Litauen Angst vor dem Euro

So sehen die neuen Ein-Euro-Münzen aus Litauen aus.

(Foto: dpa)
  • Als letzter der drei baltischen Staaten führt Litauen am 1. Januar den Euro ein, die Zahl der Mitgliedsländer in der europäischen Währungszone erhöht sich damit auf 19.
  • Litauen erhofft sich politische Sicherheit und Vorteile für die Wirtschaft. Die Bevölkerung befürchtet allerdings Preiserhöhungen.
Von Klaus Brill, Warschau

Eine Zeitenwende naht, und es fehlt nicht an Symbolen, die das Ereignis sichtbar machen. In Vilnius hat eine Gruppe junger Leute, angeführt von zwei Physik-Studenten, aus der kleinsten Münze der litauischen Währung eine Pyramide errichtet, die 113 Zentimeter hoch ist und 831 Kilogramm wiegt. Über eine Million Centas-Stücke wurden dafür aufeinander geschichtet, ihr Wert beträgt etwa 10 000 Litas, umgerechnet 2900 Euro.

Die Aktion kann einen Eintrag ins Buch der Rekorde erbringen, denn nach den Worten des 26-jährigen Mitwirkenden Domas Jokubauskis ist das seit drei Wochen im Geldmuseum der litauischen Zentralbank ausgestellte Bauwerk die bisher höchste Münzpyramide der Welt. Vor allem aber ist die Schöpfung gedacht als Abschiedsgruß für den Litas, die litauische Währung, die nun schon zum zweiten Mal aus der Geschichte der Nation verschwindet. Als letzter der drei baltischen Staaten führt Litauen am 1. Januar den Euro ein, die Zahl der Mitgliedsländer in der europäischen Währungszone erhöht sich damit auf 19.

Wirtschaft wird vom Euro profitieren

Wie schon vor einem Jahr die benachbarten Letten und 2011 die Esten, gehen auch die Litauer diesen Schritt durchaus mit gemischten Gefühlen. Einerseits liegen für die Wirtschaft, die den Wechsel überwiegend schon seit Jahren befürwortet, Vorteile auf der Hand. Umtauschgebühren entfallen, der Außenhandel wird erleichtert. Außerdem erhoffen sich Industriekapitäne ebenso wie Politiker zusätzliche ausländische Direktinvestitionen.

Die Erfahrungen in Estland und Lettland bestätigen dies im Grundsatz, auch wenn der Zuwachs im Falle Lettlands im Laufe dieses Jahres hinter den Erwartungen zurückblieb - was teilweise sicher der Krise um die Ukraine geschuldet war. Jedenfalls haben Estland und Lettland nach der Euro-Einführung "von einem höheren Wirtschaftswachstum profitiert", wie der litauische Finanzminister Rimantas Sadzius erklärte. Auch für Litauen wird jetzt schon von der Weltbank ebenso wie von privaten Instituten eine Steigerung der Wirtschaftstätigkeit vorhergesagt. Nach Einschätzung der internationalen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY darf das Land im nächsten Jahr mit einem Zuwachs von 4,5 Prozent rechnen - was einen der Spitzenplätze in der EU darstellen würde.

Hoffnung auf politische Sicherheit

Im Grundsatz jedenfalls haben die politischen Führer des Landes keinen Zweifel, dass die Einführung des Euro für Litauen von Vorteil ist, nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht. Gerade angesichts der russischen Militärintervention in der Ost-Ukraine, der Annexion der Halbinsel Krim und der dadurch ausgelösten Wirtschaftssanktionen trage dieser Akt auch zur politischen Sicherheit bei, betont der sozialdemokratische Ministerpräsident Algirdas Butkevičius immer wieder.

In einem historischen Augenblick, da die drei baltischen Republiken sich von Russland stärker als je zuvor seit der Wiedererlangung ihrer Unabhängigkeit 1990/91 bedroht fühlen, kann ihnen die Einbindung in westliche Allianzen gar nicht weit genug gehen. Nach dem EU- und Nato-Betritt im Jahr 2004 gilt deshalb der Anschluss an die Euro-Zone als weiteres wichtiges Element der Anbindung an den Westen, von dessen Beistand auch Litauen im Kriegs- und Krisenfall abhängig wäre.

Die Pressionen des russischen Präsidenten Wladimir Putin hat das Land in den vergangenen Monaten schon reichlich zu spüren bekommen. Auf die verhängten Sanktionen der EU reagierte der Herrscher im Kreml mit drastischen Einfuhrbeschränkungen für Lebensmittel. Litauen hat wie seine Nachbarn darunter von allen EU-Ländern mit am meisten zu leiden, weil Russland aufgrund der historischen Verbundenheit nach wie vor sein wichtigster Handelspartner ist. Neben der Agrarindustrie ist auch das Transportgewerbe stark betroffen, litauische Lastkraftwagen stauen sich seit Wochen immer wieder in langen Schlangen an der Grenze.

Sorge vor Preiserhöhungen

Vom eingeschlagenen Kurs bringt das in Vilnius niemanden ab. Litauen hatte eigentlich schon 2007 die Einführung des Euro angestrebt, damals aber mit einer knapp überhöhten Inflationsrate von 2,7 Prozent die Erfüllung der Maastricht-Kriterien verfehlt. Im zweiten Anlauf lassen nun die Zahlen nichts zu wünschen übrig. Die bis 2016 prognostizierte Teuerung von maximal 1,9 Prozent bewegt sich im Rahmen des Erlaubten, und mit einem Haushaltsdefizit von 2,6 Prozent des Bruttosozialprodukts wird auch der Schwellenwert von drei Prozent unterschritten. Die Staatsverschuldung von 39 Prozent liegt deutlich unter der 60-Prozent-Grenze, und noch deutlicher unter dem Durchschnitt der Euro-Länder von derzeit 91 Prozent. In Deutschland beträgt der Vergleichswert in etwa das Doppelte, in Italien das Dreifache und in Griechenland das Vierfache.

Der Stolz auf das Erreichte wird bei den Bürgern freilich von der Sorge vor möglichen Preiserhöhungen überlagert, die mit der Einführung des Euro verbunden sein könnten. Jedenfalls sprachen sich in einer Umfrage im September nur 47 Prozent der Befragten für, 49 Prozent gegen den Anschluss an die Währungszone aus. Eine wichtige Rolle spielt dabei auch das Gefühl, mit dem Litas ein wichtiges Symbol der staatlichen Eigenständigkeit zu verlieren. Er war nach der Unabhängigkeit 1918 erstmals 1922 eingeführt worden, im Zweiten Weltkrieg und im Sowjet-System wurde er wieder abgeschafft. Erst 1993 kehrte der Litas zurück.

Immerhin prangt auch auf den neuen Euro-Münzen eine nationale Symbolfigur, ein Ritter mit Schwert und Schild, der schon seit über 600 Jahren die litauischen Währungen zierte. Einen weiteren Trost hält die Schokoladenfabrik Laima bereit: Sie brachte fristgerecht einen Schokoriegel heraus, dessen Oberfläche der 20-Litas-Note nachgebildet ist - so wird den Litauern der Abschied immerhin versüßt.