Landwirtschaft Mit der App auf den Acker

Wann der Landwirt wo spritzen muss? Die Technik hat die Antwort.

(Foto: Luke MacGregor/Bloomberg)

Viele Bauern lassen ihre Äcker per Software überwachen. Für Konzerne wie Monsanto ist das ein Milliardengeschäft. Doch die Bauern bezahlen mit etwas noch wertvollerem: Daten.

Von Kristiana Ludwig, St. Louis

Auf dem Bauernhof überlässt Greg Guenther gar nichts mehr dem Zufall - und schon gar nicht dem Wetter. Wenn ihm in einem zu heißen Sommer die Ernte verbrennt, dann zahlt eine Versicherung sein Jahreseinkommen. Guenther pflanzt Sojabohnen und Maiskolben, die gegen Unkrautvernichter immun und für schädliche Insekten ungenießbar sind. Durch Genmanipulation kann er seine Felder mit Gift besprühen statt sie umzugraben. Eine Beratungsfirma untersucht regelmäßig die Erde auf seinen knapp 300 Hektar Land im US-Bundesstaat Illinois, ein Manager wählt das passende Saatgut aus.

Greg Guenther ist 63 Jahre alt, trägt Turnschuhe und wählt die Republikaner. Er braucht keine Bauernregeln, er hat die Rundumbetreuung gebucht. So kann er ruhig schlafen. Müsste der Agrarkonzern Monsanto den perfekten Kunden beschreiben - er wäre wohl wie Guenther.

Eine Stunde Autofahrt von Guenthers Hof entfernt, am Stadtrand von St. Louis, testet Monsanto in seinen Pflanzen-Labors neue Gen-Kombinationen. In den Fluren haben Mitarbeiter zahlreiche Messingtafeln aufgehängt, jede einzelne hat ein Patent eingraviert: DNA-Variationen und Zuchtmethoden, die sich lesen wie eine Historie der Biotechnologie. Forschung, Lizenzierung, Vermarktung, so funktioniert das Saatgut-Geschäft bei Monsanto seit mehr als 30 Jahren. Im Erdgeschoss allerdings gibt es seit Kurzem einen neuen Raum, in dem statt Pflanzen nur Stühle stehen. Dort präsentiert die Firma Besuchern nun eine ihrer wichtigsten neuen Entwicklungen: eine App für Smartphones, die Bauern wie Greg Guenther bald alle Wünsche auf einmal erfüllen soll.

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Vor vier Jahren hat Monsanto das kalifornische Start-up Climate Corporation gekauft, das mit seiner Software "Field View" Landwirten exakte Informationen über ihre Äcker liefern will. Field View analysiert das Wetter und die Böden, die App soll Bauern zeigen, welche Saat sie an welchem Tag in welchen Winkel ihrer Äcker streuen sollten - und wann sie am besten ernten. Für all das genüge ein faustgroßer, schwarzer Knopf, der Daten vom Traktor an Monsanto schickt. Zurück kommen Satellitenkarten mit farblichen Umrandungen, Statistiken und - in der Premiumversion - konkrete Arbeitsanweisungen für den Bauern direkt aufs Handy. Die Software kostet knapp 5000 Dollar, wenn ein Landwirt mehr als 1800 Hektar Land bewirtschaftet. Eine abgespeckte Version bietet Monsanto auch umsonst an. Die Daten, die das Unternehmen auf diese Weise erhebt, behält es für sich. Die Sammlung wächst stetig, genau wie das Kapital.

Mit Field View, doziert der massige Marketing-Mann in dem Raum voller Stühle vor Besuchergruppen, werde es sich eines Tages so anfühlen wie mit den Smartphones - ein Leben ohne könne sich dann niemand mehr vorstellen. Monsantos Ziel ist die Minimierung des Zufalls. Und es ist die weltweite Vernetzung von Acker-Daten. Auch in Deutschland und Europa testet das Unternehmen bereits digitale Erntehelfer, im Herbst hat es die Softwarefirma Vital Fields aus Estland übernommen. Man wolle Teil einer Plattform für den gesamten Globus werden, schwärmte der Vital Fields-Chef nach dem Verkauf.

Auch Bayer, das mit Monsanto demnächst fusionieren will, investiert in die Digitalisierung. Der deutsche Chemiekonzern übernahm einen Teil des Münsteraner Unternehmens Proplant, das mobile Pflanzenschutz-Beratung und eine Bewertungs-App für Milchkühe entwickelt hat. "Weitere strategische Investitionen" sollen folgen. Bayer schweben vernetzte Systeme aus Satellitenbildern, Drohnenaufnahmen und Sensoren vor. Silos und Traktoren könnten Daten liefern, genauso wie Ställe oder Wetterstationen. Hier liege "großes Potenzial", heißt es im jüngsten Geschäftsbericht. Zudem hat Bayer die Institute für Geografie und den Fachbereich Informatik der Universität Hamburg als Forschungspartner gewonnen. Die Wissenschaftler sollen bei der Entwicklung neuer Feld-Analyse-Tools helfen.