg aus der Krise kommen muss. Zu Recht, sagt sich der Steuerzahler, denn wer bei dem Versuch, sein Geld auf Teufel komm raus zu vermehren, dieses mit riskanten Geschäften verzockt, verdient nicht die Solidarität der Gemeinschaft. Auch wenn es stereotyp klingen mag: Da könnte jetzt jeder kommen. Menschen, die in diesen Zeiten viel Geld verlieren, gibt es genug. Aber: Sie sind nicht so reich wie Merckle, besitzen kein Firmenimperium mit Unternehmen wie Ratiopharm oder Heidelberg Cement, erwirtschaften keine 35 Milliarden Euro Umsatz und beschäftigen keine 100000 Menschen. Daher lautet die schlechte Nachricht: Am Ende wird so oder so der Steuerzahler mit für die Milliarden-Probleme des reichen Herrn Merckle geradestehen. Wenn auch nur indirekt über die Hilfen der Landesbank. Bevor es so weit kommt, sollte Merckle aber noch einmal sein Privatvermögen überprüfen. Vielleicht geht ja noch was.