Von Ulf Brychcy

Öffentliche Kritik und Beschimpfungen ist der Bahnchef gewöhnt - doch nie steckte er so in Schwierigkeiten wie in diesen Wochen.

(SZ vom 24.05.2003) — Das ganze Land hat auf ihn geschaut. Alles haben sie auf ihn eingeprügelt. Und die Nachrichtensendungen und die Zeitungen, überall prangte sein Bild.

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Hartmut Mehdorn, das Energiebündel, der Durchbrecher, der von sich sagt, er könne auch an einer Wand lehnen, um einzuschlafen - dieser Mehdorn also ist nun der böse Junge bei der Deutschen Bahn. Ganz besonders wegen des Preissystems, aber auch wegen der schlechten Geschäftszahlen, wegen des Streits mit seinen Lokführern und sowieso wegen der blöden Zugverspätungen oder des unfreundlichen Personals.

Und erst die schmutzigen Bahnsteige. Jeder lud wieder einmal seinen Unmut auf die Deutsche Bahn ab, und der landete bei Mehdorn. Fast schien es so, als habe Mehdorn, der 60-jährige Vorstandsvorsitzende dieses etwas anderen, staatseigenen Unternehmens, darum gebeten, öffentlich abgewatscht zur werden.

"Notwendiger Erziehungsprozess"

Mittwoch. Berlin, Friedrichstraße, Saal2 im Maritim-Hotel. Mehdorn und sein alt gedienter Finanzvorstand Diethelm Sack wollen die Konzernbilanz präsentieren. Eine Grafik wird auf die Leinwand geworfen, "Offensive Bahn - ein erfolgreiches Geschäftsjahr 2002", steht dort.

Der Vorstandschef läuft zehn Minuten vorher ein, lächelt etwas steif in die Kameras - plötzlich taucht er ab. Jemand am Saaleingang hat ein leeres Wasserglas vom Tisch gestoßen und sofort springt Mehdorn hinterher, um es aufzuheben. Der Mann kümmert sich um alles.

Die Bilanz interessiert kaum jemanden. Statt dessen warten alle, wie Mehdorn seinen bislang größten Fehlschlag als Bahnchef verkaufen wird. Stets hatte er behauptet, das neue Tarifsystem sei nahezu perfekt. Alles laufe bestens, Korrekturen gebe es, wenn überhaupt, frühestens nach einem Jahr.

Kritiker wurden beschimpft und juristisch mundtot gemacht, auch der Stiftung Warentest, die schon frühzeitig auf gravierende Mängel der Rabatte und festen Zugbindungen hingewiesen hatte, werde man es zeigen. Und die Kunden würden die Bahn auch verstehen. Irgendwann. "Das ist ein notwendiger Erziehungsprozess", sagte Personenverkehr-Vorstand Christoph Franz intern. Seit Dienstag ist er arbeitslos.

Alles oder nichts, lautete wieder einmal die Devise von Mehdorn. Machtproben hatte er schon mehrfach gewonnen, gegen seinen einstigen Aufsichtsratschef Dieter Vogel etwa, und sogar gegen Bundesverkehrsminister Kurt Bodewig (SPD).

Beide wollten der Bahn - gegen Mehdorns eisernen Willen - die Schienentrassen wegnehmen, Betrieb und Netz trennen. Dadurch sollte mehr Wettbewerb entstehen. Beide sind längst nicht mehr im Amt. Mehdorn aber schon. Doch an diesem Mittwoch musste erstmals der Bahnchef den kürzeren ziehen.

Koloss auf Schienen

Eine Leidensmiene machte er dabei nicht. Was einen Geschäftsfreund, der nicht genannt werden will, besorgt fragen lässt, ob Mehdorns Realitätssinn zunehmend dahinschwindet. Schließlich zeichnete sich schon frühzeitig ab, dass die Kunden gegen das neue, an Flugtarifen ausgerichtete Preissystem rebellieren. Jeder für sich, weshalb die verantwortlichen Manager die Sache leicht und viel zu lang übergehen konnten.

Der Bahnkonzern kümmert sich eben immer noch zu wenig um den einzelnen Fahrgast. Der Koloss auf Schienen, das räumt auch Mehdorn ein, ist viel zu behäbig, die Sache mit der Dienstleistung fällt vielen Bahnbeschäftigten weiterhin schwer, worunter oft auch die eigenen Leute leiden. Vergangenen Montag, Düsseldorf Hauptbahnhof.

Ein Regionalexpress will einfach nicht kommen, hat bereits eine gute halbe Stunde Verspätung. Verärgerte Fahrgäste fragen einen Schaffner. Der ist selbst ratlos, drückt auf den Knopf der rot-blauen Infosäule, um sich von seinen Kollegen unterrichten zu lassen.

Doch es schallt nur Wartemusik aus dem kleinen Lautsprecher, zehn Minuten lang. Genervt drückt der Eisenbahner schließlich den SOS-Knopf und wieder nur: Wartemusik. Die Kunden lachen, der Schaffner schimpft auf den eigenen Laden und holt dann aus: Seine Frau besorge regelmäßig DB-Freifahrtscheine, obwohl er ihr immer wieder sage, "schmeiß die Tickets weg, wir fahren lieber mit dem Auto."

Die Deutsche Bahn ist ein hochkompliziertes Unternehmen. 36.500 Gleiskilometer, pfeilgerade Hochgeschwindigkeitsstrecken, verschlungene Trassen durch reizvolle Landschaften, knapp 6000 Bahnhöfe und Haltepunkte, über 800 Tunnel.

Rund 250.000 Mitarbeiter, einschließlich des hinzugekauften Speditionskonzerns Stinnes, sorgen dafür, das täglich durchschnittlich 6200 Güterzüge und mehr als 30.000 Personenzüge kreuz und quer durch die Republik fahren. Im Durchschnitt 4,7 Millionen Fahrgäste sitzen Tag für Tag in hochmodernen ICE-Zügen, in Intercitys oder den Regional- und S-Bahnen.

Läuft in diesem Riesenkonzern irgendetwas schief, und das tut es zwangsläufig ständig, dann gibt es sogleich reichlich Kritik - von Politikern, selbstbewussten Kunden, von den Gewerkschaften und den eigenen Mitarbeitern. Wohl kein Unternehmen, von der Deutschen Telekom einmal abgesehen, wird so genau und oft so gnadenlos beobachtet wie die Bahn.

Zweitverrückteste Job

Kanzler Gerhard Schröder (SPD), der Mehdorn im Herbst 1999 als Bahnchef installiert hatte, sagte, dies sei der zweitverrückteste Job, den die Nation zu vergeben habe. Dass die Bahn, obwohl Aktiengesellschaft, kein normaler Betrieb ist, musste Mehdorn rasch begreifen. "Ob er dies aber akzeptiert, daran habe ich meine Zweifel", sagt ein Mitglied des Bahnaufsichtsrates, das ebenfalls ungenannt bleiben will. Ohnehin fällt auf, dass der Drang, sich mit einer Aussage über Mehdorn namentlich zitieren zu lassen, arg begrenzt ist - auch dann, wenn die Gesprächspartner den Bahnchef insgesamt schätzen.

Mehdorns sehr ruppige Art schreckt eben viele ab. "Fühlt er sich angegriffen, dann schlägt er härter zurück als notwendig", weiß ein Industriemanager, der die Bahn mit Lokomotiven und Zügen beliefert. Dabei geht es keineswegs darum, dass der Vorstandschef jedermanns Liebling sein soll.

Ein solides Abwehrverhalten ist in dieser Position durchaus notwendig - etwa wenn Lokalpolitiker vorschreiben wollen, was in ihrem Sprengel die Bahn zu tun hat. Wenn beispielsweise das Land Berlin die Bahn verklagt, das Glasdach des neuen, ohnehin schon viel zu teuren Hauptbahnhofs müsse unbedingt 450 statt 321 Meter lang sein. Zahlen soll natürlich sein Unternehmen, Mehdorn bleibt wirklich kaum etwas erspart. Wenigstens dieser Fall wurde jetzt vor dem Bundesverwaltungsgericht zugunsten der Bahn entschieden.

"Ein größeres diplomatisches Geschick, mehr Einfühlungsvermögen", wünschen sich aber auch diejenigen von Mehdorn, die ihn als besten aller bisherigen Bahnchefs sehen. So verschreckte der Mann, der den Konzern vom 25.Stock des gläsernen Bahntowers am Potsdamer Platz in Berlin aus steuert, sogar einmal Manager der polnischen Eisenbahn. Als die Verhandlungen über eine internationale Bahnbetriebsgesellschaft anliefen, preschte Mehdorn mit dem Vorschlag vor, gleich die ganze polnische Staatsbahn kaufen zu wollen.

Und gegen die kleinen Bahnkonkurrenten wie Connex geht er viel zu überzogen vor. Wettbewerb auf der Schiene betrachtet Mehdorn, vor seinem Bahnengagement erfolgreicher Manager beim Flugzeugbauer Airbus und bei Heidelberger Druckmaschinen, als störend, wenn nicht gar als Attacke gegen die eigene Person. Aber lässt sich die Deutsche Bahn dauerhaft mit diesen Haltungen führen? Dem Bundeskanzler, mit dem Mehdorn sich - bislang jedenfalls - bestens versteht, konnte er in einem Überraschungscoup eine fünfjährige Vertragsverlängerung bis 2008 abtrotzen.

Das Signal ist klar: Der Bahnvorsitzende will keinesfalls als Chef auf Abruf gelten, dafür sind die Aufgaben wie Bahnsanierung und weiterer Personalabbau auch viel zu groß. Doch die Zahl der Skeptiker, ob der gebürtige Berliner noch der richtige Mann am richtigen Ort ist, hat zugenommen. Im Bundesverkehrsministerium wurden bereits Namen von Nachfolgekandidaten hinterlegt.

Mehdorn selbst gibt sich plötzlich nachsichtig. Er scheue sich nicht, Fehler einzuräumen und sich dafür zu entschuldigen. Um dann, er kann nicht anders, anzufügen: ""Wir müssen jetzt eben auch ein bisschen Häme ertragen."

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