Seit dem Börsenboom Ende der 90er Jahre sind nicht mehr so viele Unternehmen an die Börse gegangen wie in diesem Jahr. Selbst das Rekordjahr 1999 könnte noch übertroffen werden.
Gelingt dem Geschmacksstoff-Hersteller Symrise am 11. Dezember der Gang an die Börse, wäre dies bereits das 172. Unternehmen, das in diesem Jahr neu auf den Kurstafeln der Deutschen Börse erscheint.
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Im bisherigen Rekordjahr 1999 zählte die Börse 168 Debütanten, ließ dabei jedoch "unechte" Börsenneulinge außen vor, die in der Statistik für 2006 aufgeführt werden.
Bei genauerem Hinsehen relativiert sich denn auch das beeindruckende Bild dieses Jahres. Nur 72 Börsenneulinge haben 2006 beim Börsengang neue Aktien ausgegeben, um Kapital aufzunehmen, und sind damit Neuemissionen im engeren Sinne.
Eine neue Rolle
Die Mehrheit der Börsendebütanten hat lediglich ihre bisher nicht über die Börse handelbaren Aktien öffentlich notieren lassen. Alteigentümer können sich so künftig leichter von Aktien trennen, umgekehrt schafft sich das Unternehmen eine Möglichkeit, in Zukunft Kapital aufzunehmen. "Die Börse wird heute stärker als vor sechs Jahren als Sekundärmarkt genutzt und erweitert so ihre Rolle", sagt Franz-Josef Leven vom Deutschen Aktieninstitut.
Nach 2000 war die Geldquelle Börse für Unternehmen in Deutschland fast völlig versiegt. Erst seit dem Börsengang der Postbank 2004 begann sich der Markt für Neuemissionen wieder zu beleben. 2005 und 2006 erleichterte vor allem der starke Anstieg der Aktienindizes Debütanten den Einstieg.
Jedoch hat sich die Macht zwischen den Emittenten, also Firmen, die Aktien ausgeben, und den Investoren verschoben. Um die Jahrtausendwende konnten Emittenten und ihre Beraterbanken die Preise diktieren. "In den vergangenen Monaten war trotz der Hausse der Markt für Neuemissionen ein Käufermarkt", sagt Dieter Pfundt, Mitinhaber der Privatbank Sal. Oppenheim.
Eine gute Idee reicht nicht
Als im Sommer der Dax zeitweise um einige Prozentpunkte fiel, legten rund zwei Dutzend Börsenkandidaten ihre Pläne auf Eis. Und bis zuletzt mussten viele Firmen Preis oder Ausgabevolumen senken, um Anleger zu überzeugen.
Die Softwarefirma LHS etwa schaffte den Börsengang erst im zweiten Anlauf, der Internet-Reifenhändler Delticom reduzierte das Ausgabevolumen. "Investoren achten heute sehr stark darauf, dass Börsenkandidaten profitabel sind und ein gutes Management haben", sagt Klaus Fröhlich, Leiter des Aktienemissionsgeschäftes in Deutschland bei der Investmentbank Morgan Stanley.
Deshalb taten sich größere Unternehmen mit stabilen Erträgen wie die Immobilienfirma Gagfah oder der Chemiekonzern Wacker auf der Suche nach Geldgebern leichter als etwa kleine Technologiefirmen. "2000 kamen 65 Prozent aller Neulinge aus den Branchen Technologie, Medien und Telekommunikation", sagt Fröhlich. Heute sind die Branchen gleichmäßiger vertreten.
Auffällig ist lediglich die große Zahl von Anbietern erneuerbarer Energien, die von dem hohen Ölpreis und der Suche nach Alternativen profitierten. Jedoch ist die Börse laut Fröhlich anders als 1999/2000 kein Wagniskapitalmarkt für Firmen, die kaum mehr als eine Geschäftsidee haben.
"Dafür sind die Investoren zu selektiv und haben aus ihrer Erfahrung von 1999/2000 gelernt." Die Skepsis scheint berechtigt: Nur bei etwa der Hälfte der echten Börsenneulinge stieg bislang der Kurs im Vergleich zum Ausgabepreis. Zu den Gewinnern zählten vor allem Aktien reifer Firmen wie der Baumaschinenhersteller Bauer.
Privatanleger zurückhaltend
Obwohl Börsenneulinge den Investoren im Vergleich zu bereits notierten Konkurrenten meist einen Bewertungsabschlag bieten, trauten sich Privatanleger 2006 selten an Neuemissionen heran.
Wenn überhaupt, zeichneten sie nur fünf bis zehn Prozent der neuen Aktien - also wesentlich weniger als in 1999/2000. Dagegen nehmen Hedge-Fonds Schätzungen zufolge bis zu ein Fünftel des Neuemissionsvolumens auf und fungieren als Meinungsführer für andere Investoren, da sie als sehr kritisch gelten.
Rainer Riess, Mitglied der Geschäftsführung der Deutschen Börse, hält 2007 genauso viele Börsengänge für möglich wie 2006. Auch Investmentbanker zeigen sich zuversichtlich. Pfundt rechnet mit etwa 25 weiteren echten Neuemissionen. Sie könnten vor allem aus dem Besitz von Beteiligungsfirmen kommen, die eine Möglichkeit zum Ausstieg suchen.
Schon in den vergangenen zwei Jahren stellten Finanzinvestoren wie EQT (Symrise), KKR (Demag Cranes) und Fortress (Gagfah) ein Fünftel der Börsenkandidaten. Im Jahr 2000 waren es erst drei Prozent. Einen weiteren Schub könnten die neuen Immobilienaktiengesellschaften (Reits) bringen, die in Deutschland von 2007 an zugelassen sind.
Und wenn der Dax 2007 fällt? "Gute Unternehmen werden es auch dann noch an die Börse schaffen", sagt Fröhlich. Pfundt hält die Aufnahmefähigkeit der Börse für Neuemissionen jedoch für begrenzt. "Es fließt wenig neues Kapital in den Markt, Anleger ziehen beispielsweise aus Aktienfonds unter dem Strich Geld ab." Sollte sich das Börsenklima verschlechtern, könne auch der Markt für Neuemissionen wieder austrocknen, warnt Pfundt.
(SZ vom 4.12.2006)
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