Luftverkehr Beim Drohnenflug herrscht Anarchie

Die Feuerwehr Straubing verschafft sich mit einer Drohne Überblick.

(Foto: dpa)
  • Der Markt für Drohnen boomt - nicht nur bei Privatleuten, sondern auch bei professionellen Nutzern.
  • Obschon die Unfallgefahr nicht zu vernachlässigen ist, herrscht noch immer weitgehend Anarchie beim Drohnenflug.
Von Helmut Martin-Jung

Summ, summ - Ihre Bestellung ist da! Für Firmen wie den Internethändler Amazon ist es mehr als bloß Werbung, wenn sie versuchsweise Pakete mit Drohnen ausliefern. Schon manches Projekt kam schließlich den Zeitgenossen verrückt vor und stellte sich dann doch als bahnbrechend heraus. Und ein bisschen vom Glanz der Zukunft abzubekommen, kann ja auch nicht schaden. Noch aber brauchen die Kunden ihre Vogelhäuschen nicht zu Drohnen-Landeplätzen umbauen. Bis Prime Air, so hat der Internetkonzern aus Seattle den luftigen Lieferservice schon mal genannt, Wirklichkeit wird, kann es noch dauern - wenn es denn überhaupt dazu kommt.

In der näheren Zukunft werden Drohnen zwar eine immer wichtigere Rolle spielen, doch eher nicht in der Logistik für Endkunden, glaubt auch Jörg Schamuhn, der das operative Geschäft des chinesischen Drohnen-Herstellers Yuneec in Europa verantwortet. Aber: "In zwei Jahren wird jedes Feuerwehrauto eine Drohne für Lagebilder haben." Beim Beobachten von Deichen zum Hochwasserschutz, bei der Inspektion von Windrädern hätten sich Drohnen schon sehr bewährt. Die Fluggeräte mit ihren Kameras und Sensoren etwa für Wärmebilder einzusetzen, können die Überwachungskosten auf ein Zehntel drücken, verspricht Schamuhn.

Das Geschäft mit Drohnen für Privatleute brummt aber auch. Erstmals werden nach Schätzungen der Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) in diesem Jahr zehn Millionen Kamera-Drohnen verkauft - ein Plus von 150 Prozent bei den Stückzahlen und sogar 160 Prozent beim Umsatz.

Die meisten der Fluggeräte sind Consumer-Produkte, die bis zu einigen Hundert Euro kosten. Vier oder sechs Rotoren haben die meisten davon, angetrieben werden sie von Elektromotoren. Die dazugehörigen Akkus machen in der Regel nach 15 bis 20 Minuten schlapp.

"Neue Potenziale für den Imaging-Markt"

Die GfK spricht bei ihrer Marktübersicht nicht grundlos von "neuen Potenzialen für den Imaging-Markt", denn die Consumer-Multikopter dienen vor allem als fliegende Augen: "Das ist die Kamera für den Social-Media-Süchtigen", sagt Yuneec-Mann Schamuhn. Dass sich Mountainbiker oder Skifahrer bei ihren waghalsigen Abfahrten von einer Drohne filmen lassen, ist mittlerweile nichts Neues mehr.

Das hat auch Firmen wie Intel, größter Chiphersteller der Welt, auf den Plan gerufen. Sie haben sich an Yuneec beteiligt und die kleine, aber technisch sehr fortgeschrittene Firma Ascending Technologies aus dem bayerischen Krailling bei München gleich ganz gekauft. Yuneec und Marktführer DJI, ebenfalls aus China, dominieren zusammen mit dem französischen Hersteller Parrot den Markt für Consumer-Geräte und solche für den halbprofessionellen Einsatz.

Intel, auf der Suche nach Geschäftsfeldern neben dem schwindenden Markt für Personal Computer und dem für Mobilgeräte, wo der Konzern den Anschluss verpasst hat, liefert nun zum Beispiel Kameras für die Drohnen, die dreidimensionale Bilder der Umgebung erstellen können. Das ist wichtig, um Zusammenstöße zu vermeiden, vor allem dann, wenn sich die Drohnen außerhalb der Sichtweite des Steuerers befinden.

Bisher ist es in Deutschland nicht erlaubt, Drohnen fliegen zu lassen, wenn man sie nicht mehr im Blick hat, auch die Flughöhe ist begrenzt, allerdings sind die Regeln derzeit noch von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich, weil dafür die Länder zuständig sind. Das Bundesverkehrsministerium arbeitet aber an neuen Vorschriften, die den Entwürfen zufolge zum Beispiel auch vorsehen, dass jede Drohne, die schwerer als 250 Gramm ist, mit einer Art Nummernschild versehen sein muss; außerdem soll ein Drohnen-Führerschein Pflicht werden. Allerdings arbeitet auch die EU an einem Rechtsrahmen für die Drohnen-Fliegerei, der Entwurf aus dem Haus von Alexander Dobrindt könnte also schon bald wieder überholt sein.

Landwirte setzen auf Drohnen

Momentan herrscht vor allem bei Privatnutzern noch viel Anarchie. Zwar gibt es die Ländervorschriften, doch die erfassen vor allem professionelle Nutzer, die teils für jeden Einsatz eine Genehmigung einholen müssen. Die meisten Privatpersonen, die sich eine Drohne kaufen, wissen nicht einmal, dass sie eine besondere Haftpflichtversicherung abschließen sollten. In gewöhnlichen Haftpflichtversicherungen sind Schäden durch Drohnen nämlich meist ausgeschlossen. Doch das Unheil ist schnell passiert: In Großbritannien verlor ein Kleinkind ein Auge durch einen Drohnen-Rotor, an Flughäfen hat es bereits mehrere Zwischenfälle gegeben - bisher gingen die alle glimpflich aus. Doch niemand weiß, was passiert, sollte eine Drohne in ein Flugzeug-Triebwerk geraten.

Doch wo die Gefahr von Kollisionen gering ist, bietet sich der Einsatz von Drohnen an. Vier Prozent der Landwirte in Deutschland setzen Drohnen bereits ein, wie Bitkom, der Verband der Digitalwirtschaft, bei einer repräsentativen Befragung ermittelt hat. 45 Prozent glauben, dass die fliegenden Augen bis 2030 zur Standardausrüstung auf dem Hof gehören könnten. Ihr Einsatzgebiet könnte nicht bloß die Beobachtung sein, etwa um Tierherden im Blick zu behalten oder den Düngemitteleinsatz exakter zu steuern. Es gibt auch Experimente wie das in Thüringen, wo Multikopter im Wald dazu verwendet werden sollen, Bäume zu pflanzen. Die vorgekeimten Samen würden in einer Patrone mit Druckluft in den Boden geschossen, wo sich die Hülse dann zersetzt und der Samen, der in ein Nährgel eingebettet sein soll, aufgehen kann.

In den USA überwacht das Eisenbahnunternehmen BNSF einen Teil seines Streckennetzes in New Mexico mit unbemannten Fluggeräten. Die 240 Kilometer lange Versuchsstrecke hilft auch der Flugsicherheitsbehörde FAA, welche die Zusammenarbeit mit kommerziellen Unternehmen sucht, um so gemeinsam Regeln und Technologien für den ständigen Einsatz unbemannter kommerzieller Fluggeräte zu entwickeln.

Das Gebiet dort ist nicht dicht besiedelt, doch wenn die Drohne über die Gleise saust, droht trotzdem Gefahr. Langsam werde man sich daher vorantasten, sagt Earl Lawrence, Drohnenexperte der FAA. "Wie isst man einen Elefanten?", fragt er rhetorisch, "immer einen Bissen nach dem andern".