Lebensmittel: Klonfleisch Ach, wie gut dass niemand weiß ...

EU-Bürger konsumieren unwissend Produkte von geklonten Tieren. Eine Kennzeichnung wird es weiterhin nicht geben. Ein Vorstoß des Parlaments ist gescheitert - auch an Rainer Brüderle.

Von Cerstin Gammelin

Europäische Verbraucher werden es auch künftig nicht genau wissen. Stammt das Fleisch, das sie essen, oder die Milch, die sie trinken, von geklonten Tieren oder deren Nachfahren?

Am Dienstag scheiterten die Verhandlungen zwischen den EU-Staaten und dem Europaparlament. Prompt gaben sie sich gegenseitig die Schuld. Sicher ist jedenfalls, dass bis auf Weiteres der Versuch gescheitert ist, strikte Vorgaben bei der Vermarktung und Kennzeichnung von sogenannten neuartigen Lebensmitteln einzuführen. Die amtierende ungarische EU-Ratspräsidentschaft erklärte, das Parlament sei "unfähig für einen Kompromiss" gewesen.

Die Abgeordneten keilen zurück. "Offenbar wollen die Mitgliedsstaaten, dass die Verbraucher Klonfleisch essen, ohne dies zu erfahren", wettert Peter Liese (CDU), der gesundheitspolitische Sprecher der konservativen EVP-Fraktion im Parlament. Er kritisiert die Koalition in Berlin, die aus seiner Partei, der CSU und der FDP gebildet wird. Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) habe einen Kompromiss vorgeschlagen, den aber ihr Kollege, der Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP), "bis zuletzt blockiert" habe. Dies sei "ein weiterer Grund für den Rücktritt".

Dagmar Roth-Behrendt, Europaabgeordnete der SPD und Expertin für Gesundheits- und Verbraucherschutz, kritisiert ebenfalls die Haltung der Bundesregierung. Klonen sei "ethisch und moralisch nicht vertretbar", sagt sie. Die Kennzeichnungspflicht sei an der Sperrminorität von Deutschland, Schweden, Großbritannien, den Niederlanden und einiger anderer Länder gescheitert. In der EU würden "massenhaft Nachfahren geklonter Tiere gezüchtet, deren Produkte dann in den Regalen der Supermärkte liegen". Der SPD-Frau zufolge sind nicht die Klontiere selbst, sondern deren Nachfahren das Problem:

"Ein geklonter Bulle kostet 100.000 Euro, sein Fleisch wäre viel zu teuer zum Essen." Dessen Samen würde allerdings für die Befruchtung von Kühen eingesetzt. Vermarktet werde auch die Milch geklonter Kühe.

Durch den Dissens bleibt alles beim Alten

Mit dem Dissens in Brüssel ist der Weg frei für Produkte geklonter Tiere und deren Nachfahren. Das teilen die Ungarn offiziell mit. Es werde auf absehbare Zeit weder ein EU-weites Verbot noch Vorschriften für die Kennzeichnung von Lebensmittel aus geklonten Tieren und deren Nachkommen geben. Schweinelenden, Joghurt oder Würstchen, die aus den Nachfahren geklonter Tiere stammen, werden auf den Tellern nichtsahnender Verbraucher landen.

EU-Verbraucherkommissar John Dalli redet den Schaden für die Verbraucher klein. Wissenschaftliche Untersuchungen hätten ergeben, dass es gesundheitlich völlig ungefährlich sei, Eier, Butter oder Fleisch zu essen, das von Nachfahren geklonter Tiere stamme. "Ich würde geklontes Rindfleisch essen", erklärt Dalli. Er bestätigt, dass es nach dem Scheitern der Verhandlungen weiterhin "keine Kontrolle über Klontechniken und Klone" in Europa geben wird.