Von Stefan Winterbauer

Hinter den Kulissen findet bei den Suchmaschinen eine Konzentration statt, von der der Nutzer nichts mitbekommt.

(SZ vom 19.07.2003) — Es war im Jahr 1998,und zwei Informatiker von der amerikanischen Elite-Universität Stanford hatten eine Idee, aber keinen Namen. Also erinnerten sich Larry Page, 29, und Sergey Brin, 28, an den Mathematiker Edward Kasner, der 1938 seinen neunjährigen Neffen gefragt hatte, wie er eine unglaublich große Zahl, eine Zahl mit 100 Nullen, denn wohl nennen solle. Die Antwort des Kindes war ein Fantasiename: "Googol". Daraus machten Page und Brin "Google".

Anzeige

Heute verwurstet dieses Google täglich über 200 Millionen Suchanfragen von Internet-Nutzern aus aller Welt; allein in Deutschland laufen 75 Prozent aller täglichen Suchanfragen im World Wide Web über Google. Ein Erfolg, ohne dass die Firma aus dem Silicon Valley einen Euro in Werbung investiert hätte.

Am Freitag hatten die Amerikaner wieder Grund zur Freude: Der Bundesgerichtshof billigte grundsätzlich die Arbeitsweise von Suchmaschinen, aus kostenlosen Online-Angeboten von Zeitungen Artikel zu empfehlen und die Nutzer direkt dahin zu leiten.

Ende der Gratis-Ära

Google hatte erst in der Woche zuvor einen speziellen News-Service gestartet, der sich dieses Prinzip zu Nutze macht. Das Urteil werde dazu führen, dass die Verlage über technische Sperren und eine Umwandlung ihrer Gratisangebote in kostenpflichtige Web-Sites nachdenken würden, sagt Handelsblatt-Sprecher Andreas Knauth. Womöglich käme es zu Kooperationen mit Firmen wie Google.

Deren Siegeszug beruht allein auf Mundpropaganda. Als die Maschine 1998 ins Netz ging und immer populärer wurde, musste sich Yahoo fürchten, bis dahin Nummer eins unter den Internet-Suchdiensten. Nun ist ein richtiger Kampf entbrannt, nachdem Yahoo eine Kooperation mit Google aufgekündigt hat und die Firma Overture kaufte, die mit Google hart konkurriert.

Es geht darum, Suchbegriffe als Anzeigen zu vermarkten: Eine Versicherung kauft zum Beispiel den Suchbegriff "Autoversicherung" für eine bestimmte Summe. Wenn nun ein Internet-Nutzer bei Google oder Overture den Begriff "Autoversicherung" eingibt, erscheint neben den normalen Suchergebnissen auch eine Textanzeige des Autoversicherers, die man anklicken kann .

So etwas nennt man "sponsored link". Google hat mit diesem Geschäftsmodell im vergangenen Jahr weltweit rund 294 Millionen US-Dollar umgesetzt, Overture sogar 667 Millionen. Das Bankhaus Piper Jaffray Equity hat in einer Studie berechnet, dass der Weltmarkt für solche "sponsored links" bis 2007 auf rund sieben Milliarden Dollar anschwellt. Plötzlich scheint das Internet doch eine große Goldmine zu sein - die sich Google und Yahoo aufteilen.

Dabei ist Google, die neue Kultmarke im Internet, in vielem genau das, was Yahoo nicht ist: einfach zu bedienen, frei von unnützen Tipps, E-Commerce und Routenplanern, sowie ohne Börsenkapital im Hintergrund.

Wer www.google.com eintippt, kommt noch zu einer Ruhezone im geschäftigen Internet. Die Bescheidenheit im Auftritt, gepaart mit einem technisch überlegenen Suchsystem, verhalfen zum Triumph.

Je schlechter es der New Economy ging, desto erfolgreicher wurde Google. Während die überbezahlten 25-jährigen einstigen High-Potentials in Silicon Valley joblos sind, dürfen Mitarbeiter in der "Googleplex" genannten Firmenzentrale im kalifornischen Mountain View nach wie vor zehn verschiedene Sorten Cornflakes zum Frühstück und kostenlose Mittagsmenüs genießen.

Kein Wunder, dass Google als Börsenkandidat gesehen wird. Doch die Gründer Page und Brin hatten dazu bisher keine Lust und feilten lieber an der Technik. Nach dem Kauf von DejaNews (eine Art schwarzes Brett im Internet) bietet Google Zugriff auf mehr als 650 Millionen privater Nachrichten. Hier können gezielt Bilder gesucht werden.

Auch gibt es ein Katalogverzeichnis, das sehr an Yahoo erinnert. Mit dem Unterschied, dass bei Google keine Menschen diesen Katalog zusammenstellen, sondern irgendwelche Software-Algorithmen.

Menschen haben in der Googlewelt ohnehin nur als Software-Ingenieure oder Zuarbeiter eine Existenzberechtigung. Journalismus? Null. Beim jüngsten Start von Google News in Deutschland brüstete sich die Firma damit, dass kein einziger Redakteur beim Zusammenstellen der Nachrichten mitwirkt.

Vielmehr suchen geheime Algorithmen 700 deutschsprachige Nachrichtenquellen ab und pfriemeln daraus ein Über-Nachrichten-Angebot, das sich minütlich selbst aktualisiert.

Während etwa bei Spiegel Online, sueddeutsche.de oder Netzeitung Redakteure die Nachrichtenwelt durchforsten, gilt hier das Prinzip des Roboter-Journalismus. Wie das alles funktioniert? Google schweigt - Betriebsgeheimnis. In Deutschland selbst unterhält Google lediglich ein Verkaufsbüro für Anzeigen in Hamburg.

Schon gibt es aber Warner. In den USA hat sich ein Verein namens Google-Watch.org gebildet, der fleißig an Verschwörungstheorien rund um die Suchmaschine strickt. Da ist die Rede von geheimnisvollen, "ewig lebenden" Cookies (kleine Programme), die Google auf der Festplatte jedes Besuchers platziert; die würden dann Daten des Kunden an die Google-Zentrale senden.

Prompt wurde Google für den "Big Brother Award 2003" nominiert. Die angegriffene Firma gibt sich entspannt. "Google gibt keinerlei Nutzer-Informationen an Dritte weiter. Wir nehmen die Sicherheit der Privatsphäre unserer Nutzer sehr ernst", sagt Sprecherin Debbie Frost der SZ. Die Daten-Sammelwut diene im übrigen lediglich dazu, die Software zu verbessern.

Kritik regt sich allerdings auch hier zu Lande. In einer im Oktober erscheinenden Studie der Bertelsmann-Stiftung warnt der Medienwissenschaftler Marcel Machill von der Universität Leipzig vor einem Quasi-Monopol von Google, da die Firma ihre ausgefeilte Suchtechnik an andere große Internet-Seiten lizenziere.

Vielen Nutzern sei nicht bewusst, dass sie auch bei anderen Suchmaschinen wie AOL in Wahrheit auch Google benutzten. "Hinter den Kulissen", so Machill, "findet bei Suchmaschinen eine Konzentration statt, von der der Nutzer nichts mitbekommt. Das ist so, als würde die Tagesschau die Nachrichten für das heute-journal mitliefern". Das nennt man wohl Googlepol.

Leser empfehlen