Macht und Mächtige Benjamin Franklins Erben

Carly Fiorina (M), einstige Chefin von Hewlett-Packard, geht in die Politik - genau wie (v.l.): M. Bloomberg, H. Paulson, D. Cheney, M. Romney, R. Perot, B. Franklin.

(Foto: Bloomberg (2), Reuters, Getty, AP (2), AFP, SZ-Collage: Julian Hosse)

Der Wechsel von Managern und Unternehmern in die Politik ist in Amerika nichts Ungewöhnliches. Jetzt versucht die frühere HP-Chefin Carly Fiorina den Sprung ins Weiße Haus.

Von Nikolaus Piper

Die aufwendige und oft merkwürdige Art, wie die Amerikaner ihr politisches Personal auswählen, sorgt im Rest der Welt immer wieder für Erstaunen. Nirgendwo dauern Wahlkämpfe so lange, nirgendwo sind sie so teuer und bieten so hohen Unterhaltungswert wie in den Vereinigten Staaten. Jetzt steht die Präsidentenwahl 2016 an, und was dabei besonders auffällt ist das Bewerberfeld. Bei den Demokraten gibt es eine (fast) unvermeidliche Kandidatin: Hillary Clinton. Bei den Republikanern hat sich dagegen eine ganze Phalanx von "Presidential Hopefuls" gemeldet. Viele sind auch informierten Amerikanern unbekannt.

Die vermutlich interessanteste unter den Bewerbern hat an diesem Montag ihre Kandidatur erklärt: Carly Fiorina, 60, die frühere Chefin des IT-Konzerns Hewlett-Packard. Hätte sie Erfolg, wäre sie nicht nur die erste Frau, sondern auch die erste Managerin im modernen Sinne, die ins Weiße Haus einzieht. Genau darauf setzt die eingeschriebene Republikanerin: Sie möchte Clinton bei Frauenthemen neutralisieren: "Wenn Hillary Clinton es mit einem weiblichen Gegenkandidaten zu tun hat, dann kann sie über bestimmte Dinge nicht reden", sagte Fiorina vor Journalisten in Washington. "Sie könnte nicht sagen, dass sie die erste Präsidentin wäre, sie kann nicht die Geschlechterkarte spielen."

Die ersten fünf Präsidenten der USA waren Farmer oder Plantagenbesitzer

Eine Managerin im Weißen Haus - das wäre eine Sensation, auch wenn in Amerika die Grenze zwischen Politik und Wirtschaft viel durchlässiger ist als in Europa. Das fängt schon mit den Gründervätern der USA an. Die ersten fünf Präsidenten des Landes - George Washington, John Adams, Thomas Jefferson, James Madison und James Monroe - waren zwar nicht Unternehmer, wohl aber Farmer oder Plantagenbesitzer. Der Idealtyp des amerikanischen Unternehmer-Politikers war wohl Benjamin Franklin (1706-1790). Der Druckerei-Besitzer, Verleger, Philantrop, Erfinder, Intellektuelle und Co-Autor der Unabhängigkeitserklärung war einer der einflussreichsten Gründerväter, wurde aber nie Präsident.

Weil es in Amerika keinen Feudalismus gab, galten Geschäftsleute von Anfang an mehr als etwa in Deutschland. Sie nahmen oft prägenden Einfluss. Der Bankier Andrew Mellon (1855-1937) verantwortete als Finanzminister den Absturz des Landes in die Weltwirtschaftskrise. Mit seiner Weigerung, aktiv einzugreifen, verschlimmerte er die Krise erheblich. Aber er war auch großzügiger Philantrop: Mit seiner eigenen Kunstsammlung und seinem Geld legte er den Grundstock für die National Gallery of Art im Herzen Washingtons.

Nicht immer konnten Geschäftsleute in der Politik ihre eigenen Interessen und die der Nation auseinanderhalten. Als Negativbeispiel gilt bis heute Dick Cheney, Vizepräsident unter George W. Bush von 2001 bis 2009. Ehe er sein Amt antrat, war Cheney der Chef von Halliburton, einem führenden Ausrüster der Ölindustrie. Cheney wurde, meist zu Recht, nachgesagt, dass er Industrieinteressen aus dem Weißen Haus heraus rücksichtslos verfolgte.

Finanzminister während der zweiten Amtszeit von Bush war Henry Paulson, ehemaliger Co-Chef der Investmentbank Goldman Sachs. Paulson organisierte - zusammen mit Notenbankchef Ben Bernanke - die Maßnahmen der amerikanischen Regierung zur Eindämmung der Finanzkrise. Paulson und Bernanke waren letztlich erfolgreich. Trotzdem gab es Kritik an Paulson: Weil die US-Regierung die Versicherung AIG rettete, rettete sie indirekt auch Kunden von AIG wie die Deutsche Bank und Paulsons früheren Arbeitgeber Goldman Sachs. Niemand hat Paulson allerdings konkretes Fehlverhalten vorgeworfen, niemand behauptete, dass die Welt besser dastehen würde, hätte Paulson AIG pleitegehen lassen.

Ein anderer Goldman-Sachs-Chef mit politischen Ambitionen war Jon Corzine. Er wurde 2006 zum Gouverneur von New Jersey gewählt und nach einer erfolglosen Amtszeit 2009 abgewählt. Nach seinem Abschied aus der Politik war er 2011 in die Pleite der Finanzfirma MF Global verwickelt.

1992 sicherte der Außenseiter Ross Perot den Sieg von Präsident Bill Clinton

Als überwiegend positives Beispiel für einen Unternehmer-Politiker gilt Michael Bloomberg. Der Gründer des globalen Informations- und Datenunternehmens, das seinen Namen trägt, wurde 2001 als Republikaner zum Bürgermeister der traditionell zutiefst demokratischen Stadt New York gewählt. Auch seine vielen Gegner räumen ein, dass Bloomberg die Stadt fundamental verändert hat, und zwar überwiegend zum Guten. Bloomberg pflegte das Image des Unternehmers/Managers. Im Rathaus richtete er ein Großraumbüro ein, das dem Handelssaal einer Wall-Street-Firma glich; er arbeitete für das symbolische Gehalt von einem Dollar und finanzierte soziale Projekte in der Stadt aus eigener Kasse. Auch seine, wie in Amerika üblich, horrenden Wahlkampfkosten trug er selber. Das brachte ihm den Vorwurf ein, Wahlen zu "kaufen", noch nie aber stand er im Verdacht, selbst käuflich zu sein. Er konnte es sich leisten, Lobbyisten zu ignorieren.

Den Wunsch einiger seiner Berater, Bloomberg möge sich als Unabhängiger um die Präsidentschaft bewerben, erfüllte er nicht. Das hatte vor ihm der Texaner Ross Perot versucht. Der Gründer des IT-Unternehmens EDS versuchte 1992 als Unabhängiger Präsident zu werden. Politisch stand er äußerst rechts und versuchte, sich als Freihandels-Gegner zu profilieren. Perot scheiterte, er bekam aber immerhin 18,9 Prozent der Stimmen, überwiegend aus dem republikanischen Lager, was Bill Clinton den Sieg sicherte.

Bei der Wahl 2012 unterlag mit Mitt Romney ein reicher Private-Equity-Manager und Unternehmensberater (Bain Capital). Auch Meg Whitman, früher Ebay, heute Hewlett-Packard, versuchte vergeblich ihr Glück: Sie wollte Gouverneurin von Kalifornien werden. Und jetzt also Carly Fiorina. Sie hatte bereits vor vier Jahren einen Testlauf unternommen. Da bewarb sie sich um das Amt einer Senatorin von Kalifornien, unterlag aber der linken Demokratin Barbara Boxer. Fiorinas Chancen für den Wahlkampf sind nicht unbedingt die besten. Ihre Positionen entsprechen denen vieler Manager in den USA: in wirtschaftspolitischen Fragen rechts von den Demokraten, in Fragen wie Schwulenehe oder Einwanderung links von den Republikanern. Als HP-Managerin war sie extrem umstritten und musste das Unternehmen im Streit verlassen. Und die Wähler interessieren sich noch kaum für sie: Bei einer Umfrage in Iowa, dem ersten Bundesstaat, in dem Vorwahlen stattfinden werden, kam sie unter den möglichen republikanischen Kandidaten auf den elften Platz.