Von Steffen Uhlmann

Immer mehr Deutsche packen ihre Koffer, dafür kommen immer mehr Ausländer nach Deutschland. Unter dem Strich bleibt ein Überschuss - Deutschland wächst. Nur in Ostdeutschland bleiben zunehmend die Menschen weg.

Peter Friedrich und seine Frau Marion haben Anfang November 2007 ihren Polo bis unters Dach beladen und sind in die Schweiz abgefahren - für immer. Der junge Thüringer Hotelfachwirt hat in einem Zürcher Mittelklassehotel einen Job an der Rezeption gefunden. Seine Frau arbeitet seit kurzem als Kellnerin in Zürich. Das Ehepaar gehört zu den 20.000 Deutschen, die im vergangenen Jahr in die Schweiz ausgewandert sind.

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Goodbye, Deutschland: Immer mehr Menschen suchen ihr Glück dauerhaft im Ausland. (© Foto: AP)

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Das Nachbarland ist damit das beliebsteste Ziel deutscher Auswanderer, weit vor den USA mit 14.000 sowie Österreich und Polen (jeweils 10.000). Insgesamt kehrten laut Statistischem Bundesamt in Wiesbaden mindestens 165.000 Deutsche der Bundesrepublik den Rücken. Die Zahl der Fortzüge stieg damit gegenüber dem Jahr zuvor um sechs Prozent.

Dieser Aufwärtstrend bei den Fortzügen ist stabil. Schon in den vergangenen Jahren war die Zahl der Auswanderer aus Deutschland kontinuierlich angestiegen. 2005 zog es 145.000 Deutsche in die Ferne, im Jahr darauf waren es bereits 155.000. Für die Wissenschaftler des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin ein Fingerzeig, dass die Deutschen immer mobiler werden.

Vielzahl an Motiven

Nach ihrer Anfang des Jahres vorgelegten Studie, für die Daten von 2000 Befragten ausgewertet wurden, kann sich jeder Vierte vorstellen, seinen Lebensmittelpunkt zumindest für eine bestimmte Zeit ins Ausland zu verlegen. Allerdings gaben nur zwei Prozent an, konkret auch einen Umzug zu planen.

Deutlich höhere Löhne und ein in Vergleich zu Deutschland sicherer Arbeitsplatz in der Schweiz haben die Friedrichs ihre Koffer packen lassen. Diese Sozialstandards sind eine der Hauptgründe für Auswanderer, die einzigen aber sind sie nicht. Migrationsforscher weisen auf eine Vielzahl von Motiven unter den Abwanderern hin - vom Rentner, der seinen Lebensabend in klimatisch angenehmeren Regionen verbringen will, über enttäuschte Russlanddeutsche bis hin zu Auswanderern, die bereits Auslandserfahrungen gesammelt haben und soziale Kontakte wieder auffrischen wollen.

Allein aus dieser Gruppe, so das DIW, rekrutierten sich etwa ein Fünftel der Abwanderungswilligen. Migrationsforscher Thomas Straubhaar, Präsident das Hamburger Weltwirtschaftsinstituts, warnt schon seit langem vor voreiligen Schlüssen aus der Abwanderungsbewegung von Hochqualifizierten. Der von Wirtschaftsverbänden und Politikern kritisierte Wissensabfluss (brain drain) ist aus seiner Sicht längst nicht ausgemacht. Im Gegenteil, von Deutschen, die auf Zeit ins Ausland gingen, dort Erfahrungen sammelten und Kontakte knüpften, profitiere letztlich nach ihrer Rückkehr die gesamte heimische Volkswirtschaft.

Mehr Ausländer nach Deutschland

Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes stützen Straubhaars These. Schließlich stieg im vergangenen Jahr trotz vermehrter Auswanderung auch die Zahl der deutschen Rückkehrer um acht Prozent auf 111.000. Der reale Wanderungsverlust unter den Deutschen beträgt demnach 54.000, nach 52.000 im Jahr zuvor. Weiter erhöht hat sich dagegen 2007 der Wanderungsüberschuss insgesamt. Unter Einbeziehung auch der deutschen Auswanderer und Rückkehrer verdoppelte er sich gegenüber 2006 auf 48.000 Menschen - 683.000 zogen 2007 zu, knapp 635.000 fort.

Dieser Aufwärtstrend wurde möglich, weil 2007 erstmalig seit sechs Jahren wieder mehr Ausländer nach Deutschland gezogen sind. Die Zahl der Neuankömmlinge aus dem Ausland stieg gegenüber dem Vorjahr um zwei Prozent auf 572.000. Zugleich zogen 470.000 Ausländer - drei Prozent weniger als im Vorjahr - aus Deutschland wieder weg, vornehmlich zurück in ihre Heimatländer.

Ob die Friedrichs jemals nach Thüringen zurückkehren werden, bleibt ungewiss. Für den Freistaat und die anderen neuen Ländern wächst damit das Demografieproblem. Zwar sind 2007 nur 14.000 Ostdeutsche ins Ausland abgewandert, weitere 138.000 Personen aber zogen ins alte Bundesgebiet um.

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(SZ vom 20.05.2008/tob)