Dabei hatten die wirtschaftlichen Hiobsbotschaften mit der Idee zu den Marx-Runden gar nichts zu tun, sagt die Politikwissenschaftsstudentin Pia Probst. Sie leitet den Leipziger Lesekreis gemeinsam mit ihrer Kommilitonin Nicola Eschen. Das Projekt dauere schon seit eineinhalb Jahren. Damals wurden Interessierte gesucht, die später als sogenannte Teamer geschult wurden.

Anzeige

Sie wurden mit den Grundzügen des "Kapitals" vertraut gemacht, Dozenten gaben grundlegende Fragestellungen an die Hand. "Jetzt kommt uns die Krise natürlich entgegen", räumt Probst ein. Zur Leipziger Auftaktveranstaltung im Herbst erschienen rund 60 Interessierte, erzählen die Teamerinnen. Die Gruppe war so groß, dass sie geteilt und der Lesekreis auf zwei Abende pro Woche verteilt werden musste.

Fundierte Kritik üben

Obwohl die Marx-Runden an sich natürlich höchst politisch sind, will der Leipziger SDS-Lesekreis sich nicht als Mittel im Wahlkampf verstanden wissen. "Wir machen den Lesekreis, weil auch wir es toll finden, uns mit Marx zu beschäftigen", sagt Eschen. "Es geht uns darum, eine fundierte Kapitalismuskritik üben zu können, nicht um irgendwelche Wahlen."

Das würde wohl auch viele Teilnehmer vertreiben. Wie die Studentin Susann sind die wenigsten im SDS. Die 22-Jährige beschäftigt sich mit Afrika-Studien - Sprachen, aber auch Politik und Ökonomie des Kontinents. "Marx wird im Studium fast gar nicht thematisiert. Das hat mich gereizt", sagt sie. Sie habe den Eindruck, der Philosoph werde oft nur noch belächelt. "Ich will mir aber selbst eine Meinung bilden und mitreden können."

"Es ist positiv, dass die Leute sich wieder mit einem zu Unrecht vergessenen politischen Ökonomen beschäftigen", freut sich Hans-Georg Golz von der Bundeszentrale für politische Bildung über das neu erwachte Interesse an Marx. Es sei wichtig, sich nach Antworten auf die Frage nach sozialer Gerechtigkeit umzusehen. "Ob das mit dem Marx-Interesse eine längerfristige Sache wird, das wage ich zu bezweifeln", räumt Golz aber ein. Dafür sei das "Kapital" wahrscheinlich schlicht zu sperrig.

Die Härten des Textes haben auch in den Lesekreisen ihre Spuren hinterlassen: In Leipzig sind es noch gut 20 regelmäßige "Kapital"-Interessierte, die jede Woche zur gemeinsamen Lesestunde erscheinen. Das Buch verlangt ihnen viel Arbeit ab.

Zwei bis drei Stunden brauche er, um sich auf eine Sitzung vorzubereiten, sagt Thomas, der seit Anfang des Semesters regelmäßig dabei ist. "Es geht ja hier nicht um Hau-drauf-Phrasen gegen den Kapitalismus. Das ist schon differenzierter", sagt der 25-jährige Geschichts- und Philosophiestudent. Bis weit in den Abend stecken die Gruppen im Leipziger Seminarraum die Köpfe zusammen. So lange, bis schließlich der Wachdienst bittet, zu gehen. "Man muss nicht unbedingt überzeugter Marxist sein, um von diesen Diskussionen etwas zu haben."

Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2

  1. Frisches Kapital
  2. Sie lesen jetzt Frisches Kapital
Leser empfehlen 

(sueddeutsche.de/mel/jja)