Interview: Christiane Kaiser-Neubauer

Dierk Müller, Geschäftsführer der Amerikanischen Handelskammer in Deutschland, über den Wettbewerb um die größten Talente, Neid und die drohende Abwanderung von Spitzenkräften.

sueddeutsche.de: Die hohen Managergehälter werden derzeit von Politikern und Öffentlichkeit scharf kritisiert. Eine berechtigte Aufregung?

Bild vergrößern

Dierk Müller ist Geschäftsführer der American Chamber of Commerce in Germany. (© Foto: privat)

Anzeige

Dierk Müller: Natürlich kann ich das verstehen. Das ist ein populistisches Thema, wie viele andere auch. Man kann sich auch über die Lottogewinner aufregen oder die Gagen der Künstler. Vom sozialen Standpunkt aus ist das völlig ungerecht. Diese Diskussion bringt uns aber nicht weiter.

sueddeutsche.de: Worüber sollte stattdessen diskutiert werden?

Müller: Wir müssen eher darüber diskutieren, zu welchen Effekten eine solche Situation führt. Führt es dazu, dass die Aktionäre nicht genügend Dividende bekommen oder werden die Unternehmen besser gelenkt? Es kann auch sein, dass sie schlechter geführt werden, weil die Manager auf die Abfindung spekulieren. Das sind die entscheidenden Fragen.

sueddeutsche.de: Die Vertretung der US-Unternehmen in Deutschland, die American Chamber of Commerce in Germany, hat vor Abwanderungen von Unternehmen ins Ausland gewarnt.

Müller: Wir wissen heute schon, dass viele Manager europäische Jobs haben und zwei, drei Positionen bekleiden. Sie verdienen ihr Geld also im Ausland und im Inland. Es ist also nur ein weiterer Schritt, dass diese Führungskräfte Deutschland ganz verlassen und nur noch sporadisch anwesend sind. So wie das Showstars und Fußballer schon heute tun. Die Frage ist nun: Wollen wir sie vertreiben? In der Folge werden auch deren Abteilungen das Land verlassen und weitere Hunderte Arbeitsplätze wandern ab.

sueddeutsche.de: Ist das bereits Realität oder Zukunftsmusik?

Müller: Wir können das schon lange beobachten. Auch an den Finanzplätzen. Vor zehn, zwanzig Jahren glaubte man, Frankfurt könnte London einholen. Heute hat sich der Abstand noch weiter vergrößert. Dafür gibt es ganz einfache Gründe.

sueddeutsche.de: Welche Gründe sind das?

Müller: Ein Hauptgrund ist die unterschiedliche steuerliche Behandlung, also die Besserstellung der Gutverdiener in London. Da fragt sich doch jeder Top-Manager: "Kann ich den Job nicht von London aus machen? Da verdiene ich netto mehr." Es spricht niemand davon, dass Opel oder Ford Fabriken schließen werden, sondern, dass Spitzenmanager mit ihren Abteilungen zum Beispiel im Finanzbereich in die Schweiz oder nach Großbritannien abwandern. Aus persönlichen Steuergründen aber auch aus körperschaftssteuerlichen Gründen. Wir wissen schon lange, dass Deutschland ein Hochsteuerland ist. Als Spitzenverdiener tut man sich hier einfach schwer.

sueddeutsche.de: Welche Unternehmen überlegen, ob sie abwandern sollen?

Müller: Ein konkretes Beispiel möchte ich jetzt nicht geben. Man muss aber nur nachschauen, wo die europäischen Holdingstandorte von US-Konzernen sind. Von unseren Top-Zehn-Firmen hat keine einzige einen Holdingstandort in Deutschland. Die meisten sitzen in der Schweiz oder Großbritannien.

sueddeutsche.de: Ist der Unmut bei Ihren Mitgliedern groß?

Müller: Wir haben unter unseren Mitgliedern verschieden hohe Gehälter. Natürlich werden nicht alle so gut bezahlt wie die Chefs der 30 Dax-Konzerne. Viele Gehälter werden nicht veröffentlicht, da die Tochterfirmen nicht an der Börse notiert sind. Das Unverständnis ist schon da. Die Debatte wird als Beispiel dafür gesehen, dass die Öffentlichkeit und die Medien sich für Themen interessieren, die wirtschaftlich gesehen gar nicht relevant sind. Vielleicht sind sie moralisch bedeutend, aber auch das ist diskussionswürdig.

Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite

  1. Sie lesen jetzt "Wollen wir die Manager vertreiben?"
  2. "Wollen wir die Manager vertreiben?"
Leser empfehlen