Ein Kommentar von Marc Beise

Warum gönnen wir Spitzensportlern und Opern-Diven, was wir Managern nicht zubilligen wollen? Die Diskussion um Spitzengehälter in der Wirtschaft ist voll entbrannt.

Es soll Menschen geben, denen Geld ziemlich egal ist, erst recht das Geld anderer. Die zum Beispiel die jüngsten Meldungen aus dem deutschen Spitzenmanagement völlig kaltlassen: Dass Siemens seinem neuen Chef Peter Löscher zum Start 8,5 Millionen Euro bereitgestellt hat, damit er den Job überhaupt antritt.

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Dass seinem Vorgänger Klaus Kleinfeld 5,75 Millionen Euro mitgegeben wurden, obwohl sein Vertrag regulär ausgelaufen war. Dass Porsche-Chef Wendelin Wiedeking geschätzte 56 Millionen Euro Jahresgehalt verbuchen kann. Die neue rasante Drehung des Gehaltskarussells mag einigen Beobachtern egal sein, oder sie finden sie womöglich sogar gut und angemessen. Viele allerdings sind das vermutlich nicht. Selbst unter Wirtschaftsvertretern, die natürlich wissen, dass in der Marktwirtschaft Preise (also auch Gehälter) sich nach Angebot und Nachfrage ergeben, wächst das Unbehagen. Dieses Unbehagen lässt sich in viele kluge Worte fassen. Man kann die sich öffnende Einkommensschere beklagen und die wachsende Entfremdung zwischen Unternehmen und Gesellschaft, wie dies soeben Bundespräsident Horst Köhler, übrigens ein Mann der Wirtschaft, in einem Interview getan hat. Man kann aber auch schlicht das altbekannte Bauchgefühl sprechen lassen, das in Worte umgesetzt schlicht heißt: So was tut man nicht. Man zahlt diese Summen nicht, und man nimmt sie auch nicht. Aber warum?

Warum gönnen wir Spitzensportlern und Opern-Diven, was wir Managern nicht zubilligen wollen? Warum darf ein Franck Ribéry moralisch unbescholten vermutlich vier Millionen Euro netto einstreichen, damit er für den FC Bayern dribbelt, ein Michael Schumacher Millionen anhäufen, weil er für Ferrari im Kreis gefahren ist oder Mick Jagger fürs rollende Vergnügen fürstlich kassieren - und warum ecken Manager an?

Teil eines Teams

Die Antwort ist ganz einfach: Weil es ohne die Ribérys, Schumachers, Jaggers das jeweilige Unternehmen nicht gäbe. Weil die Bayern ohne die richtigen Millionen-Zukäufe bedeutungslos würden, weil Ferrari ohne Schumacher nicht wieder an die WM-Spitze gekommen wäre und die Stones ohne den alten Mick nicht auf Tour gehen könnten. Der Sportstar und die Rockröhre sind notwendige Voraussetzung für den Erfolg der jeweiligen Unternehmung. Ein Kleinfeld dagegen, auch ein Löscher und selbst der überaus erfolgreiche Herr Wiedeking sind austauschbar.

Es ist eine Hybris, anzunehmen, dass auch nur einer dieser Manager unersetzlich wäre. Natürlich leisten sie einen mörderischen Job. Müssen gleichzeitig ein Unternehmen führen, die Zahlen verstehen, die richtigen Investitionsentscheidungen treffen, in der Öffentlichkeit eine gute Figur machen und Investoren und Analysten überzeugen können. Dennoch bleiben sie immer Teil des Teams, wenn auch in herausgehobener Rolle.

Schlimm wird es, wenn manche in der Wirtschaft dieses Zusammenspiel von Einzelnem und Ganzem, von Wirtschaft und Gesellschaft, nicht mehr wahrnehmen. Man bewegt sich in den entsprechenden Kreisen und denkt, alles sei möglich. Weil in Amerika, traditionell das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, Phantasiegehälter gezahlt werden, soll das in Deutschland nicht anders sein?

Nur wer aus dieser Kunstwelt ausbricht, wer sich ein Gespür für die Gesellschaft bewahrt, in der er lebt, vermag auch bei den Managergehältern zu differenzieren. Er begreift dann, dass es falsch ist, geschäftlichen Misserfolg mit Millionengagen zu honorieren, wie dies beim früheren Daimler-Chrysler-Chef Jürgen Schrempp der Fall war. Es ist ferner ungeheuerlich, dass der aus eigenem Antrieb ausgeschiedene Siemens-Chef Kleinfeld umfangreich nachalimentiert wurde - obwohl es schon der Anstand verboten hätte, dass er mit seinem Herrschaftswissen direkt zur Konkurrenz marschierte. Es ist erst recht falsch, wenn das Vergütungssystem durch Grundgehalt, Extras, Boni, Sonderboni, Aktienoptionen und vieles andere mehr undurchschaubar wird.

Dagegen ist es richtig, dass für rare Multitalente viel gezahlt werden muss. Je rarer sie sind, desto mehr. Deshalb verdient ein Josef Ackermann als Chef der Deutschen Bank zweistellige Millionensummen, seine Investmentbanker in London aber noch viel mehr: Weil sie nach allgemeiner Einschätzung einen besonders guten Job machen und sonst für die Konkurrenz arbeiten würden. Siemens kam wohl nicht darum herum, Löschers in den USA erworbene Pensionszusagen zu übernehmen, wenn man rasch einen neuen Chef finden wollte, der Mitarbeiter, Kunden und US-Börsenaufsicht gleichermaßen im Blick hat.

Dann ist es auch richtig, dass der angestellte Porsche-Manager Wiedeking amerikanische Dimensionen erreicht? Eben nicht. Zwar geben die Großaktionäre, vor allem die Familien Piëch und Porsche, sozusagen aus dem eigenen Geldbeutel. Wenn aber einer so viel erhält, sprengt das auf Dauer das Team, wird das Band, das alles zusammenhält, strapaziert. Wenn es reißt, ist das schlecht für die Firma, fürs Land - aber auch für den Manager selbst. Der Mensch lebt in der Gemeinschaft, und niemand verabschiedet sich daraus ungestraft.

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(SZ vom 30.11.2007/hgn)