Manipulierte Kurscharts Bald crasht die Börse - oder auch nicht

Chart of Doom: Immer wieder verunsichern verzerrte Grafiken Anleger.

(Foto: SZ Infografik)
  • Glaubt man Abbildungen von Aktienkurven, die im Netz kursieren, steht der nächste Börsencrash unmittelbar bevor.
  • Immer wieder tauchten in der Vergangenheit solche Charts of Doom (Unheilskurven) auf. Sie sind in vielen Fällen aber manipuliert.
Von Harald Freiberger

Die Aufregung in den sozialen Medien ist groß. Massenhaft schicken sich Facebook-Freunde derzeit eine Aktienkurve zu, die kurz zuvor im Internet aufgetaucht ist. Genauer genommen sind es zwei Kurven, die übereinander gelegt sind und scheinbar identisch verlaufen. Eine zeigt den US-Aktienindex S&P 500 seit August 2015, die andere zeigt ihn 2008/09, als die US-Investmentbank Lehman Brothers Pleite ging und die Aktienkurse weltweit abstürzten (siehe Grafiken). Die aktuelle Kurve stoppt kurz vor dem Lehman-Moment auf der historischen Kurve. Die Botschaft scheint klar: Wenn zwei Kurven auf so geheimnisvolle Weise parallel verlaufen sind, dann werden sie das auch weiter tun. Heißt: Der Börsencrash steht unmittelbar bevor. Im April ist es demnach soweit. "Diese Grafik beunruhigt die Börsenwelt", steht drüber.

Immer wieder tauchten in der Vergangenheit solche Grafiken auf, die im Englischen Chart of Doom (Unheilskurve) genannt werden. Immer wird dabei die aktuelle Kurve eines Aktienindex mit einer historischen Phase verglichen, in der es zum Absturz kam. So gibt es Charts of Doom zu fast jedem Börsencrash, ob 2008, 2001 oder 1987. Die letzte Kurve, die für Aufsehen sorgte, war im Frühjahr 2014 ein Vergleich des damals aktuellen US-Aktienindex Dow Jones mit jenem des Jahrhundertcrashs von 1928 bis 1930, die beängstigend übereinstimmten (siehe Grafiken). Es gab sogar eine präzise Vorhersage für den Tag des Crashs: Am 9. Mai 2014 sollte die Börsenwelt untergehen.

Wiederholt sich Geschichte manchmal wirklich auf unheilvolle Weise? Was so plausibel, fast wissenschaftlich korrekt erscheint, ist in Wirklichkeit zurechtgebogen, ganz nach dem Motto: Was nicht passt, wird passend gemacht. Das zeigt eine nähere Betrachtung der Charts.

Plötzlich nicht mehr so parallel

So wurde beim Vergleich zwischen 2008 und 2016 an der Zeitachse, also der X-Achse, herumgeschoben, außerdem sind die Zeiträume falsch beschriftet. Im Chart steht, es würde der Zeitraum von August 2015 bis Februar 2016 mit dem Zeitraum von August 2008 bis September 2009 verglichen. Die historische Kurve zeigt aber den Verlauf von Januar 2008 bis März 2009. Damit das zusammenpasst, wurde die historische Kurve gestaucht. Das heißt: Zwei unterschiedlich lange Zeiträume sind übereinandergelegt. Wie es in Wirklichkeit aussehen müsste, zeigt die indexierte Darstellung links unten. Dabei wird davon ausgegangen, dass beide Kurven bei 100 Punkten starten. Sie laufen dann nicht mehr so parallel.

Vergesst den Dax!

Die täglichen Liveberichte von der Börse nerven und niemand braucht sie. Denn Wirtschaft ist mehr als nur die Aktienkurse. Kommentar von Marc Beise mehr ...

Beim Vergleich zwischen 2014 und 1930 gingen die Urheber anders vor: Sie manipulierten die Y-Achse, also die Kursausschläge nach unten und oben. Möglich ist das über die Skalierung, dem Punkteabstand der Kurven. Sie reichen bei der historischen Kurve von 200 bis 400, bei der aktuellen aber von 12 000 bis 16 000. Prozentual ist das bei der historischen Kurve deutlich mehr: Die Ausschläge von 1930 sind weit stärker als jene von 2014. Genau das zeigt die indexierte Darstellung darunter.

Charts of Doom sind eine Spielerei, die nichts mit der Realität zu tun haben. Sie haben auch nichts mit Charttechnik zu tun, einer ernsthaften Disziplin, bei der Experten auf ein Aktienchart blicken und daraus Aussagen über wichtige Punktemarken, Trends und Wendepunkte ableiten. Zwei Charts aus verschiedenen Zeiträumen übereinanderzulegen, gilt unter Börsenexperten bereits als unseriös. Ist eine der Kurven zudem nach oben oder nach unten gedehnt oder gestreckt, wird es zum Hokus-Pokus.

"Zu verschiedenen Zeiten herrschen ganz andere ökonomische und politische Rahmenbedingungen, die Notenbankpolitik von heute ist zum Beispiel das krasse Gegenteil jener von 1929", sagt Christian Henke, Charttechniker beim Wertpapier-Handelshaus IG Markets. Es gebe zwar manche Parallele zwischen 2008 und 2016, doch im Kern sei die Dimension der Verschuldungskrisen nicht vergleichbar. Henke erwartet zwar auch, dass der Aktienmarkt noch fallen kann, doch bei weitem nicht so tief wie 2008. "Das Abwärtspotenzial ist rein charttechnisch überschaubar", sagt er.

Die Wahrscheinlichkeit ist also groß, dass der Aktiencrash im April 2016 ausbleibt. Das offenbart auch die Erfahrung mit dem Chart of Doom, der im Frühjahr 2014 einen baldigen Crash prophezeite. In Wirklichkeit stiegen die Kurse weiter. Auch aus dem vorhergesagten Dooms-Day, dem 9. Mai 2014, wurde nichts. Der Dow Jones fiel an dem Tag um überschaubare 0,2 Prozent.