Von Hans-Jürgen Jakobs

Er galt schon lange als Favorit, hielt sich aber klug zurück. Am Donnerstag wird nun Europas größter Medienkonzern die Top-Personalie ganz in seinem Sinne beschließen.

Er hat sich klug zurückgehalten, hat andere die Interviews machen lassen und sich allenfalls für Hintergrundgespräche in wichtigen Redaktionen eingefunden. "Alle wissen es, nur ich nicht", kokettierte er. Er wusste, dass seine oberste Arbeitgeberin, die Bertelsmann-Eigentümerin Elisabeth ("Liz") Mohn, 65, Vorstöße in der Öffentlichkeit leicht als Eitelkeit von Managern einstuft.

Hartmut Ostrowski Bild vergrößern

Hartmut Ostrowski (© Foto: ddp)

Anzeige

Und so hatte das Warten des Hartmut Ostrowski Erfolg: An diesem Donnerstag wird Europas größter Medienkonzern die Top-Personalie ganz in seinem Sinne beschließen - dann wird der Personalausschuss des Aufsichtsrats unter tätiger Mithilfe der Eigentümerin Liz Mohn die Nominierung von Ostrowski zum Vorstandschef der Bertelsmann AG perfekt machen. Einen Tag später befinden alle Mitglieder des Aufsichtsrats formell über den Kandidaten.

Schon seit 18 Monaten ist Ostrowski klarer Favorit. Der derzeitige Chef der Druck- und Dienstleistungssparte Arvato hat einen mächtigen Protektor, den Noch-Vorstandschef Gunter Thielen, 64. Der gebürtige Saarländer, der strategische Delegieren beherrscht und somit die Platte seines Schreibtisches von vielen Papierbergen frei hält, hat vor Ostrowski die stark wachsenden Arvato-Geschäfte betreut. Solange, bis der langjährige Vertraute von Liz Mohn im August 2002 nach dem nicht uneleganten Abgang von Thomas Middelhoff an die Konzernspitze rückte.

Hemdsärmelig und etwas breitbeinig

Zwischenzeitlich hatte es rund um Thielen einmal nicht bertelsmannschaftlich harmonisch ausgesehen: Der Vorstandschef war strikt dagegen, dass die von ihm gelenkte Bertelsmann AG für viel Geld einen 25-Prozent-Anteil des belgischen Finanzmagnaten Albert Frère übernahm, und sah sich dabei auf einer Linie mit Liz Mohn, der Frau des Konzern-Patriarchen Reinhard Mohn, 85.

Doch an einem Sonntag besprach die Bertelsmann-Regentin die Sache mit ihren Kindern Brigitte und Christoph, die künftig wichtige Positionen in dem Medienhaus einnehmen sollen. Die beiden, besorgt um ihr Erbe, waren für einen Rückkauf der Anteile und gegen einen geplanten Börsengang. Und so kaufte Bertelsmann am Ende ein Viertel des eigenen Unternehmens für 4,5 Milliarden Euro zurück. Die damit verbundenen hohen Neuschulden müssen zurückverdient werden.

Ostrowski, von Januar 2008 an Vorstandschef, wird seinen Teil dazu leisten. Er gilt als hemdsärmelig und etwas breitbeinig, ein Mann ohne das Pfirisch-Prosecco-Flair der Salons, einer der gerade auf den Gewinn zusteuert. "Just do it!" - solche klaren Imperative liebt der Diplomkaufmann, der bis auf einen dreijährigen Ausflug in die Frankfurter Finanzwelt seit 1982 bei Bertelsmann gearbeitet hat.

Der Heimatmensch aus Bielefeld

Wann immer es etwas offen zu bereden gilt, dann zieht er oder einer seiner Vertrauten einen dieser in Thailand produzierten Holzfische aus dem Jackett und legt das Teil auf den Tisch, reportierte die in Gütersloh gern gelesene Neue Westfälische - verbunden mit der Aufforderung "Put the fish on the table". In früheren Interviews, zum Beispiel mit Werben & Verkaufen, betonte Ostrowski die Wichtigkeit von Dezentralität: "Die Idee ist von Reinhard Mohn." Das kam in Gütersloh an.

Der in Bielefeld gebürtige Manager ist ein Heimatmensch. Verlassen kann er sich auch weiter auf Förderer Thielen, der an die Spitze von Aufsichtsrat und Bertelsmann-Stiftung rückt. Verlierer der Kandidatenkür ist Ewald Walgenbach, 47, der die Buchclubs (Direct Group) saniert hat. Der erprobte Manager, der den Chefposten im Handelshaus Haniel für Bertelsmann hat sausen lassen, wird wohl nicht mal mit dem Zierposten des stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden getröstet.

Das Lächeln dürfte Walgenbach nicht leicht fallen, wenn Ostrowski am Montag bei einem Managementtreffen in Berlin von Thielen präsentiert wird. Dem Neuen soll dabei nicht, wie zuweilen in der Vergangenheit, eine gewisse Holprigkeit anzumerken sein: Er hat extra für die neue Ära ein Medientraining in den USA genossen. Just do it!

Leser empfehlen 

(sueddeutsche.de)