Machbarkeitsstudie zur Energiewende Bahntrassen als Stromtrassen

Knapp 28.000 Kilometer Stromleitungen: Niemand betreibt ein so flächendeckendes Leitungsnetz wie die Bahn, doch als Reserve für die Energiewende taugt es nur bedingt. Denn die Netze von Energie- und Zugwirtschaft sind inkompatibel. Womöglich gibt es jedoch eine andere Lösung.

Von Michael Bauchmüller, Berlin

20 000 Kilometer Stromnetz, Mast für Mast - für die Stellwerker der deutschen Energiewende ist das deutsche Bahnnetz ein einziger Traum. Auf 20 000 Kilometern sind die hiesigen Gleise per Oberleitung "elektrifiziert", hinzu kommen noch einmal die eigenen Stromleitungen der Bahn, die wiederum die Oberleitungen speisen: Insgesamt 7800 Kilometer, quer durchs Land. Wie gut ließen sich doch allein diese Leitungen nutzen, um Windstrom aus dem Norden gen Süden zu bringen.

Als Reserve für die Energiewende taugt es nur bedingt: Das Stromnetz der Deutschen Bahn.

(Foto: dpa)

Eine Machbarkeitsstudie im Auftrag der Bundesnetzagentur räumt damit nun auf. "Grundsätzlich" sei die Nutzung der Bahnstromtrassen zwar möglich. Das aber nur unter enormen Einschränkungen. So ließen sich die bestehenden Masten zwar austauschen gegen solche, die auch per Freileitung Strom in Höchstspannung transportieren. Nur verstärken sich durch das Nebeneinander von Bahnstrom und Normalstrom die elektromagnetischen Felder, und das je stärker, je weiter die Leitungen parallel verlaufen. Ergebnis: Mehr als 50 Kilometer Doppelstromleitung am Stück sind nicht drin, ein Tropfen auf den heißen Stein.

Schade eigentlich.

Die Unvereinbarkeit von Energie- und Zugwirtschaft hängt auch mit einer Besonderheit des deutschen Bahnstroms zusammen: Während das Stromnetz, wie im Rest Europas auch, mit einer Frequenz von 50 Hertz arbeitet, hat die Bahn eine von 16,7 Hertz. Damit sind beide Netze nicht miteinander kompatibel. Allerdings ließen sich diese Probleme technisch umgehen - mit Gleichstrom (englische Abkürzung: DC). Anders als der in Deutschland gebräuchliche Wechselstrom (AC) lässt sich Gleichstrom auch über weite Strecken parallel zum Bahnstrom transportieren. "Insgesamt betrachtet", so heißt es im Gutachten, scheine diese Technologie für Freileitungen "die technisch sinnvollste Lösung zu sein". Leider ist sie drei Milliarden Euro teurer als eine herkömmliche Leitung.

In jedem Fall brauchen die neuen Leitungen neue Masten. Die sind nicht nur wesentlich höher als die bisherigen Masten, sie sind meist auch breiter. Damit aber muss auch der so genannte Schutzstreifen unterhalb der Masten breiter sein. Das birgt Probleme überall dort, wo der Bahn dieser Schutzstreifen nicht gehört. Und es macht ein Planfeststellungsverfahren notwendig, wie es für jeden anderen Freileitungsbau auch erforderlich ist. Sind den Anwohnern etwa die neuen Masten zu hoch oder magnetischen Felder zu heikel, drohen langwierige Verfahren - mit offenem Ausgang. Blieben noch Kabel, die sich entlang der Bahntrassen im Erdreich verlegen ließen. Auch hier kommt allein die Übertragung per Gleichstrom infrage, und insgesamt würden sich die Kosten verdreifachen.

Letztlich sei unter Abwägung aller Fürs und Wider, so urteilen die Gutachter, die Variante neuer Gleichstromleitung an höhergelegten Bahnmasten die beste Lösung, trotz ihrer "erhöhten Sichtbarkeit".

Die Bundesnetzagentur selbst äußert sich nur verhalten zu dem Bericht. Das Gutachten, sagt Behördenchef Jochen Homann, helfe immerhin, das Potenzial der Trassen "angemessen bewerten zu können". Wo immer es möglich sei, sollten Stromtrassen der Bahn in die Untersuchungen zum Netzausbau einbezogen werden. Schon heute versuchen Netzplaner, Leitungen vor allem entlang bestehender Infrastrukturen zu errichten. Den Netzbetreibern zufolge müssen neue Trassen mit einer Länge von rund 3800 Kilometern gebaut werden und bestehende mit einer Länge von rund 4000 km modernisiert werden. "Eine Mammutaufgabe", sagt auch Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU). Zumindest gebe das Gutachten nun Hinweise, wie sich die Bahnstromtrassen einbeziehen lassen. "Es ist allerdings noch eine große Wegstrecke zu gehen", sagt Ramsauer.

Derweil zeichnen sich beim Ausbau der Windenergie zur See, deren Strom die neuen Leitungen irgendwann transportieren soll, Fortschritte ab. Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) und Umweltminister Peter Altmaier (CDU) verständigten sich am Montag auf neue Haftungsregeln für Windparks, die nicht rechtzeitig ans Festland-Netz angebunden werden. Danach kann der zuständige Netzbetreiber einen Teil der Haftung auf die Stromkunden abwälzen, sofern er die Verzögerung nicht verschuldet hat. Derzeit sind viele dieser Projekte in Verzug, Investoren sind entsprechend zögerlich. Auch solle es künftig einen eigenen Plan für die Entwicklung des Stromnetzes zur See geben, vereinbarten die Minister. Fehlen dann nur noch die nötigen Leitungen an Land. (Seite 4)