Landwirtschaft Kampf um jeden Hektar

Credit: SZ-Grafik; Quelle: Destatis

Die Deutschen zahlen immer mehr für Nahrungsmittel. Schuld daran sind Wetter, Klimawandel und die Konkurrenz um knappe heimische Agrarflächen. Einige Produkte wurden jedoch auch billiger.

Von Markus Balser, Berlin

Das vergangene Jahr begann im Januar mit 20,5 Grad Celsius in Oberbayern. Es folgten sechs Wochen Dürre im Sommer mit 40 Grad in Franken. Und es endete mit mehr als 20 Grad am Tegernsee. 2015 war eines der wärmsten Jahre in Deutschland seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1881. Für die Bauern bedeuteten die Kapriolen herbe Einschnitte. In einigen Teilen des Landes war der Boden so trocken wie seit 50 Jahren nicht mehr. Die Folge Teils katastrophale Ernten. Am Mittwoch wurde klar: Was vor allem die Landwirte beschäftigte, kam auch bei Deutschlands Verbrauchern an. Die Preise für Nahrungsmittel sind 2015 erneut stärker gestiegen als die Inflationsrate. Sie kosteten durchschnittlich 0,8 Prozent mehr als ein Jahr zuvor, während die Teuerungsrate insgesamt bei 0,3 Prozent lag. Grund seien vor allem die schwierigen Witterungsbedingungen gewesen, sagt Ute Egner von der Wiesbadener Behörde. Deutlich teurer wurden Gemüse und Obst, deren Preise um etwa fünf Prozent stiegen. Besonders stark legten die Preise für Süßwaren zu, darunter Schokolade (elf Prozent) und Bienenhonig (sieben Prozent). Für die Statistiker in Wiesbaden sind die Zahlen allerdings nicht nur die Folgen des Wetters. Sie erfassen schon seit Längerem einen Trend, den die Deutschen immer stärker zu spüren bekommen. Die Nahrungsmittelpreise in Deutschland legen seit Jahren stärker zu als die Verbraucherpreise. Mit 12 Prozent seit 2010 liegt der Anstieg in diesem Fünfjahreszeitraumdeutlich über der allgemeinen Teuerung von sieben Prozent. Experten fragen sich, warum sich die Lebensmittelpreise so stark von den übrigen Preisen abkoppeln. So befürchtet man in der Politik längst, dass Phänomene wie Dürren keine Ausnahmefälle bleiben. "Die Extreme werden durch den Klimawandel weiter zunehmen und damit auch die Herausforderungen für die Landwirtschaft", warnt zum Beispiel das Bundeslandwirtschaftsministerium. Der Klimawandel führe "in dem für das Wachstum unserer Kulturpflanzen besonders relevanten Zeitraum zwischen Juni bis August zu einer verstärkten Trockenheit", sagte Bayerns Landwirtschaftsminister Helmut Brunner (CSU) nach der Dürre voraus. Man müsse sich deshalb vermehrt über die Bewässerung von Gemüse Gedanken machen.

Auch der Kampf ums Land treibt die Preise. Zum einen werden mehr deutsche Äcker umgewandelt und durch Solar- oder Windparks zur Energieproduktion genutzt. Einen noch stärkeren Einfluss hat aber, dass mit der Weltbevölkerung auch die Zahl der Nahrungsmittelkonsumenten wächst. Länder wie China investieren deshalb inzwischen auch in Europa in Flächen. Ein Nachfrageschub, dem endliche Flächen gegenüberstehen, die für Ackerbau oder Viehzucht genutzt werden können - und damit zum Spekulationsobjekt werden. So stiegen die Preise für landwirtschaftliche Nutzflächen auch in Deutschland zuletzt deutlich an.

Allerdings registrieren die Statistiker in Wiesbaden auch Ausnahmen von dem starken Preisanstieg bei Nahrungsmitteln. Einige Produkte wurden im vergangenen Jahr deutlich günstiger. H-Milch etwa kostete die Deutschen im Durchschnitt fast elf Prozent weniger, Schnittkäse sieben Prozent unter den Preisen des Vorjahres. Schuld sind stockende Handelsbeziehungen mit Russland und die sinkende chinesische Nachfrage.