Von Jens Flottau

Piloten sind darauf trainiert, schnell zu entscheiden: Das bekommt jetzt die Lufthansa zu spüren, denn ihre Flugkapitäne brechen ohne Umschweife einen Großstreik vom Zaun.

Piloten sind wohl so. Im Zweifel müssen sie im Cockpit in kurzer Zeit ein Problem klar analysieren und schnell richtig entscheiden. Ob sie dazu charakterlich geeignet sind, wird schon vor der Fliegerschule überprüft.

Viele Passagiere bleiben demnächst am Boden: Die Lufthansa-Piloten haben für einen Streik ausgesprochen. (© Foto: Reuters)

Anzeige

Wer viel zaudert und abwägt, mehr die Grautöne in Erwägung zieht und nicht nur schwarz und weiß, der hat wenige Chancen auf eine Karriere im Cockpit.

Klare Ansagen machen die Lufthansa-Piloten nun aber auch ihrem Arbeitgeber. Vom kommenden Montag an wollen sie vier Tage lang streiken, wenn die Fluggesellschaft nicht doch noch ein Angebot vorlegt. Ob denn gleich zu Beginn eines Tarifstreits ein so langer Ausstand nicht ein bisschen happig sei, wird Thomas von Sturm auf dem Podium gefragt.

Schon jetzt fürstlich bezahlt

Der Leiter der Tarifkommission bleibt ganz gelassen und sagt: "Wir wollen sehr zügig zu einer Lösung kommen." Je größer die Drohung, desto eher wird die Lufthansa schnell zu Zugeständnissen bereit sein, so das Kalkül.

Bei der Auseinandersetzung geht es in erster Linie nicht um mehr Geld, denn die Besatzungen werden mit festen Gehältern (ohne Zulagen und variablen Anteil) von bis zu knapp 180.000 Euro schon jetzt fürstlich bezahlt. Sie gehören damit zu den bestverdienenden Piloten weltweit und können darüber hinaus auf bereits zuvor vereinbarte jährliche Steigerungen zählen.

Vielmehr wollen die Piloten verhindern, dass Lufthansa immer weiter über neue Tochtergesellschaften wie die jüngst gegründete Lufthansa Italia wächst und dort lokal Piloten einstellt, die deutlich weniger verdienen. Eskaliert ist der Streit aber an der Frage, wo die Fluggesellschaft größere Regionalflugzeuge einsetzt.

Kleine Maschinen kaum noch profitabel

Das Unternehmen will die Maschinen der Hersteller Bombardier und Embraer, die zwischen 95 und 110 Sitze haben, am liebsten bei ihrer Regionaltochter CityLine einsetzen.

Der sogenannte Konzerntarifvertrag (KTV), eine nicht kündbare Grundsatzvereinbarung zwischen Airline und Piloten, schreibt aber vor, dass alle Maschinen mit mehr als 70 Sitzen von Lufthansa-Piloten selbst geflogen werden müssen. Kleinere Maschinen mit 50 oder 70 Sitzen sind wegen der stark gesunkenen Ticketpreise aber kaum mehr profitabel zu betreiben und werden deswegen bei CityLine wie auch bei Eurowings ausgemustert.

Hunderte von Piloten drohen ihrer Arbeitsplätze zu verlieren, wenn sie nicht schnell größere Jets bekommen.

Der KTV wurde 1992 abgeschlossen, als die Piloten zeitweilig auf einen Teil ihres Gehaltes verzichteten und dadurch mithalfen, das damals von der Pleite bedrohte Unternehmen zu retten. Im Gegenzug hatte sich die Airline zu Zugeständnissen wie die 70-Sitzer-Klausel bereit erklärt.

Nach der Sanierung der Lufthansa und angesicht von hohen Gewinnen forderten die Piloten allerdings ihr altes Gehaltsniveau zurück. Die Lufthansa lehnte dies mit dem Hinweis darauf ab, dass niedrigere Personalkosten eine wichtige Voraussetzung für ihre neue Wettbewerbsfähigkeit gewesen seien, die sich nicht aufgeben könne.

Ein nicht gelöstes Trauma

2001 eskalierte der Streit und führte zum bislang größten Streik der Lufthansa-Piloten. Wenige Monate vor den Terroranschlägen vom 11. September 2001 setzte die Pilotengewerkschaft noch einmal um mehr als 20 Prozent höhere Gehälter durch.

Der Macht der Piloten, die damals tagelang den Flugbetrieb lahmlegten, hatte der Konzern letztlich nichts entgegenzusetzen. In späteren Gehaltsrunden konnten die Piloten davon überzeugt werden, weitere Steigungen wenigstens vom Gewinn des Unternehmens abhängig zu machen.

Im Video: Die Piloten der Lufthansa haben für einen Streik gestimmt. Ab kommender Woche wollen sie den Flugverkehr in Teilen lahm legen.

Weitere Videos finden Sie hier

Der Streik von 2001 ist selbst neun Jahre später immer noch ein nicht aufgelöstes Trauma. 2001 stand von Sturm, ein Boeing 747-Kapitän, an der Spitze der Pilotengewerkschaft und wurde für Lufthansa den damaligen Vorstandschef Jürgen Weber zu einem wahrhaft roten Tuch.

Revolte innerhalb der Gewerkschaft

Webers Nachfolger Wolfgang Mayrhuber gelang es seither nicht, das Zerwürfnis zu überwinden. Weber ist mittlerweile ein sehr mächtiger Aufsichtsratsvorsitzender geworden und dürfte erneut zu einer harten Linie gegen die Piloten drängen.

Auch von Sturm ist wieder mit von der Partie, dieses Mal als Leiter der Konzerntarifkommission der Lufthansa und heimlicher Chef der Gewerkschaft. Dass es nun vermutlich nach fast zehn Jahren wieder zu einem für die Lufthansa äußerst schmerzhaften Streik kommt. hängt auch mit einer Revolte innerhalb der Gewerkschaft zusammen.

Der alte bis ins Frühjahr 2009 hinein amtierende VC-Vorstand hatte mit der Lufthansa nach eigenen Angaben einen Kompromiss weitgehend fertig verhandelt, der vor allem die besonders strittige Frage der Regionalflugzeuge geklärt hätte.

Doch dann revoltierte die Tarifkommission gegen den eigenen Gewerkschaftsvorstand. Mehrere Vertreter des Gremiums schrieben einen offenen Brief. Bei den anstehenden Wahlen gewannen die Anhänger eines härteren Kurses haushoch.

Leser empfehlen 

(SZ vom 18.02.2010/pak)