Von Gökalp Babayigit

Lei Fang und seine Familie gehören zur wachsenden Mittelschicht, die über viel Geld verfügt und das Leben genießen will.

Zu viel Moderne muss nicht sein, findet Lei Fang. Er steht im 12. Stock auf einem der zwei Balkone seiner 200 Quadratmeter großen Eigentumswohnung. Von hier aus kann er über den Suzhou blicken. Den Fluss säumen noch viele einstöckige Häuser, doch sie könnten wie viele alte Gebäude Shanghais schon bald abgerissen werden. "Noch mehr Hochhäuser würden unsere Aussicht beeinträchtigen", sagt Lei. Doch die Stadt braucht Platz - für noch mehr Büros und Einkaufszentren, für noch komfortablere Wohnungen, kurz: für Familien mit Geld wie die von Lei Fang, die zur wachsenden Mittelschicht Chinas gehören.

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Reich geworden, bescheiden geblieben: So sehen sich Lei Fang und seine Frau Dai Jie. Das Ehepaar will das Leben genießen und dem 14-jährigen Sohn Fang Zheng eine gute Zukunft geben. (© Foto: Babayigit)

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Geld spielt eine große Rolle

Lei Fang ist einer der Chinesen, die die soziale Leiter regelrecht nach oben gestürmt sind. Er wurde im östlichen Pudong geboren, als es noch ein Dorf war und noch keine Wolkenkratzer dastanden. Er wuchs als Sohn eines Mittelschullehrers auf. "Es waren einfache Verhältnisse", sagt Lei Fang. Nach dem Studium wählte er das Film- und Kinogeschäft.

So stürmisch, wie sich sein Geburtsort entwickelte, machte auch er Karriere. Nach 15 Jahren in der Produktion und im Verleih hat er einen Beruf, "den es erst seit zwei Jahren gibt": Er ist Geschäftsführer einer Agentur, die Kinowerbung macht, eine der vielen boomenden Branchen in China. Besonders die chinesischen Filme seien wieder gefragt. "Vor allem die Mittelschicht geht ins Kino", sagt er, und diese Bevölkerungsgruppe werde immer größer.

Trotz seines rasanten Aufstiegs sei er ein traditionell denkender Mensch, so Lei. Er will bescheiden klingen und nicht zu der protzenden Oberschicht gezählt werden. Er brauche keine extravaganten Anzüge, sondern bevorzuge immer etwas Bequemes, und er bleibe lieber zu Hause statt auszugehen. Doch wie in ganz China spielt auch in seiner Familie das Geld heute eine große Rolle, eine viel größere als früher. "Natürlich haben wir unsere Tradition und Kultur im Kopf", sagt Ehefrau Dai Jie, die ein fließendes Kleid eines westlichen Designers trägt. "Aber beim Konsum sind wir modern."

Chinas neues Bürgertum umfasst - je nach Definition - zwischen 100 und 200 Millionen Menschen. Sie sind besser ausgebildet, haben mehr Geld zur Verfügung und sind aufgeschlossener als die Generation ihrer Eltern. Die Leis gehören zum oberen Drittel dieser neuen Mittelschicht. Ihre Wohnung liegt in einer Siedlung für Luxusapartments. Lei Fang hat sie vor vier Jahren für eine Million Renminbi gekauft, umgerechnet etwa 100.000 Euro. Im Hof der Anlage steht mehr als ein Dutzend deutscher Limousinen, Fang selbst fährt einen BMW.

Überhaupt: Die Leis mögen Deutschland. "Alles von hervorragender Qualität", schwärmt Lei Fang. Ihre Küche und viele ihrer Möbel sind deutsches Fabrikat. Auch in den Urlaubsplanungen, die für die Familie sehr wichtig sind, spielt Deutschland eine große Rolle. Ehefrau Dai Jie schwärmt heute noch vom bayerischen Füssen, das ihr auf ihrer Rundreise durch Europa am besten gefallen habe. Sie war auch schon in Italien und in Frankreich. Den 14-jährigen Sohn Fang Zheng zieht es aber in die Niederlande - wegen der schönen Landschaften. Im nächsten Urlaub geht es nach Japan, ins Disneyland nach Tokio.

Alles für den Nachwuchs

"Früher war es das Wichtigste, eine gute Arbeit zu finden", erinnert sich Lei Fang an die Zeit während des Studiums Ende der achtziger Jahre, als er auch seine Frau kennenlernte. Er blickt sich in seinem luxuriösen Wohnzimmer um und sieht seinen Plasmabild-Fernseher, die Hi-Fi-Anlage, den dunklen Parkettboden, die Ledercouchgarnitur. Arbeit ist Mittel zum Zweck geworden. "Heute wollen wir dieses Leben genießen. Deswegen arbeiten wir so hart", sagt Lei Fang. Neben dem angenehmen Leben einer wohlhabenden chinesischen Familie gibt es aber noch etwas, das bei den Leis äußerst wichtig ist: die Ausbildung ihres Sohnes.

Der 14-Jährige habe es so viel einfacher als sie selbst, sagen seine Eltern. Sie böten ihm alle Chancen, ihm stünden viel mehr Möglichkeiten offen als ihnen damals; er könne studieren, was er wolle, Sprachen lernen, ins Ausland gehen. Sie haben nicht den leisesten Zweifel: Er wird es eines Tages noch besser haben als sie. Nur geschenkt werde ihm nichts. "Er wird sich trotzdem sehr anstrengen müssen", sagt seine Mutter und schaut ihn an. Es klingt wie eine Warnung.

Der 14-Jährige sagt nichts zu den vielen Möglichkeiten oder Chancen, die er für sich sieht. Vielleicht ahnt er, dass er es nicht so leicht haben wird wie seine Eltern, die mit Chinas Öffnung und der sich aus ihr entfaltenden wirtschaftlichen Dynamik gute Jobs ergattert haben. Die Mittelschicht wächst und damit auch das Gedränge am Arbeitsmarkt. Allein im vergangenen Jahr haben sich nach Angaben des nationalen Statistikbüros 5,6 Millionen junge Chinesen an den Universitäten eingeschrieben; insgesamt waren 2007 fast 19 Millionen Studenten immatrikuliert. Die Konkurrenz wird nicht kleiner, und die Wirtschaft wird nicht ewig weiterwachsen.

Fang Zheng hat einen Berufswunsch - er möchte ins IT-Fach. Ansonsten spricht er aber lieber über das Heute. "Meine Hobbys sind Online-Chatten mit meinen Freunden, Basketball spielen und Bücher lesen", sagt Fang Zheng in schüchternem Englisch, das aber besser ist als das seines Vaters.

"I am a selfmade man", sagt Lei Fang und lächelt. Alles, was er erreicht habe, habe er aus eigener Kraft geschafft. Seine Familie sei glücklich und gesund, sie wohnten in einer schönen Wohnung. Er könne seiner Frau und seinem Sohn alles bieten. Und er müsse nicht wie viele andere wohlhabende Chinesen ständig über Geld sprechen. "Auch wenn ich es nicht zu einem Big Boss geschafft habe, bin ich zufrieden." Lei Fang sagt, dass diese Genügsamkeit etwas typisch Chinesisches sei. Zu viel Moderne muss ja nicht sein.

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(SZ vom 29.07.2008/jkr)