Die Münchner Stadtverwaltung überlegt das Computersystem Linux anstelle Windows von Microsoft zu intallieren. Die mächtigen Konzernbosse aus Seattle sind aufgeschreckt.
(SZ vom 27.05.2003) — Die Ehre war unerwartet. Überraschend stattete Microsoft-Chef Steve Ballmer vor kurzem dem Münchner Oberbürgermeister Christian Ude einen Besuch ab. Doch es waren nicht Sehenswürdigkeiten oder bayerische Schmankerl, die den Manager in die Landeshauptstadt trieben.
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Er kam, um Schlimmes zu verhüten. Denn die Stadtverwaltung denkt daran, vom Microsoft-Computerbetriebssystem Windows auf die freie, im Prinzip ohne Lizenzgebühren erhältliche Software Linux umzusteigen.
Der Auftrag, um den es hier geht, hat eine Größenordnung, bei der Ballmer normalerweise nicht einmal zum Telefon greifen würde. Doch seine Blitzvisite zeigt, dass dem Münchner Vorhaben eine Bedeutung beigemessen wird, die weit über den lokalen Rahmen und den Geldwert des Projektes hinausreicht.
Microsoft: Wehret den Anfängen
Microsoft befürchtet sicher zu Recht, dass die Entscheidung Münchens für Linux eine Signalwirkung haben könnte. Nach Schwäbisch Hall würde zum ersten Mal in Deutschland auch eine Großstadt zur Linux-Gemeinde überlaufen. Zugleich würde deutlich, dass die beiden mächtigen Grundpfeiler, auf denen der Konzern ruht, nicht mehr so unerschütterlich sind, wie einst.
Die Einnahmen und vor allem die Gewinne Microsofts stammen zum größten Teil von den De-facto-Monopolen Windows und Office. Während Windows bei PC nach wie vor unangefochten dominiert, verliert das Microsoft-System bei größeren Computern, den so genannten Servern, zunehmend Marktanteile an die Linux-Konkurrenz.
Diese unternimmt auch immer wieder Vorstöße in den PC-Sektor und in das Gehege der Büro-Software Office. Sie sind bisher zwar nicht sonderlich erfolgreich, doch Microsoft ist alarmiert. Motto: Wehret den Anfängen.
Noch wankt das Imperium allerdings nicht. Die Gelddruckmaschinen Windows und Office machen es vielmehr besonders krisenfest. Mit über 40 Milliarden Dollar liquiden Mitteln hat Microsoft mehr Geld in der Kasse als wohl irgendein anderes Unternehmen.
Der Konzern nutzt den finanziellen Überfluß, um seine Basis zu verbreitern und sich neue Wachstumsfelder außerhalb des stagnierenden PC-Marktes zu suchen. Diese Initiativen reichen von den Online-Diensten über Software im Auto, Handy oder DVD-Player und betriebswirtschaftlichen Computerprogrammen bis hin zur Spielekonsole X-Box.
München als Vorreiter
Die Diversifizierung erfordert milliardenschwere Startinvestitionen und führt zugleich zu jahrelangen Anlaufverlusten. Um die weit gespannten Zukunftspläne zu verwirklichen, braucht Microsoft also den stetigen Geldnachschub aus seinen Monopolen.
Dass Linux daran rüttelt, gefährdet den Umbau des Unternehmens. Das macht Microsoft so besorgt.
Im Fall München befürchtet der Konzern, dass das Beispiel Schule machen könnte. Auch andere Gemeinden sowie Bundesländer und sonstige staatliche Institutionen haben immer wieder über einen Wechsel zu Linux nachgedacht. Vielen erschien er bisher zu gewagt. Das könnte sich jetzt ändern.
Selbst wenn es dazu aber nicht kommt, bleibt ein anderer Aspekt: München ist es offenbar gelungen, den ursprünglich veranschlagten Preis deutlich herunterzuhandeln. Das werden künftige Auftraggeber zu nutzen wissen. Wie auch immer man Linux technologisch einschätzt, eines ist somit sicher. Es sorgt für Wettbewerb.
Großprojekte in Berlin