Nicht an jeder Pleite ist die Krise Schuld, oft rächen sich Missstände in den Firmen. Das Rechnungswesen wird vernachlässigt und bei den Daten geschludert.
"In vielen Betrieben, in die wir hineinkommen, herrscht ein entsetzliches Wirrwarr und ein entsetzlicher Mangel an Übersicht bei den Zahlen", sagte Siegfried Beck im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung. Beck ist Vorsitzender des Verbands der Insolvenzverwalter Deutschlands (VID) und Gründer und Inhaber einer Sozietät, die als Kanzlei Nummer eins in Bayern gilt. Die Buchhaltung sei "oft nicht in Ordnung, hinke Monate hinterher".
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Manche gestandenen Unternehmer, die hervorragende Fachleute seien, hätten ihre Firmen nicht im Griff. Bitte man sie um Liquiditäts- und Ergebnisrechnungen, komme als Antwort: "Das machen wir nicht. Das ist theoretisches Zeug und bringt nichts." Manche wüssten nicht einmal, mit welchen Produkten sie Gewinne und mit welchen sie Verluste machten.Beck vermisst in solchen Betrieben funktionierende Frühwarnsysteme. Sie fehlten "in den meisten Fällen". Offenen Auges würden solche Firmen ins Verderben rennen, weil sie kein Risiko-Management hätten. Warnsysteme seien vorgeschrieben im Gesetz zur Kontrolle und Transparenz im Unternehmensbereich (Kontrag). Viele meinten, dieses Regelwerk gelte nur für Aktiengesellschaften. Doch das sei ein Irrtum. Bei der Risikokontrolle gebe es einen "immensen Nachholbedarf", besonders bei kleinen Unternehmen und im Mittelstand.
Eine Prognose zur Entwicklung der Firmenpleiten 2009 wagt der VID-Vorsitzende nicht. Aber auf alle Fälle werde die Zahl der Zusammenbrüche von Betrieben steigen, sagte er. Couragierter ist der Kreditversicherer Euler Hermes, der ein Plus von zwölf Prozent auf 33 800 Insolvenzen von Unternehmen voraussagt. Noch wagemutiger ist die Wirtschaftsauskunftei Creditreform. Sie erwartet einen Anstieg der Firmenpleiten um fast 18 Prozent auf nahezu 35 000 Fälle.
Retten statt abwickeln
Creditreform-Vorstand Helmut Rödl betonte, in Krisenzeiten räche es sich, dass zu wenig Betriebe in besseren Zeiten ihr Eigenkapital aufgestockt hätten. Für diese Firmen werde es jetzt deutlich schwieriger, benötigte Kredite zu bekommen. Auf die 1800 Insolvenzverwalter in Deutschland wartet 2009 also viel Arbeit. Es hätte sogar noch mehr sein können. Doch Beck verteidigt die Nothilfen und Rettungsaktionen des Staats. "Der eine oder andere Verstoß gegen die reine marktwirtschaftliche Lehre muss hingenommen werden, um ein soziales Desaster zu vermeiden", sagte er. Er begrüßt auch die Änderung der Insolvenzordnung. Eine reine Überschuldung muss nicht mehr zu einer Pleite führen, wenn eine Firma noch ausreichend Liquidität hat. Beck befürchtet allerdings, "dass uns der eine oder andere jetzt gerettete Fall in einigen Monaten oder Jahren doch wieder vor die Füße fallen könnte".
Oberstes Credo des VID-Vorsitzenden ist es, fallierte Firmen möglichst zu sanieren und nicht gleich abzuwickeln. "Wir sind Rettungssanitäter und Notärzte", sagte er. Allerdings zählt er nur die Hälfte der Berufsangehörigen zu den "Vollprofis". Die andere Hälfte - "die Auch-Verwalter", wie er sie nennt - könne heutzutage die Fülle der Aufgaben nicht mehr bewältigen. Von diesen Nicht-Profis würden Insolvenzen "zu oft einfach abgewickelt", kritisierte Beck: Damit würden große betriebs- und volkswirtschaftliche Schäden angerichtet.
Nicht nur bei den Insolvenzverwaltern sei einiges zu verbessern. Die Gerichte müssten den professionellen Insolvenzverwaltern, die sich mit Betriebswirten und Spezialisten umgeben hätten, "auf Augenhöhe" begegnen können, fordert Beck. Bei Richtern und Rechtspflegern liege allerdings auch "vieles im Argen". Diese brauchten dringend Zusatzausbildungen in Betriebswirtschaft und sollten dann entsprechend bezahlt werden. Fortbildungen mahnte Beck zudem bei den Schuldnerberatern an.
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(SZ vom 29.12.2008/mel)
Unternehmen müssen von innovativen Unternehmern geführt werden, die aber Mitarbeiter neben sich - und nicht unter sich - haben, die die Zahlen des Unternehmens im Griff haben, um Klippen zu erkennen und dazu beitragen, das Unternehmen auf Erfolgskurs zu halten.
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Obschon ich persönlich die Buchhaltung in der Tat sinnvollerweise deutlich unterhalb einer Geschäftsführung angesiedelt sähe, kann ich dazu nur sagen: Wenn es mal so wäre, dass diese Mitarbeiter neben der Geschäftsführung tätig wären, dann wäre schon vieles gewonen. In vielen Unternehmen aber ist (zugespitzt betrachtet) die Buchhaltung längst die Geschäftsführung. Einziges Entscheidungskriterium ist dann nur noch das nächste Quartalsergebnis. Nicht das Produkt oder womöglich gar noch die Mitarbeiter sind dann Mittelpunkt des unternehmerischen Wirkens, sondern nur noch das Betriebsergebnis (das natürlich simmen muss, aber niemals allein den Ausschlag für Entscheidungen geben darf).
Im Exzess führt so etwas dann schon mal dazu, dass z.B. aus kerngesunden Stahlfirmen Telefonanbieter, Touristikunternehmen oder sonstwas werden, nur weil das momentan gerade mehr Geld verspricht. Und selbst wenn es nicht soweit kommt, macht die Machtübernahme der Buchhalter in vielen Unternehmen das Arbeiten zur Qual. Nicht alles was in einem Unternehmen entschieden werden muss, lässt sich mit der Erstklässler-Mathematik von Betriebswirten berechnen...
Das Beispiel BenQ des Vorkommentators zeigt nochmals der Missstände bei den Gerichten auf. Gläubigerversammlungen werden dermaßen durch die Gerichte manipuliert, das dies nicht mir Recht und Gesetz in Einklang zu bringen ist.
Ich selber kann mich an eine Gläubigerversammlung erinnern in der der Verwalter abgewählt hätte werden sollen. Der Verwalter ist einfach während der Versammlung auf`s Klo gegangen und nicht mehr gekommen, worauf die Rechtspflegerin die Versammlung auf Wochen unterbrochen hat. Bei den Insolvenzgerichten wird gemauschelt, das sich die Balken biegen.
Die erst 1999 eingeführte Insolvenzordnung hatte eigentlich das Ziel Unternehmen vorrangig vor der Abwicklung zu waren. Nachdem die Erfolgsquote unter 1% liegt, sollten unsere Politiker das Gehirn einschalten.
Die Vergütung der Insolvenzverwalter gehört geändert. Insolvenzverwalter die Abwickeln sollten nur 1/3 der Regelsätze an Vergütung erhalten.
Ich versichere, dass die Erfolgsquote sprunghaft ansteigen würde.
p.s. Die 1% Erfolgsquote der Münchner Insolvenzberater lässt sich in der Justizpressestelle abfragen.
Ich habe selten solch einen Unsinn gelesen - gehört aber schon häufiger.
Was sind das doch für tolle Macher, die nicht wissen, mit welchen Produkten Sie denn überhaupt Gewinne fahren, geschweige denn, wie hoch der DB ist.
Das Hauptproblem - neben zu hohen Ausgaben - kommt schon dann auf, wenn die Firma noch wirklich gute Erträge liefert, aber keiner so richtig weiß, woran das eigentlich liegt. Umsatzsteigerungen alleine bringen es nicht - ich muß schon wissen, welches Produkt welchen Deckungsbeitrag liefert, sonst kann ich den Umsatz mit dem falschen Produkt erhöhen.
Diese völlige Unkenntnis der produktspezifischen Ertragssituation führt dann in einer schwierigeren Wirtschaftslage zum Kollaps.
Dabei ist eines völlig klar : Unternehmen müssen von innovativen Unternehmern geführt werden, die aber Mitarbeiter neben sich - und nicht unter sich - haben, die die Zahlen des Unternehmens im Griff haben, um Klippen zu erkennen und dazu beitragen, das Unternehmen auf Erfolgskurs zu halten.
Was soll uns das alles sagen? Dass auch noch die letzten verbliebenen von Fachleuten geführten Unternehmen endlich unter die Kuratel der Zahlendreher und Erbsenzähler gestellt gehören, denen die Produkte ihrer Firma letztlich vollkommen egal sind (wenn sie sie denn überhaupt ansatzweise begreifen)? Gott bewahre. Zum Glück gibt es noch das eine oder andere Unternehmen, das von denen geführt wird, die die Produkte machen.
Das Problem ist eher, dass es davon mittlerweile viel zu wenig gibt. Noch mehr Buchhalter, -prüfer, -verdreher führen nicht zu weniger Pleiten sondern zu nichts weiter als weiteren (betriebs- und volkswirtschaftlich vollkommen unproduktiven) Kostenstellen.
"Das Rechnungswesen wird vernachlässigt und bei den Daten geschludert. "
Das ist kein Versäumnis, es ist gewollt. Man hat einen wohlbekannten Begriff für solche "Geschäftspraktiken" : kreative Buchführung.
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