Ein Gastbeitrag von Dmitrij Medwedjew

Russland will sein Agrarpotential umsetzen. Das Ziel: Zusammen mit anderen Ländern ein Garant der Nahrungsmittelsicherheit zu werden.

Brot ist der Anfang von allem, dies gilt in Russland seit Ahnentagen. Dieses Sprichwort spiegelt die Bedeutung wider, die Ackerbau und Getreideproduktion für den Menschen haben. Die Nahrungsmittel sind die Hauptressource für das Leben. Und das Niveau der Nahrungsmittelversorgung gilt als Hauptmerkmal für dessen Qualität. Russland befürchtet, dass die globale Nahrungsmittelkrise akut bleibt. Diese wird von vielen Faktoren beeinflusst. Dazu gehören das Wachstum der Bevölkerungszahl, die Veränderung von Ernährungsrationen, aber auch die zunehmende Erzeugung der Biokraftstoffe aus den Nahrungsrohstoffen und der Einfluss des Klimawandels auf das Ernteaufkommen.

Getreideernte, dpa

Auf dem Feld: Russland möchte bei der Versorgung der Bevölkerung mit Getreide eine tragende Rolle spielen. Dieses Foto entstand im vergangenen Sommer in Norddeutschland. (© Foto: dpa)

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Im Frühling vorigen Jahres waren die Nahrungsmittelpreise auf dem Weltmarkt um 55 Prozent gestiegen, und die Reispreise in Asien haben sich verdreifacht. Der Preisanstieg der Grundnahrungsmittel hatte eine besonders gravierende Wirkung auf die ärmsten Länder, in denen der Anteil der Lebensmittel an den Gesamtausgaben in einem Durchschnittshaushalt zwischen 50 Prozent und 90 Prozent schwankt.

Explosive Situation

Die Zahl der Hungernden in der Welt geht nicht zurück. Heutzutage sind es 950 Millionen Menschen. Es geht nicht nur um Unterernährung, sondern in einigen Fällen um wirklichen Hunger. Im 21. Jahrhundert klingt das besonders entsetzlich, aber das ist Tatsache.

In einigen Ländern, in denen infolge der Klimabedingungen die Nahrungsmittelproduktion unterentwickelt ist, bleibt die Situation explosiv. Für viele Entwicklungsländer ist die nachhaltige Versorgung mit Getreide und dessen Erschwinglichkeit zu einem Eckpfeiler der sozialen und wirtschaftlichen Stabilität geworden. Laut Prognosen der Experten wird der Getreideverbrauch bis 2030 um 30 bis 40 Prozent steigen. Das bedeutet, dass die Weltgemeinschaft auch in Zukunft nicht vor Wiederholungen der Lebensmittelkrise sicher sein kann.

In diesem Zusammenhang finden wir die Idee eines globalen Systems vielversprechend, das die Nahrungsmittelreserven verwaltet. Dieser Vorschlag wurde während des Treffens der G-8-Landwirtschaftsminister in Treviso unterbreitet. Dessen Verwirklichung könnte nicht nur die Getreidelieferungen an die notleidenden Länder gewährleisten, sondern würde auch dazu beitragen, die Risiken auf dem Nahrungsmittelmarkt selbst zu reduzieren. Man müsste ein gerechtes Gleichgewicht finden zwischen den Vorteilen der Ausfuhr der Nahrungsmittelüberschüsse und der Gefahr des "Gewöhnungssyndroms" in den Ländern, die regelmäßig eine "Nahrungsmittelspritze" bekommen - dort könnten die Anreize abstumpfen, Probleme selbst zu lösen.

Kaum noch freie Flächen

Für Russland ist die Getreideproduktion eine Traditionsbranche. Ihre Entwicklung bestimmt nicht nur die Erschwinglichkeit der Brotwaren, sondern auch die Effizienz der Viehzucht. Die Einnahmen vom Getreideverkauf bilden den größten Teil des Gewinns der Landwirte. Im vorigen Jahr haben wir bei der Getreideernte 108,4 Millionen Tonnen eingefahren und damit einen Rekord erzielt. Dazu trugen nicht nur die günstigen Witterungsbedingungen und eine hohe natürliche Erträglichkeit des Bodens bei, sondern auch eine rechtzeitige finanzielle Unterstützung des Staates. Wir haben vor, eine solche Politik sogar unter den Bedingungen der Wirtschaftskrise fortzusetzen.

Die Möglichkeiten zur Erweiterung der Saatfläche sind in den meisten Regionen der Welt praktisch ausgeschöpft. Russland ist die Nummer eins in Bezug auf Fläche und Qualität der landwirtschaftlichen Böden. Nicht umsonst bewahrt man in Paris in der Internationalen Kammer für Maße und Gewichte seit 1889 neben dem Platinmeter einen Kubikmeter der Schwarzerde aus Woronesch auf - als "Idealmaß" der Bodenstruktur und -fruchtbarkeit. Auf unser Land entfallen fast 40 Prozent der weltweiten Flächen der Schwarzerde.

Diese Böden haben die höchste natürliche Fruchtbarkeit, was einen bedeutenden Wettbewerbsvorteil darstellt. Wobei angesichts der Wirtschaftskrise die seit 1991 brachliegenden russischen Anbauflächen (gut 20 Millionen Hektar) wieder genutzt werden könnten. Dabei beträgt der Anteil Russlands an der Weltgetreideproduktion nur etwa fünf Prozent, während bezogen auf die Saatfläche mindestens 14 Prozent möglich wären. Angesichts dessen liegen unsere Zukunftschancen als Weltexpor-teur auf der Hand. Eine interessante Lösung könnte die effiziente Nutzung des biologischen Potentials des russischen Bodens und der Übergang zu einer vollständigen, den bioklimatischen Zonen entsprechenden Produktionskette sein.

Ein Garant der Nahrungsmittelsicherheit

Russland will sein beachtliches Agrarpotential umsetzen und so viel Getreide produzieren, um - zusammen mit anderen führenden Landwirtschaften - für einen wesentlichen Teil der Menschheit zu einem Garanten der Nahrungsmittelsicherheit zu werden. Eine solche Aufgabe ist durchaus realisierbar, was auch die Rückkehr Russlands in den "Klub" der führenden Weizenexporteure belegt.

So wird Russland Schätzungen zufolge in der Saison 2008/2009 etwa 21 Millionen Tonnen Getreide an fast 50 Länder liefern. Russland hat vor, die Geographie der Getreidelieferungen zu erweitern, neue Märkte in Südostasien zu erschließen und Exporte zu diversifizieren, an denen der Anteil der verarbeiteten Getreideprodukte gesteigert werden muss. Die breite Anwendung von Innovationen in der Landwirtschaft hat Vorrang für uns. Wir sind bereit, hier langfristige ausländische Investitionen zu unterstützen. Bei der Einführung der intensiven Ackerbauverfahren, der Einhaltung der Anbautechnologie und der Erhöhung des durchschnittlichen Hektarertrages auf 24 Zentner pro Hektar (dieses Niveau haben wir 2008 erreicht) kann man 112 bis 115 Millionen Tonnen Getreide pro Jahr bekommen. Bei der Nutzung von zusätzlichen Saatflächen sogar 133 bis 136 Millionen Tonnen.

Internationale Organisationen stehen vor der Aufgabe, ein Forschungsprogramm auszuarbeiten für Themen wie die Entwicklung von einschlägigen Technologien und die Sicherung des Zugangs aller Länder zu ihnen. Die landwirtschaftliche Produktion kann nur effizient sein, wenn eine angemessene Lagerungs- und Transportinfrastruktur vorhanden ist. Deswegen sehen wir als wichtigste Aufgabe der nächsten Zeit die aktive Unterstützung der Infrastrukturprojekte. Das sind die Modernisierung und der Aufbau neuer Getreidespeicherkapazitäten, Entwicklung der Transportnetze, Ausbau von Umschlagkapazitäten in See- und Binnenhäfen. Ein Instrument der aktiven staatlichen Einwirkung auf diese Vorgänge wird die bei uns gegründete "Vereinte Getreide-Gesellschaft" werden. Diese wird auf dem Getreidemarkt wie jeder andere Teilnehmer agieren und dabei staatliche Aufgaben ausführen, zum Beispiel die Durchführung der Interventionsmaßnahmen und die Sicherung der Lieferungen im Rahmen von Regierungsabkommen.

All diese Fragen wurden auf dem Weltgetreideforum in Sankt Petersburg diskutiert. Diese Initiative wurde von unserem Land unterbreitet, und wir sind sicher, dass wir hier mit der Lösung von zahlreichen komplizierten Fragen im Ernährungsbereich begonnen haben.

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(SZ vom 08.06.2009/mel)