Merck-Konzern Mächtiger Familienclan

Die Zukunft des Merck-Konzerns bestimmen 130 Personen - im Hintergrund wirkt der frühere Lufthansa-Manager Karl-Ludwig Kley.

Von Sibylle Haas und Harald Schwarz

Michael Römer ist ein freundlicher Mensch. Er spricht ruhig und gelassen, ist kein Selbstdarsteller und präsentiert sich als bodenständiger Mann. Man traut dem Chef des Darmstädter Pharma- und Chemieherstellers Merck nicht zu, dass es ihm in den Sinn kommen könnte, die feindliche Übernahme eines anderen Unternehmens einzufädeln oder - wie jetzt - die Rolle des Querschlägers bei der Übernahme der Pharmafirma Schering durch Bayer zu geben.

Römer dürfte ohnehin nur das ausführende Organ des Willens der Erben der Merck-Gründer sein. Auf die Chefposition des Konzerns kam er eher zufällig, weil die Familiengesellschafter im Herbst vorigen Jahres kurzerhand den zu eigenwillig herrschenden Bernhard Scheuble vom Thron des Vorsitzenden der Merck-Geschäftsleitung stießen.

Das Machtzentrum des Darmstädter Konzerns liegt zunächst in der Gesellschafterversammlung, der 130 Mitglieder der Merck-Familie angehören. Diese bestimmen einen Familienrat, der momentan aus neun Männern besteht. Die einflussreichsten Mitglieder in diesem Gremium sind Frank Stangenberg-Haverkamp, der früher als Investmentbanker arbeitete, und Jon Baumhauer, ein Kinderpsychologe, der seine Macht gerne relativiert, indem er betont: "Gute Ideen haben immer viele Väter."

Öffentliche Auftritte dieses Duos sind selten. Doch als Merck im vergangenen März die Schering-Übernahme verkündete, saß Baumhauer mit auf dem Podium und beantwortete die Fragen der Journalisten - firmenintern wurde das als kleine Sensation gewertet.

Ein weiterer, äußerst machtbewusster Mann gilt als wichtige Schlüsselfigur bei Merck: Karl-Ludwig Kley. Der Manager sitzt im Gesellschafterrat von Merck, dessen Mitglieder von der Familie bestimmt werden. Im September geht Kley als stellvertretender Vorsitzender der Geschäftsleitung und persönlich haftender Gesellschafter zu dem Darmstädter Pharmakonzern. Kley, der zuletzt als Finanzvorstand bei der Lufthansa tätig war, sollte ursprünglich Schering in den Merck-Konzern integrieren.

Er gilt als designierter Konzernchef - die Abwicklung der Schering-Übernahme hätte sein Meisterstück werden und ihn als neuen Mann an der Unternehmensspitze auszeichnen sollen. Doch nach dem Vorstoß des Bayer-Konzerns, der mehr für Schering geboten hatte, könnte Kley plötzlich ohne große Aufgabe dastehen. Eigentlich sollte er "die Weichen für die Schaffung eines bedeutenden deutschen Pharma- und Chemie-Unternehmens stellen", so zumindest ließ sich Stangenberg-Haverkamp in der Pressemitteilung zu Kleys Ernennung am 13. März zitieren.

Kley werde, so verlautbart Merck dann in dürren Worten Ende Mai, "den Aufgabenbereich von Dr. Jan Sombroek übernehmen". Sombroek geht in den Ruhestand und war verantwortlich für die Bereiche Personal, Information Services sowie für die Pharma- und Chemiegeschäfte in Lateinamerika, Indien, Indonesien, Pakistan, auf den Philippinen, in Thailand und Vietnam. Es gilt in der Branche als wahrscheinlich, dass Kley bei Merck im Hintergrund die Fäden zieht.

Zeit dazu hätte er genug. Denn der 55-Jährige hat sich Ende Mai bei der Lufthansa verabschiedet und macht bis September ein Sabbatical. Zu den Vorgängen in der Pharmabranche äußert er sich natürlich nicht. Den begeisterten Fußballfan (Bayer 04 Leverkusen) interessiert derzeit vor allem eines: die Weltmeisterschaft.