Von Stephan Radomsky

Quer durch Deutschland lesen Studenten wieder Marx. Sie wühlen sich durch "Das Kapital" - und das alles in ihrer Freizeit. Die Finanzkrise macht es möglich.

Der Seminarraum brummt vor geschäftiger Konzentration: In Vierergruppen stecken Studenten die Köpfe über dicken, blauen Bänden zusammen, diskutieren eine Textpassage. "Da steckt doch genau das drin, was wir heute erleben: Wer nichts hat, der kommt auch zu nichts", weht es von einem der Tische herüber.

Marx-Lesekreise: Frisches Kapital

Alter Philosoph neu entdeckt: "Das Kapital" von Karl Marx ist derzeit ein echter Verkaufsschlager - der Finanzkrise sei dank. (© Foto: dpa)

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Insgesamt zwölf Studenten aus verschiedenen Semestern sitzen so in Klassenzimmer-Atmosphäre beisammen und machen sich Gedanken über den Kapitalismus. Ganz grundsätzlich.

Ihr Ziel: Sie wollen "Das Kapital" von Karl Marx verstehen. Bei vielen hat die Finanzkrise das Interesse geweckt: Weil Banken reihenweise die Pleite droht und die Wirtschaft ächzt, suchen sie nach Antworten - und finden zurück zu einem Klassiker.

Gut 800 Seiten besitzt das Buch, das vor jedem von ihnen liegt - und das ist nur der erste von drei Bänden. Etwa 120 Seiten haben sie hier in Leipzig seit Anfang des Semesters schon geschafft. Was auf den ersten Blick aussieht wie ein Hauptseminar in Politikwissenschaft, hat eigentlich nichts mit der Uni zu tun. Alle sind freiwillig hier, investieren ihre Zeit, um sich gemeinsam mit einem der einflussreichsten Philosophen überhaupt auseinanderzusetzen.

Einzelausgabe über Wochen vergriffen

Und der hat in Zeiten der Finanz- und Wirtschaftskrise Hochkonjunktur. Allein der Sozialistisch-demokratische Studierendenverband (Die Linke.SDS), eine Gruppe, die der Linkspartei nahesteht, organisiert in 38 deutschen Städten solche Lesekreise. Dazu kommen unzählige Zirkel, die sich ohne Dachorganisation zusammengetan haben. Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat viele animiert, über das System an sich nachzudenken.

Vor allem die Verlage spüren dieses Interesse an frischem "Kapital". So verkaufte der Berliner Dietz-Verlag das Werk 2008 in verschiedenen Versionen nach eigenen Angaben rund 3500 Mal - der verkaufsstärkste Titel des Jahres.

Zum Vergleich: 2007 wurde "Das Kapital" bei Dietz nur gut 1300 Mal bestellt, 2005 lag die Zahl noch bei etwa 700 Büchern. "Das ist zwar nicht nur durch die Krise hoch gegangen, aber sie hat sicher noch einmal einen Schub gegeben", sagt Geschäftsführer Jörn Schütrumpf. Sechs Wochen lang sei die Einzelausgabe von Band eins sogar völlig ausverkauft gewesen, man habe sich mit dem entsprechenden Band aus der Marx-Gesamtausgabe behelfen müssen. Erst Anfang Dezember seien die frisch gedruckten Einzelausgaben wieder in den Handel gekommen. "Das ist gerade ein richtiger Hype."

Ähnlich sieht es beim Alfred-Kroener-Verlag aus, der ebenfalls eine "Kapital"-Ausgabe im Programm hat. Konkrete Zahlen will das Unternehmen zwar nicht nennen, es habe aber schon eine "enorme Steigerung in der Nachfrage" gegeben, sagt eine Sprecherin. Kurzzeitig habe auch Kroener das Buch nicht mehr auf Lager gehabt und neu binden lassen müssen. Und auch jetzt verkaufe sich Marx noch "sehr gut", heißt es beim Verlag.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Die Krise spielt den Lesekreis-Ideengebern in die Hand - der Andrang ist gigantisch.

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