Lehren aus der Finanzkrise Das Geheimnis der unsichtbaren Hand

Was kommt nach der großen Krise? Die Welt hat ein paar wertvolle Lehren gezogen, allerdings zu einem hohen Preis.

Ein Gastbeitrag von Joseph E. Stiglitz

Das Beste, was über 2009 gesagt werden kann, ist: Es hätte schlimmer kommen können. Es gelang uns, von dem Abgrund zurückzuweichen, an dem wir uns Ende 2008 befanden, und 2010 wird für die meisten Länder ziemlich sicher besser werden.

Die Welt hat zwar ein paar wertvolle Lehren gezogen, aber zu einem hohen Preis, was den gegenwärtigen und zukünftigen Wohlstand betrifft - ein unnötig hoher Preis, zumal diese Lehren eigentlich schon früher hätten gezogen werden können.

Die erste Lehre ist, dass Märkte sich nicht selbst korrigieren. Ohne angemessene Regulierung tendieren sie vielmehr zum Exzess. Im Jahr 2009 wird uns wieder einmal klar, warum Adam Smiths unsichtbare Hand oft unsichtbar bleibt: weil es sie gar nicht gibt.

Mittel der Armen zu den Reichen dirigiert

Das eigennützige Streben der Banker führte eben nicht zum Wohl der Gemeinschaft, es war nicht einmal für Aktionäre von Nutzen. Ganz sicher nichts davon hatten die Hausbesitzer, die ihr Heim verloren; Arbeitnehmer, die ihre Jobs einbüßten; Rentner, die zusehen mussten, wie sich ihre Altersvorsorge in Luft auflöste oder die Steuerzahler, die Hunderte Milliarden Dollar zur Rettung der Banken zahlen mussten.

Angesichts des drohenden Zusammenbruchs des ganzen Systems wurde das Sicherheitsnetz des Staates - das eigentlich für Menschen in Not gedacht ist - generös auf Banken, dann auf Versicherungen, Autohersteller, ja sogar auf Autokreditfirmen erweitert. Noch nie wurde derart viel Geld von so vielen Menschen zu so wenigen umgeleitet.

Normalerweise nehmen wir an, dass der Staat das Geld von den Reichen zu den Armen umverteilt. In diesem Fall aber wurden die Mittel der Armen und Durchschnittsverdiener zu den Reichen dirigiert.

Anteile an staatlichen Geschenken

Sie mussten genau jenen Institutionen Geld zukommen lassen, von denen sie vorher jahrelang abgezockt wurden - durch räuberische Kreditvergabe, Wucherzinsen bei Kreditkarten und undurchsichtige Gebühren. Und dann mussten die Steuerzahler auch noch zusehen, wie ihr Geld benutzt wurde, exorbitante Boni und Dividenden auszuzahlen. Dividenden sind eigentlich Anteile am Gewinn, in diesem Fall waren sie einfach Anteile an staatlichen Geschenken.

Die Bankenrettung enthüllte die allumfassende Heuchelei. Diejenigen, die unter Hinweis auf den Staatsetat Zurückhaltung gepredigt hatten, als es um kleine Sozialprogramme für die Armen ging, forderten nun lautstark das größte Sozialprogramm der Welt. Diejenigen, die der Tugend der "Transparenz" das Wort redeten, schufen letztlich ein so undurchschaubares Finanzsystem, dass die Banker nicht einmal mehr ihre eigenen Bilanzen verstanden.

Schuldenerlass für den Finanzsektor

Und dann wurde auch noch der Staat in immer undurchsichtigere Formen der Bankenrettung gedrängt, um so zu vertuschen, dass es um Geschenke für die Banken ging. Diejenigen, die von "Rechenschaftspflicht" und "Verantwortung" gesprochen hatten, wollten nun den Schuldenerlass für den Finanzsektor.

Zum zweiten haben wir gelernt, warum Märkte oft nicht so funktionieren, wie sie sollten. Für Marktversagen gibt es viele Gründe. In diesem Fall waren es perverse Anreiz-System bei Kreditinstituten, die zu groß sind, um sie scheitern zu lassen.

Krise, Schweiß, Tränen

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