Machtkampf im Energiekonzern Blackout bei Thüga

Der Stadtwerke-Verbund Thüga will neben Eon und RWE zum Riesen auf dem deutschen Energiemarkt aufsteigen. Für die Verbraucher wäre das keine schlechte Nachricht - doch ein Machtkampf lähmt den Konzern.

Von Markus Balser und Michael Bauchmüller, Berlin

Zumindest in Musterstadt ist die Welt noch in Ordnung. Musterstadt, das ist die Heimat des kurzen Filmchens, mit dem die Stadtwerke-Holding Thüga sich selbst erklärt. Da leben die Musterstädter glücklich und zufrieden mit ihrem Stadtwerk, das ihnen Strom, Wasser und wohlige Wärme liefert.

Weil das Musterstädter Stadtwerk aber alleine zu klein ist, hat es sich mit vielen anderen zusammengeschlossen. "So lässt sich vieles effizienter erledigen", wirbt der Werbefilm, und mehr noch: "Weil so ein großes Netzwerk jemand koordinieren muss, gibt es die Thüga." Wären doch die Dinge überall so einfach wie in Musterstadt.

Bei der Thüga selbst jedenfalls sind sie es nicht. An diesem Mittwoch tritt in München der Aufsichtsrat des Verbunds von 100 Stadtwerken zusammen. Es geht um nicht weniger als eine Palasterevolution bei einem der größten Energiekonzerne Deutschlands. Wenn sich die Kontrolleure treffen, steht der Job von Vorstandschef Ewald Woste, 54, zur Disposition - aber auch das Geschäftsmodell als Ganzes.

Am mangelnden Erfolg der Thüga liegt die Revolte nicht. Die einstige Eon-Tochter erzielte zuletzt mehr Gewinn als erwartet. Auf Deutschlands Energiemarkt, lange dominiert von den Riesen Eon, EnBW, RWE und Vattenfall, mischten über die Holding mit Sitz in München plötzlich auch Stadtwerke aus Fulda, Freiburg oder Neuss mit. Es entstand ein neuer Riese - kommunal.

Viele Stadtwerke würden den Riesen gern in Ketten legen

Doch ausgerechnet in Musterstadt wird das nun vielen unheimlich. Die Thüga, eigentlich gedacht als Hilfsmittel der Kommunen, entwickelt sich selbst zunehmend zum machtbewussten Akteur und versucht über ihre Kontakte zu den Städtechefs ihrerseits auf die Stadtwerke Einfluss zu nehmen. "Das löst immer mehr Ärger aus", sagt ein Insider. "Viele Stadtwerke, die den Riesen geschaffen haben, würden ihn nun gerne in Ketten legen."

Um die Zukunft der Thüga tobt deshalb eine heftige Auseinandersetzung. Der Zusammenschluss von Städten und Stadtwerken ist zerstritten. Eine Fraktion um die Thüga-Aufsichtsrätin und ehemalige Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) fordert Eigenständigkeit für die Zentrale. Die schärfsten Widersacher von Vorstandschef Woste sitzen im Ausschuss der Eigentümervertreter. Stadtwerke wie Enercity aus Hannover und ihr Chef Michael Feist sind dagegen. Zum gewaltigen Problem wird damit auch die seltsame Zwitterrolle der Thüga.

Zu ihren größten Anteilseignern zählen die Stadtwerke in Hannover, Frankfurt und Nürnberg, außerdem ein Zusammenschluss mehrerer kleiner Stadtwerke - lauter Unternehmen, an denen die Thüga ihrerseits wieder beteiligt ist. So hält Feists Enercity 20,5 Prozent der Thüga-Anteile - Wostes Thüga ihrerseits aber 24 Prozent der Enercity-Anteile. Mit den Stadtwerken in Frankfurt und Nürnberg verhält es sich ähnlich. Wer hier Mutter- und wer Tochtergesellschaft ist, lässt nicht so einfach ausmachen. Doch dieses Schachtelkonstrukt könnte den Machtkampf nun eskalieren lassen.