Ein Kommentar von Detlef Esslinger

Nicht nur wegen des Gratisfluges von Frank Bsirske war der Lufthansa-Streik für Verdi kein Erfolg.

Eigentlich hatte man dem Verdi-Chef so viel Tollpatschigkeit gar nicht zugetraut. Eigentlich dachte man, so was mache nur der frühere Lokführerführer Schell: einen Streik ausrufen und sich dann an den Bodensee in Kur begeben. Aber während des Streiks nicht in Kur, sondern in Urlaub fahren, nicht den Bodensee, sondern die Südsee wählen, nicht selber zahlen, sondern sich aushalten lassen - Frank Bsirske liefert gerade eine jener Anekdoten, die zu schön sind, um je wieder vergessen zu werden.

Szenen des Streiks: Etliche Maschinen blieben in den vergangenen Tagen am Boden, weil Lufthansa-Mitarbeiter streikten. Hunderte Fluge wurden annulliert. (© Foto: Reuters, dpa)

Anzeige

Er mag nun viele Erklärungen liefern, warum daran gar nichts zu beanstanden sei: dass er nur in Anspruch genommen habe, was ihm als Vize des Lufthansa-Aufsichtsrats zustehe. Dass er den Urlaub buchte, als es nicht nach Streik aussah. Dass er sonst kaum Wochenenden hat und auch mal Urlaub am Stück braucht. Alles gut und richtig. So richtig wie die lange Begründung des Lufthansa-Chefs Wolfgang Mayrhuber, warum die 48-prozentige Gehaltserhöhung für ihn gerechtfertigt sei. Der sprach von variablen Bestandteilen seiner Bezüge, die abhängig seien vom operativen Gewinn des Konzerns. Jaja. Nur alles viel zu kompliziert, als dass die Leute es sich merken könnten. Hängen bleiben: "Südsee" und "48 Prozent". Vom Manager erwarten sie es ja vielleicht nicht anders. Aber dass der Verdi-Mann auch nur einer von denen da oben ist?

Die Strand-und-Palmen-Meldung ist für die Gewerkschaft auch deshalb so misslich, weil sie sie nicht mit der Bekanntgabe eines glorreichen Verhandlungsergebnisses neutralisieren kann. Vier Tage lang haben die Verdi-Mitglieder bei Lufthansa gestreikt, nun haben sie ein Ergebnis, das sehr viel näher an den bisherigen Vorstellungen des Unternehmens liegt als an denen der Gewerkschaft.

Ein Plus von 6,7 Prozent, verteilt auf knapp zwei Jahre, hatte das Unternehmen geboten. Jetzt zahlt es 7,4 Prozent. Verdi hingegen wollte 9,8 Prozent - für ein Jahr. Und die Einmalzahlung beträgt nun nicht ein Prozent eines Jahresverdiensts, sondern zwischen 1,5 und 2,4 Prozent wird sie liegen; je nachdem, in welcher Lufthansa-Tochter ein Mitarbeiter beschäftigt ist. Dass sich die Gewerkschaft mit diesen relativ geringen Zugeständnissen zufriedengeben musste, lässt nur einen Schluss zu: Ihr (geheim gehaltener) Organisationsgrad bei Lufthansa ist zu gering, um zur Ausübung von noch mehr Druck in der Lage zu sein.

Dass Verdi bei der Lufthansa nicht die mächtigste Gewerkschaft ist, könnte sich ohnehin schon bald zeigen. Im August steht womöglich ein Streik der Piloten bevor, und für den Winter drohen schon die Flugbegleiter. Bei beiden Gruppen dominieren kleine Berufsgewerkschaften. Es könnte ein Tarifkonflikt wie bei der Bahn werden - vor allem die Piloten sind imstande, das halbe Unternehmen lahmzulegen. Frank Bsirske wird viel damit zu tun haben, den Beschäftigten zu erklären, warum Verdi gut für sie ist. Vielleicht schafft er es ja noch rechtzeitig nach Hause.

Leser empfehlen 

(SZ vom 02./03.08.2008/mel)