Von Sabine Merath

Steigende Energie- und Rohstoffpreise treiben die Kosten für Speiseeis in die Höhe. Doch während die großen Konzerne kollektiv die Preise erhöhen, bleiben die Kosten für eine Kugel Eis bei den kleinen Eisdielen nahezu konstant.

Der Sommer schmeckt nach Ricotta, nach Schoko-Chilli und ein wenig nach Lakritz. Kaum sorgt die Frühlingssonne täglich für sommerliche Temperaturen, werden die Schlangen vor den Eisdielen länger. Und wer glaubt, die Kunden wollen nur Vanille- und Stracciatellaeis, der hat sich getäuscht. Schokoeis mit einem Hauch Chilli ist der Trend der Saison.

Bild vergrößern

Vorteil für die Eisdielen: Da sie ihr Eis zeitnaher produzieren, profitieren sie vom gesunkenen Milchpreis. (© Foto: ddp)

Anzeige

Doch die Deutschen halten nicht nur nach neuen Eissorten Ausschau, sondern blicken auch traditionell auf den Preis. Und gerade da zeigt sich derzeit Erstaunliches. Das Eis in den Kühltruhen der Supermärkte ist zum Beginn der Sommersaison deutlich teurer geworden. Viele Eisdielen verzichten dagegen auf Preiserhöhungen. Trotz gestiegener Rohstoffpreise - und trotz der Kosten für Energie, die in immer schwindelerregendere Höhen klettern.

Flexible Eisdielen

Um bis zu zehn Prozent haben die Lebensmittelkonzerne die Preise für industriell gefertigtes Speiseeis nach eigenen Angaben angehoben, die Ankündigung erfolgte bereits im vergangenen Herbst. Aufgrund eines Anstiegs von bis zu 50 Prozent bei den Milchpreisen seien diese Preissprünge notwendig, argumentierten die Konzerne. Schließlich wird Eis überwiegend aus Milch, Magermilchpulver und Sahne hergestellt. 500 Millionen Liter Milch fließen jährlich in die deutsche Speiseeisherstellung. Dazu kommen deutlich gestiegene Preise für Kakao, pflanzliche Öle und Früchte.

Auch die stetig steigenden Energiekosten machen den Unternehmen zu schaffen. "Die Aufrechterhaltung der gesamten Kühlkette, von der Produktion über die Lagerung in den Kühlhäusern bis über den Transport in großen Kühlcontainern, benötigt unglaublich viel Strom - ebenso die Betreibung der Eismaschinen", sagt eine Sprecherin von Unilever, dem Produzenten von Langnese-Eis.

Ein hoher Milchpreis als Begründung für saftige Preiserhöhungen? Haben nicht einzelne Discounter die Preise für einen Liter Milch kürzlich um bis zu zehn Cent gesenkt? In der Tat: Seit November 2007 fällt der Milcherzeugerpreis kontinuierlich, beobachtet die Zentrale Markt- und Preisberichtsstelle. Im März ist er um weitere 1,4 Cent je Kilogramm gesunken.

Doch für die großen Hersteller kommt der Preisfall zu spät. Der Nestlé-Konzern, der in Deutschland unter anderem die Marken Schöller und Mövenpick vertreibt, kann nicht mehr reagieren. "Um unserere langfristige Lieferfähigkeit zu sichern, kaufen wir vorausschauend ein", sagt ein Nestlé-Sprecher. Im Klartext: Das Eis, das heute in den Kühltruhen der Supermärkte liegt, wurde schon vor Monaten produziert. Die benötigten Rohstoffe kauften die Unternehmen noch früher ein.

"Wer große Volumen über einen langen Zeitraum vorausplanen muss, der sichert das Lieferrisiko über langfristige Warentermingeschäfte ab", sagt Andreas Kotula, Finanzexperte der Großbank Société Générale. Und eben diese langfristigen Geschäfte wirken sich nun auf die Eispreise aus.

Auch kleine Eisdielen müssen ihr Saisongeschäft kalkulieren - sie sind nur deutlich flexibler. Georgio Centron von der Union italienischer Speiseeishersteller (Uniteis) betreibt seit 25 Jahren ein Eiscafé in Göttingen und wird fast genauso lange von derselben regionalen Molkerei beliefert. Als der Milchpreis im Jahr 2007 explodierte, teilten sich Molkerei und Eisproduzent die Mehrkosten - und Centron konnte den Preis für sein Eis halten.

60 Prozent Milcheis

"Langjährige Beziehungen schaffen eine gute Verhandlungsposition", sagt auch eine Verkäuferin des Cafés Wiener in München. In dem Traditionshaus wird Eis täglich frisch zubereitet - Preiserhöhungen sind derzeit nicht vorgesehen.

Auch der Münchner Eishändler Sarcletti behält seinen Preis von 80 Cent pro Kugel im Straßenverkauf bei. Geschäftsführer Jürgen Elsner kauft die Milch für sein Speiseeis überwiegend beim Großhandel ein und freut sich über die gesunkenen Preise. 60 Prozent seines Sortiments bestehe aus Milcheis, sagt der Sarcletti-Chef. Für die Sommersaison 2008/2009 beginnt Elsner erst im Februar mit der Kalkulation. Dann beobachtet er den Markt - und kauft die Zutaten ein, die er für seine Produktion braucht.

Selbst einen kurzfristiger Anstieg der Milchpreise am Milchmarkt könnte der Betrieb noch verkraften - weil die Mengen überschaubar sind. "Notfalls könnten die Milch auch beim Supermarkt um die Ecke einkaufen", sagt Elsner.

Leser empfehlen 

(sueddeutsche.de/tob)