Zwei Seelen in einer Brust: Londons Bürgermeister Boris Johnson kämpft für die Finanzindustrie. Eine scharfe Regulierung ist ihm zuwider, der Boni-Irrsinn aber auch.
Blondinen haben die Titelseite von Elle schon öfter geziert, aber dieser Wuschelkopf, den die Modezeitschrift in ihrer jüngsten Sondernummer aufs Cover hob, fiel doch ein wenig aus dem Rahmen: Leicht übergewichtig und mit einem schlabberigen Hemd, das aus einer zerknitterten Hose hing, entsprach der Titelheld weder figürlich noch modisch der Norm.
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Sagt meist, was er denkt: Londons Bürgermeister Boris Johnson. (© Foto: Reuters)
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Aber was ist schon normal an Boris Johnson, dem Bürgermeister von London und ehemaligen Journalisten, der nebenbei das Elle-Heft redigierte und als Titel-Model posierte? Für einen Politiker, der auf die Stimmen einfacher Menschen bei einer Wahl angewiesen ist, macht er eigentlich alles falsch: Er kokettiert schamlos mit einer Oberklassenherkunft, die er eigentlich nicht hat. Er zitiert mit Hingabe griechische und römische Klassiker - im Original. Er bekennt sich als sinnlicher Genussmensch zu gutem Essen und Amouren. Und er kann es sich leisten, einen Nebenverdienst in Höhe von 250.000 Pfund im Jahr für eine wöchentliche Zeitungskolumne als chickenfeed abzutun, als Körnchen, die man einem Huhn hinwirft.
Ungebrochene Popularität
Und dennoch ist seine Popularität seit seiner Wahl an die Spitze der Millionenstadt an der Themse vor anderthalb Jahren ungebrochen. Denn wenn man dem 45-Jährigen im Lauf einer bewegten Karriere manches vorwerfen konnte, dann doch nie, dass er Langeweile oder Politikverdrossenheit verbreiten würde. Meist sagt er, was er denkt, was nicht nur eher ungewöhnlich für einen Politiker ist, sondern auch potentiell selbstmörderisch.
Vor allem aber legt er bedingungsloses Engagement an den Tag. Wenn er sich in eine Sache verbissen hat, dann lässt er ebenso wenig davon ab wie ein Terrier von einer Ratte.
In diesem Sinne ist auch die jüngste Brüssel-Reise von BoJo, wie er mit einer Mischung aus Respekt und Ironie genannt wird, zu verstehen. Dass sich der Bürgermeister von London persönlich beim zuständigen EU-Kommissar Charlie McGreevy und bei Abgeordneten des EU-Parlaments für die Änderung einer Richtlinie einsetzt, mit der Hedgefonds sowie Beteiligungs- und Risikokapitalgesellschaften künftig stärker an die Kandare genommen werden sollen, versteht sich für Johnson von selbst.
"Enorm schädlich"
Die Brüsseler Pläne bezeichnete er als "enorm schädlich" für seine Stadt, was ebenso knapp wie zutreffend formuliert war. Denn die britische Hauptstadt ist Heimat von 80 Prozent aller europäischen Hedgefonds und 60 Prozent aller Beteiligungsgesellschaften Europas. Diese beschäftigen schätzungsweise 50.000 Menschen in London.
Darin nicht enthalten sind jene Restaurants, Maklerbüros, Hotels, Kunstgalerien, Boutiquen und diverse andere Dienstleister, die indirekt von Gehältern und Boni der Branche profitieren.
Die Schockwellen des Lehman-Brothers-Kollapses erfassten letztes Jahr sogar Rentner und Studenten, die bisher die Hunde der hochdotierten, aber überarbeiteten Banker ausgeführt hatten.
Wenn diese Institutionen, verschreckt durch enge Brüsseler Regularien, nach Singapur, Hongkong oder Genf abwandern, dann schlagen daraus resultierende Steuereinbußen unmittelbar auf das Budget des Bürgermeisters, auf notwendige Investitionen und auf die Dienstleistungen für Millionen von Londonern durch. Dies ist es, was BoJo umtreibt, und keine Liebedienerei gegenüber dem Großkapital, wie es oft unterstellt wird.
Die Nähe des Konservativen Johnson zu Banken und Fonds gilt als weniger stark ausgeprägt als jene von Labour-Premierminister Gordon Brown. Anders als der sozialdemokratische Regierungschef wundert sich der Bürgermeister auch nicht über Forderungen, die Boni der Banker zurechtzustutzen. Denn diese Rezession "wurde von Bankern ausgelöst, die rücksichtslos waren und Fehler machten", erklärte er kurz vor dem Trip nach Brüssel. "Sie können sich nicht weiter irre hohe Boni zahlen, ohne erwarten zu müssen, dass das politisch irgendwie auf sie zurückfallen wird."
"Eurokritischer britischer Tory"
Weitaus weltoffener und toleranter als Brown zeigte sich Johnson auch in der Frage des Zuzuges von Arbeitnehmern aus neuen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union. Während sich der Premierminister mit seiner Forderung nach "britischen Jobs für britische Arbeiter" populistisch in die Nähe rechtsextremer Parteien begeben hatte, nannte der Londoner Stadtchef solche "Sentiments hässlich, wahnsinnig und falsch".
Dass manche Brüsseler Eurokraten ihn dennoch in einer Art von Pawlowschem Reflex in die Schublade mit der Aufschrift "eurokritischer britischer Tory" stecken, überrascht Johnson freilich nicht. Denn er kennt die Europa-Kapitale ziemlich gut.
Er ging hier zur Schule, als sein Vater für die EG-Kommission arbeitete, und Anfang der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts bereitete er eben jener Kommission schlaflose Nächte, als er als Korrespondent der Tageszeitung Daily Telegraph unbequeme Fragen stellte und noch unbequemere Artikel verfasste.
Oft waren abstruse Vorschriften der Eurokratie - teils echt, teils eingebildet - das Ziel seines ätzenden Spottes, ob nun auf Euro-Geheiß hin Bananen begradigt, britische Fischer unter Haarnetze gesteckt oder Londoner Doppeldeckerbusse verboten werden sollten.
Oft lag er mit seinen Instinkten richtig. Den Hautgout von Betrug, Nepotismus und Inkompetenz, der 1999 zum Rücktritt der Kommission von Präsident Jacques Santer führte, hatte er als Erster angeprangert.
(SZ vom 05.09.2009/pak)
Machtkampf in der Linken
Zahlt uns etwa London unsere Milliarden an Steuerausfällen, Bürgschaften und Rettungsgelder zurück? Wenn alles beim alten bleibt oder noch schlimmer kommt?
Wohl kaum!