Von Harald Schwarz

Nicht an jeder Pleite ist die Krise Schuld, oft rächen sich Missstände in den Firmen. Das Rechnungswesen wird vernachlässigt und bei den Daten geschludert.

"In vielen Betrieben, in die wir hineinkommen, herrscht ein entsetzliches Wirrwarr und ein entsetzlicher Mangel an Übersicht bei den Zahlen", sagte Siegfried Beck im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung. Beck ist Vorsitzender des Verbands der Insolvenzverwalter Deutschlands (VID) und Gründer und Inhaber einer Sozietät, die als Kanzlei Nummer eins in Bayern gilt. Die Buchhaltung sei "oft nicht in Ordnung, hinke Monate hinterher".

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Manche gestandenen Unternehmer, die hervorragende Fachleute seien, hätten ihre Firmen nicht im Griff. Bitte man sie um Liquiditäts- und Ergebnisrechnungen, komme als Antwort: "Das machen wir nicht. Das ist theoretisches Zeug und bringt nichts." Manche wüssten nicht einmal, mit welchen Produkten sie Gewinne und mit welchen sie Verluste machten.Beck vermisst in solchen Betrieben funktionierende Frühwarnsysteme. Sie fehlten "in den meisten Fällen". Offenen Auges würden solche Firmen ins Verderben rennen, weil sie kein Risiko-Management hätten. Warnsysteme seien vorgeschrieben im Gesetz zur Kontrolle und Transparenz im Unternehmensbereich (Kontrag). Viele meinten, dieses Regelwerk gelte nur für Aktiengesellschaften. Doch das sei ein Irrtum. Bei der Risikokontrolle gebe es einen "immensen Nachholbedarf", besonders bei kleinen Unternehmen und im Mittelstand.

Eine Prognose zur Entwicklung der Firmenpleiten 2009 wagt der VID-Vorsitzende nicht. Aber auf alle Fälle werde die Zahl der Zusammenbrüche von Betrieben steigen, sagte er. Couragierter ist der Kreditversicherer Euler Hermes, der ein Plus von zwölf Prozent auf 33 800 Insolvenzen von Unternehmen voraussagt. Noch wagemutiger ist die Wirtschaftsauskunftei Creditreform. Sie erwartet einen Anstieg der Firmenpleiten um fast 18 Prozent auf nahezu 35 000 Fälle.

Retten statt abwickeln

Creditreform-Vorstand Helmut Rödl betonte, in Krisenzeiten räche es sich, dass zu wenig Betriebe in besseren Zeiten ihr Eigenkapital aufgestockt hätten. Für diese Firmen werde es jetzt deutlich schwieriger, benötigte Kredite zu bekommen. Auf die 1800 Insolvenzverwalter in Deutschland wartet 2009 also viel Arbeit. Es hätte sogar noch mehr sein können. Doch Beck verteidigt die Nothilfen und Rettungsaktionen des Staats. "Der eine oder andere Verstoß gegen die reine marktwirtschaftliche Lehre muss hingenommen werden, um ein soziales Desaster zu vermeiden", sagte er. Er begrüßt auch die Änderung der Insolvenzordnung. Eine reine Überschuldung muss nicht mehr zu einer Pleite führen, wenn eine Firma noch ausreichend Liquidität hat. Beck befürchtet allerdings, "dass uns der eine oder andere jetzt gerettete Fall in einigen Monaten oder Jahren doch wieder vor die Füße fallen könnte".

Oberstes Credo des VID-Vorsitzenden ist es, fallierte Firmen möglichst zu sanieren und nicht gleich abzuwickeln. "Wir sind Rettungssanitäter und Notärzte", sagte er. Allerdings zählt er nur die Hälfte der Berufsangehörigen zu den "Vollprofis". Die andere Hälfte - "die Auch-Verwalter", wie er sie nennt - könne heutzutage die Fülle der Aufgaben nicht mehr bewältigen. Von diesen Nicht-Profis würden Insolvenzen "zu oft einfach abgewickelt", kritisierte Beck: Damit würden große betriebs- und volkswirtschaftliche Schäden angerichtet.

Nicht nur bei den Insolvenzverwaltern sei einiges zu verbessern. Die Gerichte müssten den professionellen Insolvenzverwaltern, die sich mit Betriebswirten und Spezialisten umgeben hätten, "auf Augenhöhe" begegnen können, fordert Beck. Bei Richtern und Rechtspflegern liege allerdings auch "vieles im Argen". Diese brauchten dringend Zusatzausbildungen in Betriebswirtschaft und sollten dann entsprechend bezahlt werden. Fortbildungen mahnte Beck zudem bei den Schuldnerberatern an.

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(SZ vom 29.12.2008/mel)