Luftfahrtkonzern Die Lufthansa nähert sich ihrer Nazi-Geschichte

Start einer Junkers Ju 52 der Lufthansa auf dem Berliner Flughafen Tempelhof, 1937.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)
  • Die heutige Lufthansa tut sich schwer mit der Geschichte des ersten Unternehmens Lufthansa, das zwischen 1926 und 1945 existierte.
  • Historische Untersuchungen wurden jahrelang nicht publiziert. Nun erscheinen gleich zwei Bücher zur Geschichte des deutschen Luftfahrtunternehmens.
Von Jens Flottau

Man sollte meinen, dass die Sache nicht so schwer sein kann. Ein großes deutsches Unternehmen, in diesem Fall Lufthansa, bekennt sich offen zu den Fehlern der Vergangenheit, hilft Historikern bei der Aufarbeitung und stellt die Ergebnisse der Öffentlichkeit vor. Das wäre verantwortungsvoll und vorbildlich für andere, ein wichtiger Beitrag zur Aufarbeitung der Wirtschaftsgeschichte und der eigenen Schuld im Nationalsozialismus.

Irgendwie passiert das auch gerade bei der größten deutschen Fluggesellschaft. Die Betonung liegt auf irgendwie, denn leicht fällt es der Lufthansa nicht, auch die schlimmsten Kapitel ihrer Geschichte zu beleuchten. Nun erscheinen gleich zwei Bücher zur Geschichte samt einer Studie zum Einsatz von Zwangsarbeitern, allerdings nicht ohne Misstöne.

Die erste Lufthansa wurde 1926 gegründet und nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches aufgelöst. Die heutige Lufthansa stammt aus dem Jahr 1955 und legte bisher Wert auf die These, sie habe als Unternehmen mit der alten Airline gleichen Namens nichts zu tun. Angesichts der Verbrechen, die die historische Lufthansa mit zu verantworten hatte, ist dieses Ansinnen vielleicht menschlich nachvollziehbar. Wie Lutz Budrass in seinem am kommenden Montag erscheinenden Werk "Adler und Kranich" nachweist, ist es aber historisch falsch.

Das Lufthansa-Flugzeug "Württemberg" mit einem Hakenkreuz am Höhenruder, um 1938.

(Foto: SZ Photo)

Die erste Lufthansa hatte laut Budrass "von Anfang an eine besondere Bedeutung für den deutschen Staat, obwohl sie als mehrheitlich privates Unternehmen getarnt wurde." Denn "in den 1920er- und frühen 1930er-Jahren erfüllte sie Aufgaben in der geheimen Wiederaufrüstung" - und später war alles gar nicht mehr geheim. Lufthansa-Vorstand Erhard Milch war gar Staatssekretär in Hermann Görings Luftfahrtministerium, ohne allerdings große Ahnung von der militärischen Fliegerei zu haben. Dennoch: "Kein Regime hätte sich einen besseren Architekten seiner Luftwaffe wählen können (als Milch)", schreibt Budrass. Die Nazis hatten früh beschlossen, dass die Luftfahrt die deutsche Stellung in der Welt nach dem Ersten Weltkrieg erneuern sollte, die Lufthansa wurde in der Folge sogar zur "Trägerin einer gesellschaftlichen und nationalen Utopie", die es ermöglichte, ihr "erhebliche Mittel auf Kosten anderer öffentlicher Ausgaben" zuzuführen.

Das Ergebnis der Recherchen sei "noch viel belastender als erwartet"

Und dann waren da die Tausenden Zwangsarbeiter, die Lufthansa während des Dritten Reiches beschäftigte und ausbeutete. Das Ergebnis der Recherchen zu diesem Thema sei "noch viel belastender als erwartet", denn die Beschäftigung der Zwangsarbeiter sei ein "bewusst in Kauf genommenes Ergebnis ihrer Wirtschaftlichkeitsstrategie". Mit all dem wollte die zweite, 1955 gegründete Lufthansa lange Zeit wenig, möglichst gar nichts zu tun haben. Eine von ihr selbst bei Budrass in Auftrag gegebene Studie zu den Zwangsarbeitern wurde entgegen der ursprünglichen Planung nicht als Buch veröffentlicht, sondern nur auf Anfrage an Interessierte herausgegeben. Ein von ihr selbst finanziertes Buch zur Geschichte der ersten Lufthansa (bis 1945) erschien erst jetzt kurz vor dem Budrass-Werk - 17 Jahre nach der Fertigstellung und gut zwei Jahre nach dem Tod des Autors Joachim Wachtel. Dem Werk "Im Zeichen des Kranichs" liegt nun endlich auch die Zwangsarbeiter-Studie bei.

7654 Zwangsarbeiter

hat die Lufthansa Mitte des Jahres 1944 beschäftigt. Recherchen des Historikers Lutz Budrass zufolge war dies ein "bewusst in Kauf genommenes Ergebnis ihrer Wirtschaftlichkeitsstrategie". Die Auseinandersetzung mit dem dunklen Teil ihrer Geschichte hat die Lufthansa lange vernachlässigt. Jetzt erscheint neben dem Budrass-Buch auch ein Auftragswerk des Konzerns. Es erwähnt das Thema und enthält eine eigene, separate Studie zu den Zwangsarbeitern.

Der aktuelle Vorstandschef Carsten Spohr ist ohne eigenes Zutun in einer unglücklichen Lage: Einerseits stellt er sich mit der Veröffentlichung des Wachtel-Buches, das die dunklen Kapitel deutlich anreißt, viel mehr als seine Vorgänger dem begrüßenswerten Ansatz, aufzuklären, statt die Verbindungen zu verwaschen. Andererseits wirkt der Schritt wegen des zeitlichen Zusammenhangs zum Erscheinen des Budrass-Buches beinahe so, als wolle Lufthansa dem Historiker die Deutung der Unternehmensgeschichte nicht überlassen. Anders als Budrass zieht Wachtel den Schlussstrich 1945, nicht 1955, und stellt damit kaum einen Zusammenhang zwischen den beiden Lufthansa-Firmen her.

Diesen, so betont Budrass, gibt es aber unbedingt, und zwar nicht nur in Form der berühmten Junkers Ju-52. Die heutige Lufthansa nutzt die Maschine für historische Rundflüge, obwohl nicht sie, sondern die erste Airline das Muster einst im Liniendienst einsetzte. Doch die Verbindungen gehen jenseits der Symbolik und wichtigen Personalien in den Aufbaujahren nach 1955 viel tiefer.

Die Kontinuität zwischen der ersten und zweiten Lufthansa ist für Budrass "der Kern ihrer Geschichte". Das sei unter anderem auch daran zu sehen, dass bei ersten Diskussionen über Subventionen, die die Lufthansa auch beim Aufbau der zweiten Gesellschaft erhalten hat, "eine Tradition der ersten Lufthansa erfunden" worden sei, "die etliche der Zutaten enthielt, mit denen sie schon in den Zwanziger Jahren zu glänzen versucht hatte: Flugzeuge, Pioniertaten, Fortschrittsglaube, Abenteuer, Weltumspannung, aber nicht Politik und nicht Rüstungsersatz".

Leseprobe

Einen Auszug aus "Adler und Kranich" bietet der Verlag hier an.

Adler und Kranich, Lutz Budrass, Blessing Verlag, München 2016, 704 Seiten. Im Zeichen des Kranichs, Joachim Wachtel, Günter Ott, Piper Verlag, München 2016, 333 Seiten.

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