Landwirtschaft: Klimawandel Trockengelegt

Der Klimawandel bedroht die Ernten weltweit mit katastrophalen Folgen: Die Nahrung wird teurer, aber Spekulanten profitieren.

Von Caroline Ischinger und Silvia Liebrich

Hochsommer-Stimmung in Deutschland: Mitten im Frühjahr zeigt das Thermometer Temperaturen von über 20 Grad Celsius an, so geht das schon Wochen lang. Seit Mitte März hat es im ganzen Land kaum geregnet. Das Frühjahr 2011 wird wohl das trockenste der vergangenen Jahrzehnte.

Bei der Bundesgartenschau in Koblenz muss sogar die Feuerwehr ausrücken, nicht zum Löschen, sondern zum Gießen. Am meisten zu spüren bekommen den Regenmangel die Bauern. Sie fürchten um ihre Ernte und schlagen Alarm. "Jeder Tag ohne Regen verschlimmert die Lage", klagt Astrid Rewerts vom Deutschen Bauernverband.

Selbst in Regionen, wo ein schwerer Boden das Wasser normalerweise besser speichert, leiden die Pflanzen. "Es ist wirklich überall trocken, egal ob man in den Norden, Süden, Osten oder Westen guckt", sagt Rewerts. Zwar zeichnet sich jetzt Entspannung durch eine Regenfront ab. Doch dieses Nass wird kaum ausreichen, die entstandenen Schäden auszugleichen.

So rechnen die Landwirte in Norddeutschland schon jetzt mit einer um zehn bis 15 Prozent niedrigeren Getreideernte. In anderen Gegenden Deutschlands sieht es nicht viel besser aus. Denn die Trockenheit bedeutet für die Pflanzen Stress, sodass sie weniger Frucht ansetzen.

Die größte Sorge bereitet den Landwirten derzeit der Raps, dem bereits der schwere Winter schwer zugesetzt hat. Hier wird mit Ernteeinbußen von teilweise 30 Prozent und mehr gerechnet. "Der Raps hungert", sagt Klaus Kliem, Präsident des Thüringer Bauernverbands. Und was jetzt nicht leuchtend gelb blüht, wird nicht mehr aufgehen, selbst wenn der Regen nun endlich vom Himmel prasselt.

"Das Defizit an Niederschlag ist gravierend"

Die Trockenheit schlägt sich schon jetzt in höheren Notierungen an den Börsen nieder. Clemens Große Frie, Chef des zweitgrößten deutschen Agrarhändlers Agravis, erwartet, dass sich die Knappheit bei Agrarrohstoffen weiter verschärfen wird. In die gleiche Kerbe schlägt Klaus Josef Lutz, der an der Spitze des Baywa-Konzerns steht, die Nummer eins im deutschen Agrarhandel: "Das Defizit an Niederschlag ist gravierend, und das betrifft nicht nur Deutschland, sondern auch Frankreich", ergänzt er.

Beide Länder sind die Haupterzeuger bei Getreide, Mais und Raps in der Europäischen Union. "Allein in der vergangenen Woche haben sich die Preise für Ölsaaten und Weizen um acht Prozent verteuert", stellt Lutz fest. Stärkeres Interesse von Spekulanten könnte diesen Trend noch verstärken - wie Anfang 2008, als die Nahrungsmittelpreise an den Weltmärkten binnen Wochen besorgniserregend nach oben schossen.

Auch in anderen Regionen dieser Erde sorgen Wetterkapriolen dafür, dass in diesem Jahr auf den Feldern weniger wächst als erhofft. Die Landwirte in Nordchina, Argentinien und im Süden der USA werden ebenfalls von Dürren geplagt. Auch in Australien geht die Ernte verloren - dort durch die größten Überschwemmungen seit Jahrzehnten.

Vorboten eines Klimawandels

Das amerikanische Landwirtschaftsministerium korrigierte zuletzt seine Prognosen für Winterweizen und Mais nach unten. Weltweit verschärft sich damit die ohnehin bereits angespannte Lage an den Rohstoffmärkten. Die Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen, die FAO, warnt vor Engpässen in der Versorgung.

Wissenschaftler sehen in dem Phänomen der ungewöhnlichen Trockenheit die Vorboten eines Klimawandels, der auch in Mitteleuropa die Bedingungen in der Landwirtschaft grundlegend verändern wird. Nicht nur im Bundesland Thüringen lag die durchschnittliche Temperatur im April um 2,5 Grad höher als sonst, sodass mehr Grundwasser verdunstet ist.

Eine vor kurzem veröffentlichte Studie der US-Universitäten Stanford und Columbia beschreibt die Langzeitfolgen steigender Durchschnittstemperaturen. Sie führen unter anderem dazu, dass Niederschläge nicht mehr so zuverlässig und regelmäßig fallen, mit der Folge, dass die Ernteerträge sinken. In ihrer Untersuchung kommen die Forscher zu dem Ergebnis: Wird es nur um ein Grad wärmer, kann dies dazu führen, dass zehn Prozent weniger Getreide wächst. Für ihre Untersuchung haben die Forscher weltweit Klimadaten der vergangenen 30 Jahre mit der landwirtschaftlichen Produktion verglichen.

Auch in der Wirtschaft ist man besorgt über diese Entwicklung. Baywa-Chef Lutz: "Treffen die Prognosen der Klimaforscher zu, dann werden die Karten an den Rohstoffmärkten in den nächsten Jahren neu gemischt."