Die Essener WAZ-Gruppe besinnt sich auf alte Tugenden: Kampf und Unterwerfung. Doch Bild hält publizistisch dagegen.
(SZ vom 24.08.2002) — "Was wollen Sie mit den vierzig Prozent am Springer-Verlag, Sie verstehen doch nichts vom Zeitungsgeschäft?" hat Erich Schumann, Miteigentümer des Essener WAZ-Konzerns, seinen Freund Leo Kirch oft gefragt.
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Der Filmhändler beteuerte ebenso oft, Zeitungen seien sein "Kerngeschäft". Aber wenn er jemals seinen Anteil verkaufen werde, sei die WAZ erste Wahl. Nun ist alles anders gekommen. Kirch ist inzwischen ein Tycoon a.D., der verzweifelt Reste seines alten Imperiums retten will, und Schumann könnte helfen.
Die Zeit drängt
Seit drei Wochen verhandeln die Herren. Schumann bietet Kirch 600 bis 800 Millionen Euro für den Springer-Anteil. Kirch verlangt mehr als eine Milliarde Euro. Die Zeit drängt.
Der Springer-Anteil ist mit 680 Millionen Euro unter anderem an die Deutsche Bank verpfändet. Kirch möchte deutlich mehr Geld, um im Sportrechte-Geschäft neu zu beginnen. Falls er bis zum 31. August keinen Käufer fände, würde das Frankfurter Geldhaus selbst einen suchen.
Auch für die WAZ drängt die Zeit. Bei einer Veräußerung durch die Bank wäre - anders als bei einer Veräußerung durch Kirch - die Zustimmung von Springer erforderlich. Für nächste Woche ist ein weiteres Treffen zwischen Kirch und WAZ-Leuten vereinbart.
Friede Springer: WAZ-Beteiligung kommt nicht in Frage
Sichtlich irritiert verfolgt Friede Springer, die Witwe des Verlagsgründers, dieses Treiben. Zwar hatte WAZ-Mann Schumann ihr bereits im Frühjahr seine Aufwartung gemacht. Er schlug ihr vor, gemeinsam zu marschieren. Springer könne die publizistische Hoheit behalten. Politik interessiere die WAZ nicht.
Die Essener wollten sich im Gegenzug allein um die Betriebsabläufe im Verlag kümmern dürfen. Für jeden schmerzhaften Sparkurs hält die WAZ diverse Spezialisten bereit. Nach Kalkulation der WAZ gäbe es bei einem Springer-Engagement Synergieeffekte in Höhe von 50 Millionen Euro pro Jahr.
Friede Springer erklärte später, dass sie "keinen Veränderungsbedarf in der Aktionärsstruktur" sehe. Die Mehrheit ihres Verlages stünde nicht zur Verfügung. Allenfalls werde sie selbst ein paar Prozente dazukaufen.
Eine WAZ-Beteiligung komme nicht in Frage. Schumann schaltete seinen Geschäftsführer Bodo Hombach ein und der traf sich mit dem Springer-Vorstandsvorsitzenden Mathias Springer zum Plausch.
Kampf und Unterwerfung
Nun sind die Zeiten nicht so, dass jeder allein alles kann. Deshalb soll der Springer-Verlag in aller Stille in den vergangenen Wochen mit dem Schweizer Verleger Michael Ringier über eine Kooperation verhandelt haben.
Friede Springer schätzt den Schweizer Verleger, aber die Familie Ringier soll sich über ein derartiges Engagement nicht einig sein. Die WAZ, ein publizistischer Zwerg, aber wirtschaftlicher Riese, hat sich inzwischen auf alte Tugenden besonnen: Kampf, Unterwerfung.
Durch unfreundliche Übernahmen ist aus dem Provinzladen in den vergangenen Jahrzehnten der größte europäische Regionalzeitungsverlag entstanden. Friede Springer habe nicht über den Verkauf des Kirch-Anteils zu befinden, tönen die Herrscher von der Ruhr. Der Streit kann noch heftig werden, denn auch Springer kämpft nach alten Regeln.
"Bild" meldet Linksruck bei der WAZ
In den vergangenen Wochen streuten Emissäre des Hamburger Verlages, die WAZ-Leute seien eigentlich "rote Socken". Schumann sei einst Anwalt von Willy Brandt gewesen und Hombach war Kanzleramtsminister bei Gerhard Schröder.
Ein Links-Konzern also. Dazu passt zwar nicht, dass sich die WAZ-Herren - anders als die Herrschaften bei Springer - nie um die unterschiedliche politische Ausrichtung der Blätter gekümmert haben, und Schumann fiel auch längst durch eine 800.000 Mark-Spende an Helmut Kohl bei der SPD in Ungnade, aber Hauptsache, die Richtung stimmt.
Friede Springer soll, wie aus internem Kreis verlautete, den früheren WAZ-Geschäftsführer Günter Grotkamp angerufen haben, um ihn zu fragen, ob die WAZ bereits ein verbindliches Angebot abgegeben habe. "Machtkampf! Dramatischer Linksruck bei der WAZ?" meldete die Bild-Zeitung Donnerstag in einem namentlich nicht-gezeichneten Artikel.
Aus Sicht "aller WAZ-Gesellschafter" war das Werk ein "weiterer aufgeregter Versuch des Axel-Springer-Verlages", die Verhandlungen mit Kirch zu stören. Bei anderen Verlagen gehöre es "offensichtlich" zur "Tagesordnung, auf ihre Redaktionen Einfluss zu nehmen, um eigene Verlagspolitik zu befördern".
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