Von Patrick Illinger

Europas zersplitterte Raumfahrtindustrie soll geordnet werden.

(SZ vom 27.05.2003) — Raketentechniker freuen sich in diesen Tagen schon über kleine Erfolge: einen geglückten Start zum Beispiel. "Flug 160" - der 11. erfolgreiche Charterflug einer Ariane 5 im April dieses Jahres - ist der Betreibergesellschaft Arianespace eine Titelseite der Mai-Ausgabe ihrer Monatsschrift wert. Die Freude mag verständlich sein, denn insgesamt haben Europas Raumfahrtmanager zurzeit nicht viel Spaß.

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Im Dezember des vergangenen Jahres war das erste Exemplar der neuen Ariane5 an der Hitze ihres neuen, verstärkten Triebwerks gescheitert. Das Kühlsystem des Hauptaggregats hatte versagt und das teure Stück musste zusammen mit den zwei Satelliten an Bord über dem Atlantik gesprengt werden.

Nun sind zwei Testflüge im März und im September des kommenden Jahres angesetzt, von deren Erfolg immerhin die Zukunft der europäischen Raumfahrt abhängt. Zehn statt bisher sechs Tonnen Nutzlast soll die neue Ariane 5 ins All tragen können. Die Instandsetzung der Rakete ist daher ein wesentlicher Punkt auf der Tagesordnung, wenn am heutigen Dienstag in Paris der für die Raumfahrt zuständige Ministerrat unter Vorsitz von Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn zusammenkommt.

Der Unfall vom Dezember hat den Einsatz der neuen Ariane ausgerechnet zu einer Zeit gefährdet, in der die Nachfrage nach Satelliten weltweit abnimmt und Konkurrenzanbieter aus den USA auf den Markt drängen.Und: Seit dem Fehlschlag vom Dezember häufen sich kritische Stimmen, welche die gesamte Struktur der europäischen Raumfahrt in Frage stellen.

Der Absturz hat offenbart, dass das zersplitterte Gefüge von Herstellern und Verantwortlichen in der europäischen Raumfahrt arge Sicherheitsrisiken birgt. Im Angesicht von Kompetenzwirrwarr und undurchsichtigen Kostenentwicklungen drängt die Bundesregierung nun darauf, die industrielle Produktion der Ariane-Raketen unter einem Dach zu bündeln. Diese Aufgabe wird der EADS-Konzern übernehmen.

Teurer Spaß

Die Betreibergesellschaft Arianespace soll sich fortan auf die Vermarktung von Transportflügen konzentrieren und die dafür nötigen Ariane-Raketen von EADS kaufen.

Etwa eine Milliarde Euro wird der Unfall und die neuen Pläne die europäischen Steuerzahler kosten. Doch Raumfahrt ist stets ein Anliegen der Politik. Das geplante europäische Satellitennavigationssystem Galileo zum Beispiel beobachten die USA mit Argwohn.

Diesem Projekt dürften Hürden im Weg stehen, wenn die dazu nötigen Satelliten auf amerikanischen Raketen in den Orbit starten müssten. "Ohne eigene Trägerrakete gibt es keine europäische Raumfahrt", warnt die französische Forschungsministerin und ehemalige Raumfahrerin Claudie Haigneré.

Mit etwas Wehmut blicken Europas Raketeningenieure dem Vorgängermodell Ariane 4 hinterher: Die robuste Rakete hatte zuletzt 74 Flüge ohne Zwischenfall absolviert und den noch immer guten Ruf europäischer Raumfahrt begründet. Doch die letzte Ariane4 ist im Februar dieses Jahres gestartet.

Vor diesem Hintergrund mutet ein weiteres Thema der heutigen Ministerrunde fast seltsam an: Mittelschwere Nutzlasten soll Arianespace ab 2006 von Französisch Guyana aus mit gekauften russischen Sojus-Raketen ins All befördern. Alte Sowjet-Technik soll also die hoch fliegenden Europa-Träume retten.

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