Interview: Silvia Liebrich und Marc Beise

Lidl-Aufsichtsratchef Klaus Gehrig über die Folgen der Bespitzelungsaffäre, höhere Milchpreise - und den harten Wettbewerb der Billighändler.

Jahrzehntelang hat das Lidl-Management im Stillen gewirtschaftet. Auf Kritik von außen reagierte der Discounter in der Regel gar nicht. Aufsichtsratschef Klaus Gehrig bricht nach der öffentlichen Kritik an der illegalen Überwachung von Mitarbeitern mit dieser Tradition und kündigt einen Kurswechsel in der Firmenkultur an.

Klaus Gehrig: "Wir nehmen die Stimmung bei unseren Kunden sehr ernst." (© Foto: Alessandra Schellnegger)

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SZ: Herr Gehrig, Lidl hat als erster Lebensmittelhändler die Milchpreise erhöht. Normal überlassen Sie das doch lieber Ihrem größeren Konkurrenten Aldi. Warum dieses Mal nicht?

Gehrig: Wir haben das lange diskutiert und dann entschieden, dass wir die Preise für Milch und Butter vom kommenden Montag an um zehn, beziehungsweise zwanzig Cent nach oben setzen.

SZ: Sie setzen Ihre anderen Wettbewerber damit ganz schön unter Druck. So vorpreschend kannten wir Sie gar nicht.

Gehrig: Bei dieser Entscheidung hat sicher auch eine Rolle gespielt, dass ich als Sohn eines Landwirts ein gewisses Verständnis für das Anliegen der Milchbauern habe. Klar ist aber auch, dass sich die höheren Preise nur durchsetzen lassen, weil 80 Prozent der deutschen Bevölkerung hinter den Milchbauern stehen.

SZ: Sie sind also vor dem Verbraucher eingeknickt?

Gehrig: Wir nehmen die Stimmung bei unseren Kunden sehr ernst.

SZ: Und wenn die Erzeuger mal nicht die Unterstützung der Öffentlichkeit haben? Dann stößt Ihr Verständnis für die Milchbauern an seine Grenzen?

Gehrig: Ja. Wir sind verpflichtet, unseren Kunden einen guten Preis zu liefern und können auf Dauer nur dort einkaufen, wo der Preis, die Leistung und die Qualität stimmen. Das grundsätzliche Problem lässt sich mit einer Preiserhöhung nicht lösen. Ursache für den erneuten Preisverfall am Milchmarkt sind ja nicht die Discounter, sondern die Überproduktion in Deutschland. Im vergangenen Jahr fand der Überschuss noch viele Abnehmer auf dem Weltmarkt. Der hohe Euro hat den deutschen Milchbauern jedoch einen Strich durch die Rechnung gemacht. Es ist Aufgabe der Politik, hier eine nachhaltige Lösung zu finden - und zwar auf europäischer Ebene.

SZ: Von den Preiserhöhungen im vergangenen Jahr ist wenig bei den Bauern angekommen, weil Handel und Molkereibetriebe ebenfalls profitieren wollten. Was behält Lidl in diesem Fall ein?

Gehrig: Nichts. Wir haben uns verpflichtet, die Preiserhöhung vollständig an die Molkereien weiterzureichen. Nun ist es an den Landwirten, mit den Milchverarbeitern auszuhandeln, dass davon auch genügend bei ihnen ankommt.

SZ: Lidl hat im vergangenen Jahrzehnt ein starkes Wachstum vorgelegt. Jedes Jahr eröffnen Sie europaweit Hunderte neuer Märkte. In Norwegen geht es jetzt erstmals andersherum. Dort haben Sie soeben Ihr komplettes Filialnetz verkauft. Gerät die Expansion ins Stocken?

Gehrig: Nein. Norwegen ist ein Sonderfall. Wir sind dort nicht so schnell vorangekommen, wie wir uns das vorgestellt haben. Wir beliefern die meisten unserer Filialen im Ausland zum Großteil aus Deutschland. Wir wurden in Norwegen über die hohen Zölle ausgebremst und haben uns deshalb entschieden, 50 Filialen zu verkaufen. Wir sind auch mit der Firmenkultur dort nicht so zurechtgekommen. Ständig wird debattiert, verhandelt, abgewogen. Wir sind schnelle Entscheidungen gewohnt. Auf anderen Auslandsmärkten wachsen wir weiter, allerdings nicht mehr so schnell wie in den vergangenen zehn Jahren. Lidl erzielt immerhin 60 Prozent seines Umsatzes außerhalb Deutschlands.

Lesen Sie weiter, warum die Wachstumschancen für Discounter schlechter geworden sind.

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