Landwirtschaft Was gut ist für die Bauern, ist längst nicht gut für Deutschland

Immer riesiger, immer mehr, immer billiger: Die Landwirtschaft, wie sie in Deutschland stattfindet, schadet der Umwelt, den Tieren und den Verbrauchern.

(Foto: imago stock&people)

Immer mehr, immer billiger: Die aktuelle Agrarpolitik ist verheerend für Umwelt und Verbraucher - und die Politik schaut tatenlos zu.

Kommentar von Jan Heidtmann

Constantin Freiherr Heereman war ein Bauernpräsident von altem Schrot und Korn. In den fast 30 Jahren, in denen er amtierte, hat er mit drei Bundeskanzlern verhandelt, er war fest in der CDU verwurzelt und ist Hauptmann der Reserve a.D. "Was gut ist für die Bauern, ist gut für Deutschland", lautet der Satz, der seine Ära prägte. Spätestens heute, 20 Jahre danach, ist dieser Satz überholt, Denn was gut ist für die Bauern, ist längst nicht gut für Deutschland.

Die Landwirtschaft zerstört die Umwelt. Die Unmengen an Gülle, die Schweine und Rinder produzieren, machen große Teile des Grundwassers ungenießbar; der Einsatz von Pestiziden führt auf den Äckern dazu, dass Unkräuter resistent werden; je mehr Tiere auf engem Raum zusammengepfercht sind, desto mehr Antibiotika sind notwendig; Insekten und Vögel, ganze Arten, sterben aus, weil sie auf den monotonen Anbauflächen kaum etwas zum Fressen finden. Jeder, der am Wochenende zu einer Landpartie aufbricht, kann das spüren: Auf den Wiesen summt's nicht mehr.

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Der Bauer im Einklang mit der Natur - vielleicht war das ja schon immer ein Mythos. Ein Blick in die alten statistischen Jahrbücher zur Landwirtschaft zeigt jedenfalls, dass dort bereits Ende des 19. Jahrhunderts munter Unkrautvernichtungsmittel und Dünger ausgebracht wurden. Sicherlich will kein Bauer seine Umwelt bewusst zerstören, und es gibt viele, die sie mit ihrer Arbeit zu schützen versuchen. Doch die Landwirtschaft insgesamt ist im Missklang mit der Natur - weil immer mehr Lebensmittel zu immer günstigeren Preisen produziert werden sollen. 'Wachse oder weiche', das ist das Mantra des Deutschen Bauernverbands (DBV). Dass Böden, Pflanzen und Tiere dafür teils rücksichtslos ausbeutet werden, nehmen seine Funktionäre in Kauf.

Sieben Milliarden Euro an Subventionen bekommen Deutschlands Landwirte Jahr für Jahr von Brüssel. Anders gerechnet: Jeder EU-Europäer zahlt 106 Euro an die Bauern. Und das, obwohl inzwischen viele Bürger hadern mit der Landwirtschaft, so, wie sie betrieben wird. Doch wer Kritik übt, wird harsch abgekanzelt: Als Umweltministerin Barbara Hendricks zu Beginn des Jahres mit satirischen Bauernregeln ("Steht das Schwein auf einem Bein, ist der Schweinestall zu klein", et cetera) auf die offensichtlichen Missstände der Branche aufmerksam machte, war die Empörung unter Bauern und ihrer Lobby kaum mehr zu bändigen. Hendricks musste sich entschuldigen und stellte die Kampagne ein. Eigentlich unfassbar.

Der Verband betont immer, er schütze den bäuerlichen Familienbetrieb. Nur, dass es den so kaum mehr gibt. Die Einheit von Arbeit, Familie und eigener Scholle, die ihn einst ausmachte, ist längst aufgelöst. Um weltweit mithalten zu können, mussten die Höfe größer werden, die Preise für die Pacht stiegen, die Schulden für neueste Ställe und Traktoren ebenfalls. Sinken dann die Preise wie kürzlich die für Milch, müssen viele Bauern kapitulieren. 100 000 Höfe - mehr als ein Viertel - wurden in den vergangenen zehn Jahren geschlossen, die Zahl der Mitarbeiter aus dem Familienkreis ist in nur sechs Jahren um 110 000 gesunken.

Der Landwirtschaftsminister ist ein Büttel der Agrarlobby

"Gemeinsam Zukunft gestalten" ist das Motto des Bauerntags in diesem Jahr. Denn im September wird ein neuer Bundestag gewählt, und die Verhandlungen über die nächste Agrarreform der EU haben begonnen. Worum es dem Verband dabei vor allem geht, hat sein Präsident Joachim Rukwied deutlich gemacht: um mehr Geld und weniger Umweltauflagen. Die Chancen, dass diese Forderungen auch Politik werden, sind hoch. Seine Macht bezieht der Verband aus einem Geflecht mit Agrarindustrie und Politik. Seine Funktionäre haben Posten in Fleischfirmen, sie sitzen in Firmen, die Düngemittel herstellen oder auch Pestizide, sie haben ihre Leute in den Agrarausschüssen der Landtage und des Bundestags. So wird jeder Fortschritt im Umwelt- und Tierschutz systematisch zerbröselt. Jüngstes Beispiel ist die Düngeverordnung zum Schutz der Böden vor Nitraten. Nach Jahren kam sie erheblich ausgedünnt und nur gegen den massiven Widerstand der Agrarlobby zustande.

Die Bundeslandwirtschaftminister standen in diesem Spiel, mit wenigen Ausnahmen, unverrückbar an der Seite des Bauernverbands. Doch so willfährig wie der derzeitige Minister Christian Schmidt von der CSU war kaum einer von ihnen. Statt einen Ausgleich zwischen der Skepsis der Gesellschaft und den Interessen der Bauern zu suchen, hat er sich zum Büttel der Agrarindustrie gemacht. Der Lobbyverband gibt die Richtung vor. Deutschland und seine Bauern versöhnt man so nicht.

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