Nie zuvor war Essen in Deutschland so billig. Doch der wahre Preis ist viel höher. Denn den Rest der Zeche zahlen irgendwann auch wir selbst.
Ein gepflegter Osterschmaus sieht in vielen Haushalten so aus: buntbemalte Eier zum Frühstück, am Mittag der obligatorische Lammbraten und später ein Stück Kuchen - vielleicht mit Erdbeeren und Sahne - und natürlich Kaffee, am liebsten mit frischer, aufgeschäumter Milch. Nicht zu vergessen die süßen Kalorienbomben aus Schokolade und Zuckerguss, die wohltätige Osterhasen in den Osternestern hinterlassen haben.
Die Discounter sind schuld: In Deutschland ist Essen besonders billig. (© Foto: AP)
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An Feiertagen wie diesen denken wir trotz Wirtschaftskrise nicht ans Sparen, schon gar nicht beim Essen. Doch wissen wir überhaupt, woher all die Leckereien stammen? Ist der Preis angemessen, den wir dafür zahlen? Können wir uns überhaupt noch vorstellen, auf das reichhaltige Nahrungsangebot zu verzichten?
Ostern markiert in der christlichen Welt das Ende der Fastenzeit, die - je nach Auslegung - beispielsweise den Verzicht auf Fleisch, Milch, Kaffee oder Alkohol vorschreibt, Bier ausgenommen. Besonders strenge Sitten herrschten in dieser Hinsicht im Mittelalter, als die Kirchenoberen ihren Schäfchen nur eine magere Tagesration von drei Bissen Brot und drei Schluck Bier oder Wasser zugestanden. Welcher Anteil der damals noch schwer körperlich arbeitenden Bevölkerung sich daran hielt, ist nicht überliefert.
Heute hilft die Statistik weiter. Die Umfragen zeichnen jedoch ein ernüchterndes Bild: Nur 13 Prozent der Deutschen nehmen sich noch vor zu fasten, noch weniger tun es dann tatsächlich.
Es fällt schwer zu verzichten angesichts eines Nahrungsangebots, das nie größer und verlockender war. Frische Erdbeeren zu jeder Jahreszeit sind selbstverständlich, ebenso wie exotische Früchte aus dem Herzen Afrikas oder Fischspezialitäten aus der Karibik. Kochen braucht niemand mehr selbst, wenn er nicht mag. Die Lebensmittelindustrie füllt diese Lücke mit einer Palette an Fertigprodukten, die kaum noch Wünsche offen lässt. Selbst so banale Gerichte wie Rührei mit Brot lassen sich mit etwas Glück im Tiefkühlregal finden. Gleichzeitig wächst die Zahl derer, die nicht kochen können, trotz der Flut von Koch-Shows, mit denen Fernsehkanäle ihr Publikum traktieren.
Leben im Überfluss
Die Folgen sind schwerwiegend. In Europa halten die Deutschen den wenig schmeichelhaften Rekord, die Dicksten zu sein. Drei Viertel der Männer und zwei Drittel der Frauen bringen zu viel auf die Waage.
Die Zahl übergewichtiger Kinder und Jugendlicher ist alarmierend. Auf der anderen Seite leiden schätzungsweise zwei Prozent der Bevölkerung, vor allem junge Frauen, an Essstörungen wie Magersucht oder Brechsucht. Auch ihnen fehlt das Gefühl für ein gesundes Maß. Zivilisationskrankheiten wie diese häufen sich in der Regel immer dann, wenn ein Überangebot an Nahrung herrscht. Bereits die alten Römer kannten sie. Sie konnten in den von ihnen eroberten Gebieten aus dem Vollen schöpfen. In der reichen Oberschicht war maßlose Völlerei gang und gäbe und gehörte zum Lebensstil.
Der Überfluss der Neuzeit lässt sich genauso am Inhalt unserer Mülltonnen ablesen. Jedes fünfte Brot wird weggeworfen. In Deutschland landen jedes Jahr Lebensmittel im Wert von 500 Millionen Euro im Abfall. Eine solche Verschwendung wäre für die Generationen unserer Großeltern und Urgroßeltern unvorstellbar gewesen; für den Großteil der Weltbevölkerung, die in Entwicklungsländern lebt und von der eine Milliarde als unterernährt gilt, ist es auch heutzutage unvorstellbar.
Hungerlohn in der Plantage
Viele ärmere Staaten, besonders wenn sie nicht über Rohstoffvorkommen verfügen, leben vom Export ihrer Agrarerzeugnisse, die anschließend von Lebensmittelkonzernen in Industrieländern weiterverarbeitet werden. Beispiel Kakao, wichtiger Bestandteil in Millionen Schokohasen, die wir jedes Jahr verspeisen. Einer der größten Lieferanten ist die afrikanische Elfenbeinküste, wo ein Heer rechtloser Landarbeiter, unter ihnen viele Kinder, für einen Hungerlohn in den Plantagen schuften. An den internationalen Rohstoffbörsen ist der Wert der Rohware Kakao in den vergangenen Jahrzehnten so stark gefallen, dass Kakao am Ladenpreis eines Schokohasen nur noch einen sehr geringen Bruchteil ausmacht.
Doch man muss nicht bis nach Afrika schauen, um herauszufinden, warum Essen für uns billiger ist denn je - knapp zwölf Prozent des Budgets gibt ein deutscher Haushalt im Durchschnitt für Nahrung aus, in der Nachkriegszeit war es noch mehr als die Hälfte. Im internationalen Vergleich essen die Deutschen ebenfalls äußerst günstig.
Dazu trägt auch die starke Ausbreitung von Discountern wie Aldi und Lidl bei, die im deutschen Lebensmittelhandel den Ton angeben. Vor dieser Marktmacht müssen vor allem kleine Erzeuger kapitulieren. Deutsche Bauern bekommen inzwischen so wenig Geld für den Liter Milch, dass viele in den kommenden Jahren aufgeben werden. Dank Massenhaltung kostet das Kilogramm Schweinefleisch im Supermarkt kaum mehr als drei Euro. Mit Hilfe von Pestiziden und Dünger wird aus den Böden herausgeholt, was nur geht, und so der Getreidepreis gedrückt. Nicht miteingerechnet: die Folgeschäden für die Umwelt, welche die industrielle Landwirtschaft verursacht.
Die Art, wie wir essen und was wir essen, hat also ihren Preis. Klar ist auch, dass sich dieser nicht komplett auf dem Kassenbon niederschlägt. Auf Dauer ist ein solcher Zustand jedoch unhaltbar. Den Rest der Zeche zahlen zur Zeit andere und irgendwann auch wir selbst. Das Schlaraffenland Deutschland ist auf einem brüchigen Fundament errichtet.
- Lebensmittel Nach Belieben abgepackt 11.04.2009
- Teuerungsrate auf Rekordtief Deutschland im Billig-Wahn 09.04.2009
- Hungersnot Das Milliarden-Trauerspiel 26.03.2009
- Lebensmittel 95 Gramm Chaos 25.03.2009
(SZ vom 11.04.2009/sonn)
niemand, der noch halbwegs alle auf der Latte hat, als "Lebensmittel" bezeichnen. Das Zeug ist doch überwiegend denaturierter Dreck, den sich die Leute im Glauben, ein Schnäppchen gemacht zu haben, wahllos reinstopfen.
Wie "gesund" sie mit diesen "Lebensmitteln" bleiben, zeigt doch die Zunahme der sogenannten Zivilisationskrankheiten.
Armut und Überfluß - Ernährungsarmut in Deutschland
Je nach Berechnungsmodell leben in Deutschland zwischen fünf und acht Millionen Menschen in (Einkommens-)Armut. Das Einkommen wird zu ei-nem großen Teil für die Absicherung elementarer Lebensbedürfnisse be-nötigt. Bei einem ohnehin beschränkten Budget können meist nur bei der Nahrung größere Posten eingespart werden. Besonders Haushalte mit geringem Einkommen verzichten auf den Kauf bestimmter Nahrungsmittel. Viele Betroffene leben pro Tag von ca. 4,5 Euro, die für die Zubereitung von Frühstück, Mittag- und Abendessen ausreichen müssen. Als Luxus gilt unter Armen oft schon das, was für die Mehrheitsgesellschaft als All-tagskost gesehen wird. Auf Fleisch wird meist ganz verzichtet. Frisches Obst ist selbst im Sommer noch zu teuer und auch Grundnahrungsmittel wie Milch gehören oft zu den Luxusgütern.
Spricht man sogar von "materieller" Ernährungsarmut ist die Situation noch schwieriger. Dann reicht allein die Menge nicht aus und/oder Qualität und Hygiene der Lebensmittel sind unzureichend. Besonders im letzten Monatsdrittel fällt es vielen schwer, eine ausgewogene Ernährung sicher-zustellen. Die negativen Folgen für die Betroffenen liegen auf der Hand: Hunger, Fehlernährung sowie die Konkurrenz von Nahrungsmitteln zu Genussmitteln wie Alkohol, Zigaretten sowie Drogen ist groß.
Viele Sozialhilfeempfänger schaffen es nur durch extremen Verzicht bis zum Monatsende durchzuhalten. Vielen gelingt es nicht. Sie sind auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen oder hungern. Dies bestätigt, was der Volksmund formuliert. Wer arm ist, lebt mehr oder minder von der Hand in den Mund.
quelle: frankfurter-tafel.de
wenn ich mir den zmp-preisindex ansehe, kann ich leider kein schlaraffenland entdecken.
Der ZMP-Preisindex für frische Lebensmittel weist im Februar 2009 gegenüber Februar 2008 ein Minus von 1,0 Prozent aus.
Innerhalb der Warengruppen gibt es deutliche Unterschiede. Die Preise für Molkereiprodukte, Käse, Obst und Kartoffeln lagen unter dem Vorjahresniveau. Die übrigen Warengruppen haben sich dagegen verteuert.
Milchprodukte
Nach den Preiserhöhungen für Milchprodukte im vergangenen Jahr kauften die Verbraucher weniger Milchprodukte ein, während die Landwirte mehr Milch produzierten. Daraufhin senkte der Lebensmitteleinzelhandel (LEH) mehrmals die Preise. Milchprodukte waren im Februar 2009 fast 21,5 Prozent günstiger als im Februar 2008.
Käse war im Februar dieses Jahres 3,8 Prozent günstiger als im Februar 2008.
Fleisch
Die Verbraucher haben im Februar 2009 für Fleisch und Wurst mehr bezahlt als vor einem Jahr. Rindfleisch war 8,1 Prozent teurer, Schweinefleisch 6,0 Prozent, Fleischwaren und Wurst 5,7 Prozent. Die Verbraucherpreise für Rindfleisch sind seit Anfang des Jahres 2008 kontinuierlich gestiegen.
Geflügel
Die Verbraucher mussten für Geflügelprodukte im Februar 2009 im Vergleich zum Vorjahresmonat rund 1,5 Prozent mehr bezahlen.
Eier
Im Durchschnitt kosteten Eier im Februar 2009 genauso viel wie im Februar 2008. Die Preise für Eier aus Boden- und Freilandhaltung lagen über dem Niveau des Vorjahres, während für Käfigware weniger als im Vorjahr verlangt wurde.
Obst und Gemüse
Obst war im Februar 2009 gegenüber dem Vorjahr 1,9 Prozent günstiger.
Im Jahresvergleich weist der Index im Februar 2009 für Gemüse einen Anstieg von fast 21 Prozent aus.
Kartoffeln
Speisekartoffeln waren im Februar 2009 1,6 Prozent günstiger als im Februar 2008.
Margarine und Speiseöl
Für Margarine und Speiseöl haben die Verbraucher im Februar 2009 11,4 Prozent mehr bezahlt als im Februar 2008.
Brot
Die Verbraucherpreise für Brot und Kleingebäck haben sich im Februar 2009 gegenüber dem Vorjahr nicht verändert.
genauere angaben unter:
proplanta.de/Agrar-Nachrichten/agrar_news_themen.php?lasu=&can=&SITEID=1140008702&WEITER=99&MEHR=99&Fu1=1236757020&Fu1Ba=1140008702&LKE2A=NO&ArC=&ArCJ=&ArCM=&ROalAk=&LaZ=&LsZ=&EgSa=&SuGi=&ZEIGELaZV=&SuDat=&con=
Preiskommissarin Liebrich hat den Schuldigen fuer das Problem (Lebensmittel zu billig) schon mal gefunden: Die Discounter, die sich unerklaerlicherweise ueberall ausbreiten, sind daran schuld. Denn die Bauuern bekommen immer weniger fuer immer mehr Milch und Fleisch das sie produzieren. Irgendwo stand doch mal was von Angebot und Nachfrage, und was mit dem Preis passiert wenn das Angebot steigt. Aber die Discounter sind schuld, denn obwohl die Bauern aus Boeden und Tieren rausholen was geht (laut Artikel), steigen die Preise nicht sondern sie fallen. Ergo: Mindestpreise die hoeher als die aktuellen Preise liegen muessen her damit noch mehr produziert wird (es lohnt sich ja jetzt auch mehr) - und so dreht sich die Argumentation von Leuten wie Liebrich im Kreis.
Zahlt mehr fuer Lebensmittel! Und zwar alle! Seltsam dass kaum ein Tag vergeht an den nicht vor Armut in der BRD gewarnt wird - Kinderarmut, Hartz 4 = Armutsfalle, Altenarmut, Armut in Ost und West, aber dennoch ist es offenbar nicht ok wenn ein Haushalt nur 12% fuer ein Grundbeduerfnis wie Lebensmittel ausgibt. Was sollte es denn sein Kommissarin Liebrich? 20%? 35%? oder doch wieder 50% wie damals nach'm Krieg?
Und wer wird eigentlich daran gehindert sich im Reformhaus, auf dem Biobauernhof oder im Bioladen mit Lebensmitteln einzudecken, wenn man schon unbedingt mehr zahlen will?
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