Dierk Müller, Geschäftsführer der Amerikanischen Handelskammer in Deutschland, über den Wettbewerb um die größten Talente, Neid und die drohende Abwanderung von Spitzenkräften.
sueddeutsche.de: Die hohen Managergehälter werden derzeit von Politikern und Öffentlichkeit scharf kritisiert. Eine berechtigte Aufregung?
Bild vergrößern
Dierk Müller ist Geschäftsführer der American Chamber of Commerce in Germany. (© Foto: privat)
Anzeige
Dierk Müller: Natürlich kann ich das verstehen. Das ist ein populistisches Thema, wie viele andere auch. Man kann sich auch über die Lottogewinner aufregen oder die Gagen der Künstler. Vom sozialen Standpunkt aus ist das völlig ungerecht. Diese Diskussion bringt uns aber nicht weiter.
sueddeutsche.de: Worüber sollte stattdessen diskutiert werden?
Müller: Wir müssen eher darüber diskutieren, zu welchen Effekten eine solche Situation führt. Führt es dazu, dass die Aktionäre nicht genügend Dividende bekommen oder werden die Unternehmen besser gelenkt? Es kann auch sein, dass sie schlechter geführt werden, weil die Manager auf die Abfindung spekulieren. Das sind die entscheidenden Fragen.
sueddeutsche.de: Die Vertretung der US-Unternehmen in Deutschland, die American Chamber of Commerce in Germany, hat vor Abwanderungen von Unternehmen ins Ausland gewarnt.
Müller: Wir wissen heute schon, dass viele Manager europäische Jobs haben und zwei, drei Positionen bekleiden. Sie verdienen ihr Geld also im Ausland und im Inland. Es ist also nur ein weiterer Schritt, dass diese Führungskräfte Deutschland ganz verlassen und nur noch sporadisch anwesend sind. So wie das Showstars und Fußballer schon heute tun. Die Frage ist nun: Wollen wir sie vertreiben? In der Folge werden auch deren Abteilungen das Land verlassen und weitere Hunderte Arbeitsplätze wandern ab.
sueddeutsche.de: Ist das bereits Realität oder Zukunftsmusik?
Müller: Wir können das schon lange beobachten. Auch an den Finanzplätzen. Vor zehn, zwanzig Jahren glaubte man, Frankfurt könnte London einholen. Heute hat sich der Abstand noch weiter vergrößert. Dafür gibt es ganz einfache Gründe.
sueddeutsche.de: Welche Gründe sind das?
Müller: Ein Hauptgrund ist die unterschiedliche steuerliche Behandlung, also die Besserstellung der Gutverdiener in London. Da fragt sich doch jeder Top-Manager: "Kann ich den Job nicht von London aus machen? Da verdiene ich netto mehr." Es spricht niemand davon, dass Opel oder Ford Fabriken schließen werden, sondern, dass Spitzenmanager mit ihren Abteilungen zum Beispiel im Finanzbereich in die Schweiz oder nach Großbritannien abwandern. Aus persönlichen Steuergründen aber auch aus körperschaftssteuerlichen Gründen. Wir wissen schon lange, dass Deutschland ein Hochsteuerland ist. Als Spitzenverdiener tut man sich hier einfach schwer.
sueddeutsche.de: Welche Unternehmen überlegen, ob sie abwandern sollen?
Müller: Ein konkretes Beispiel möchte ich jetzt nicht geben. Man muss aber nur nachschauen, wo die europäischen Holdingstandorte von US-Konzernen sind. Von unseren Top-Zehn-Firmen hat keine einzige einen Holdingstandort in Deutschland. Die meisten sitzen in der Schweiz oder Großbritannien.
sueddeutsche.de: Ist der Unmut bei Ihren Mitgliedern groß?
Müller: Wir haben unter unseren Mitgliedern verschieden hohe Gehälter. Natürlich werden nicht alle so gut bezahlt wie die Chefs der 30 Dax-Konzerne. Viele Gehälter werden nicht veröffentlicht, da die Tochterfirmen nicht an der Börse notiert sind. Das Unverständnis ist schon da. Die Debatte wird als Beispiel dafür gesehen, dass die Öffentlichkeit und die Medien sich für Themen interessieren, die wirtschaftlich gesehen gar nicht relevant sind. Vielleicht sind sie moralisch bedeutend, aber auch das ist diskussionswürdig.
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite
Mubarak-Prozess in Ägypten
Es ist eher unwahrscheinlich das gerade die deutschen Betriebswirte abwandern. Mit höherer Wahrscheinlichkeit machen sich Ärzte, Ingenieure und Techniker aus dem Staub.
Ich glaube nicht, dass man im angelsächsischen Raum nach deutschen Lenkern giert, denn dort sind wir nicht wirklich führend.
Ähnlich wie die Auslandexpansionen der Unternehmen in den angelsächsischen Raum gescheitert sind, ähnlich würden auch unserer Organisatoren scheitern. Nichts ist kultur- und regionalspezifischer als Organisationskultur und Mitarbeiterführung, demzufolge Lügen unsere Manager, wenn sie behaupten, dass sie auf Deutschland mal eben so verzichten könnten. Der bisherige Erfolg der Deutschland AG basierte im Wesentlichen auf regionalen deutschen Mentalitäten und institutionellen Rahmenbedingungen.
Die goldenen Handschläge der Vergangenheit sind eine Untugend, die es zu bekämpfen gilt. In diesem Fall wären eigentlich die Gewerkschaften gefordert, wenn zukünftig leicht provokant eine Abhängigkeit für geforderte Lohnzuwächse der Arbeitnehmer von den Zuwächsen der Manager postuliert würde, dann hätten auch Aktionäre ein natürliches Interesse exorbitante Lohnzuwächse Einzelner zu verhindern.
"Wollen wir die Manager vertreiben?"Dierk Müller verwechselt doch einiges in seinem Interview: So hat er vergessen, dass die Expansion der Frankfurter Börse lentztendlich von den Investoren in London verhindert wurde. Mit den bekannten Folgen. Man sollte nun wirklich nicht so tun, als wäre dies von irgendwelchen Managergehältern oder Steuerzahlungen abhängig. Man wollte die Gewinne der Deutschen Börse AG nicht für weitere Investitionen ausgeben, sondern als Bonis für die Anleger bereitstellen. Das ist nämlich die Wahrheit. Und wenn Müller wieder einmal die Neiddebatte ins Feld führt, belegt er damit nur die Unausgewogenheit und Trivialität seiner Argumentationen. Ernstlich ist weiter zu den Aussagen nichts weiter hinzuzufügen.
übrigens Herr Müller, es wandern auch "normale" Arbeitskräfte reihenweise ab. Deshalb würde ich einmal darüber nachdenken, ob man das Thema nicht aus einer höheren Warte bedenken sollte !!!!!!!!!
die in wirtschaftskreisen allgemein übliche ansicht, dass die gewinne und managergehälter ständig steigen müssen, könnte sich als falsch erweisen. da die ständig steigenmüssenden renditen ja lediglich kapitaleignern und managern zugute kommen, müssen die anderen zwangsläufig von ihrem einkommen etwas abgeben. kurz gesagt: wer schon hat, der will mehr haben, wer wenig hat, der soll mehr abgeben.
wenn jedoch einkommen (auch gewinn) ein auskommen ermöglicht (durchaus auf unterschiedlichem niveau, von einfach bis luxuriös), dann bringt über das auskommen weiter steigendes einkommen insgesamt nur nachteile für das system, das auskommen mit dem einkommen ermöglichen sollte: je mehr mit ihrem einkommen (steigende preise, freisetzung von arbeitskräften, ...) nicht mehr auskommen, desto weniger werden durch kaufbeteiligung zu den gewinnen der unternehmen beitragen können.
mir persönlich fehlt da einfach die einsicht in die notwendigkeit von einkommen, die die kosten eines luxuriösen auskommens weit übersteigen. ich persönlich wüsste auch nicht, was ich mit 1000 euro je tag sinnvoll anfangen sollte, und das wären lediglich 365.000 euro netto im jahr.
Managergehälter sollten immer frei verhandelbar sein, sonst wird kein guter Manager mehr in Deutschland arbeiten wollen. Unverhältnismäßig sind doch aber Abfindungen und Erfolgsprämien bei Fehlentscheidungen. Da sollten sich Manager dann auch wie Unternehmer verhalten und das Risiko von Verlusten tragen. Viele Entscheidungen von Managern würden anders aussehen, wenn sie ihr eigenen Geld riskieren würden.
@ NobertMüller
volle Zustimmung - Blätter wie die SZ machen sich mit solchem Mumpitz zu Fürsprechern von fürstliche bestallten Sprechblasenherstellern.
Paging