Landwirtschaft Glyphosat: Worte voller Ignoranz und Arroganz

Eine Entscheidung über Glyphosat ist in dieser Woche nicht gefallen. Eine Zulassung für weitere zehn Jahre, wie von der EU-Kommission ursprünglich gefordert, wird es aber wohl nicht mehr geben.

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Mit harschen Äußerungen kritisieren die Chefs von BASF und Bayer die Diskussion um Glyphosat.

Kommentar von Elisabeth Dostert

Die deutschen Konzerne BASF und Bayer haben in dieser Woche ihre Zahlen für das dritte Quartal veröffentlicht. Für BASF aus Ludwigshafen lief es prächtig, für Bayer aus Leverkusen weniger gut.

Spannender als das Zahlenwerk waren die Äußerungen der Vorstandschefs - Kurt Bock (BASF) und Werner Baumann (Bayer) - zu Glyphosat. In Telefonkonferenzen outeten sich beide als glühende Anhänger des Pflanzengiftes. Es vernichtet jede Pflanze, es sei denn sie ist genetisch so verändert, dass ihr das Herbizid nichts anhaben kann.

Es geht um mehr als Glyphosat

Das Plädoyer der beiden Männer für das Herbizid überrascht nicht, wohl aber ihre Wortwahl. Sie ist an Arroganz und Ignoranz kaum zu übertreffen. Bock und Baumann geht es um mehr als Glyphosat. Das Mittel ist zum Synonym für eine konventionelle, industrielle Landwirtschaft geworden, die die Agrochemie-Industrie mit Pflanzenschutz und Saatgut versorgt und an denen sie verdient. Das erklärt die Heftigkeit der Worte, rechtfertigt sie aber nicht.

Baumann sprach am Donnerstag von einer "tragischen Situation". Glyphosat sei seit mehr als 40 Jahren im Einsatz und ein "nach allen Standards der regulatorischen Überprüfung sicheres Produkt." Es gebe, bei sachgerechter Anwendung, keinerlei Indikationen für ein Krebsrisiko. Drastischer hatte sich schon zuvor Kurt Bock geäußert. "Die Verteufelung in Deutschland ist abenteuerlich", schimpfte der Manager am Dienstag. Das war einen Tag bevor in Brüssel der Ständige Ausschuss für Pflanzen, Tiere, Lebensmittel und Futtermittel, in dem Vertreter der EU-Kommission und aller 28 Mitgliedsstaaten sitzen, über die Zukunft von Glyphosat entscheiden sollte.

Er halte es für einen "mittelgroßen Skandal", dass sich die Bundesregierung aufgrund von "Ressortstreitereien zwischen Umwelt und Landwirtschaft" wieder enthalten wolle, redete sich Bock in Rage. Schon zynisch klang er, als er sagte, einer der Gründe für den Insektenschwund in deutschen Naturschutzgebieten sei der Anbau von Mais in riesigen Monokulturen für den Öko-Strom, "was ja besonders nachhaltig sein soll". Im Rest der Welt werde nicht das "Heil in der deutschen Bio-Landwirtschaft" gesucht.

Was die Chefs von BASF und Bayer beklagen, ist kein Skandal, sondern Demokratie

Eine Entscheidung über Glyphosat ist in dieser Woche nicht gefallen. Eine Zulassung für weitere zehn Jahre, wie von der EU-Kommission ursprünglich gefordert, wird es aber wohl nicht mehr geben. In den vergangenen Tagen ist die Behörde auf den Kurs des Europaparlamentes eingeschwenkt. Dieses hatte am Dienstag in einer Resolution ein endgültiges Aus für Glyphosat in der EU bis spätestens zum 15. Dezember 2022 gefordert.

Was die Vorstandschefs von BASF und von Bayer beklagen, ist kein Skandal, sondern Demokratie. Es stünde den beiden Dax-Vorständen gut an, wenn sie ihr mehr Respekt zollten. Beide Konzerne profitierten und profitieren davon, dass sie ihren Sitz in einem Staat haben, dessen demokratische Grundordnung seit Jahrzehnten für Stabilität sorgt und für Rahmenbedingungen wie Infrastruktur, Bildung und vieles mehr, die gewiss nicht perfekt sind, aber um vieles besser als in anderen Staatsformen.

Bock und Baumann profitieren als Bürger auch persönlich. Sie dürfen frei ihre Meinung äußern, wie andere Menschen auch, egal ob sie eine Mehrheit oder eine Minderheit vertreten. Minderheiten liegen nicht per se falsch und Mehrheiten nicht per se richtig - und umgekehrt. Kritiker, so sie nicht die demokratische Grundordnung in Frage stellen, verdienen einen respektvollen und sachlichen Umgang. Daran fehlt es den Managern Bock und Baumann.

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