Medikamente in der Tierhaltung Vollgestopft mit Antibiotika

Der Missbrauch umstrittener Medikamente in der Massentierhaltung ist groß. Nun zeigt sich, dass 2011 deutlich mehr verfüttert wurde als bisher angenommen. Tonnenweise verwendeten Tierärzte Antibiotika. Die großen Umweltverbände sind entsetzt.

Von Silvia Liebrich

Es sind erschreckende Zahlen, die das Verbraucherschutzministerium von Ilse Aigner (CSU) in dieser Woche ganz beiläufig veröffentlicht hat. Sie zeigen, dass der Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung in Deutschland weitaus größer ist als bisher angenommen. Die Pharmaindustrie hat demnach im vergangenen Jahr mehr als 1700 Tonnen der umstrittenen Medikamente an Tierärzte abgebeben (hier online).

In der Branche war man bisher von maximal 1000 Tonnen Antibiotika ausgegangen. Die Zahl beruhte allerdings auf Schätzungen. Die neuen Daten stammen aus der ersten flächendeckenden Auswertung von Praxen. Sie wurden jetzt dem Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) vom Deutschen Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) vorgelegt.

"Dieses Ergebnis ist hochgradig alarmierend", sagte Reinhild Benning, Agrarexpertin vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) am Mittwoch. In der Intensivtierhaltung werden nach ihren Angaben über 40 Mal mehr Antibiotika eingesetzt als in deutschen Krankenhäusern und sieben Mal mehr als in der Humanmedizin insgesamt. "Wegen antibiotikaresistenter Keime sterben pro Jahr in Deutschland etwa 15.000 Menschen. Die Bundesregierung muss endlich handeln", forderte Benning. Sie sieht Verbraucher- und Agrarministerin Aigner in der Pflicht, "endlich wirksame Gesetze zu erlassen". Der BUND fordert, dass der Antibiotikaverbrauch bis 2015 mindestens halbiert wird.

Update, ergänzt am 14. September, 12 Uhr: Nachdem dieser SZ-Artikel erschienen ist, legt nun Verbraucherschutzministerin Aigner einen Gesetzesentwurf vor, der den Einsatz von Antibiotika beschränken soll. Die entsprechende Meldung finden Sie hier.

Der hohe Einsatz von Antibiotika in Hühner, Schweine- und Putenställen ist heftig umstritten. Studien belegen, dass zu viele Medikamente verabreicht werden: Eine Untersuchung aus Nordrhein-Westfalen zeigte im vergangenen Jahr, dass in der Hähnchenmast 96,4 Prozent der Tiere Antibiotika erhielten. Zum Teil wurden innerhalb kurzer Zeit acht verschiedene Wirkstoffe verabreicht. Laut einer weiteren Studie aus Niedersachsen ist auch bei Mastschweinen und -rindern der Einsatz von Antibiotika stark verbreitet.

Tierschützer und Umweltverbände werfen Viehhaltern massiven Missbrauch vor, weil Antibiotika im großen Stil auch an Tiere verfüttert werden, die gar nicht krank sind. Oft reicht der Verdacht, dass etwa ein Huhn von 40.000 in einem Stall krank ist, dann werden auch alle anderen Tier prophylaktisch behandelt. Tierschützer protestieren seit Jahren gegen die brutalen Haltungsbedingungen in deutschen Ställen. 15 ausgewachsene Masthühnchen auf einer Fläche so groß wie ein Badehandtuch ist Usus in vielen Betrieben.

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