Landwirtschaft Glyphosat-Prüfer in der Kritik

Glyphosat gilt als meistverkauftes Pestizid der Welt. In Deutschland wird es unter anderem eingesetzt, damit Getreide schneller reift.

(Foto: Nigel Cattlin/Holt Studios/OKAPI)

Ein Wissenschaftler wirft dem Bundesinstitut für Risikobewertung Fehler beim Prüfen des umstrittenen Pestizids vor. Die Behörde bestreitet das.

Von Silvia Liebrich

Der Streit um das Pestizid Glyphosat spitzt sich zu. Der Epidemiologe Eberhard Greiser hat am Dienstag schwere Vorwürfe gegen das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) erhoben. Die dem Bundesagrarministerium unterstellte Behörde habe wichtige Details zur möglicherweise krebserregenden Wirkung der Chemikalie unterschlagen. Das sagte Greiser bei einer Pressekonferenz, zu der die Grünen in Berlin eingeladen hatten.

Wichtige epidemiologische Studien seien mit haltlosen Argumenten als wertlos abgetan worden, sagte der Wissenschaftler. Das BfR wies die Vorwürfe in einer Stellungnahme zurück, alle verfügbaren Studien seien wissenschaftlich fundiert geprüft und bewertet worden, hieß es dort. Aufgabe der Behörde ist es, die Gefahren für die Bevölkerung zu beurteilen, die von Glyphosat ausgehen.

Das BfR spielt zudem eine wichtige Rolle bei der anstehenden Verlängerung der Zulassung des Stoffs in der EU. In der Vergangenheit war die Behörde immer wieder zu der Einschätzung gekommen, dass der Pflanzenvernichter für Verbraucher unbedenklich sei.

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Ein Krebsforscherteam der Weltgesundheitsorganisation WHO hatte Glyphosat im Frühjahr dagegen als "wahrscheinlich krebserregend für Menschen" eingestuft. Seitdem wird gestritten, wie es zu den unterschiedlichen Einschätzungen kommt und wer nun Recht hat.

Eine Expertengruppe der WHO stellte gerade erst fest, dass bei früheren Prüfungen innerhalb der Organisation kritische Studien nicht berücksichtigt wurden. In diese Kerbe schlägt auch Greiser beim BfR. Er hat sich nach eigenen Angaben Studien angeschaut, denen die Behörde seiner Ansicht nach nicht genug Gewicht beigemessen hat, weil sie nach Auffassung der Prüfer keine ausreichende Evidenz lieferten.

Als Beispiel nennt Greiser eine Studie aus dem Jahr 2003. Die hatte sich mit Männern beschäftigt, die beruflich mit verschiedenen Pflanzenschutzmitteln, darunter Glyphosat, zu tun hatten. Dabei wurde ein erhöhtes Risiko für Lymphdrüsenkrebs festgestellt. Die BfR-Prüfer bezeichnen die Studie als "unglaubwürdig", weil brauchbare Informationen über die Dauer der Exposition und die Konzentration sowie Angaben zur Krankengeschichte und Lebensstilfaktoren wie etwa Rauchen fehlten.

Laut Greiser lassen sich entsprechende Angaben jedoch sehr wohl in der Studie finden. Auch eine Studie über Fehlgeburten bei Frauen sei zu unrecht als unzuverlässig eingestuft worden.

Das BfR beharrt dagegen darauf, epidemiologische Studien hätten nur begrenzte Hinweise auf Krebsrisiken von glyphosathaltigen Mitteln geliefert. Für die Bewertung des reinen Wirkstoffes Glyphosat seien sie von geringer Relevanz. Gleichwohl seien epidemiologischen Kernstudien im überarbeiteten Bewertungsbericht vom April 2015 berücksichtigt worden. Dieser Bericht ist mitentscheidend für eine Verlängerung für die Zulassung von Glyphosat in der EU. Welche Studien dabei genau berücksichtigt und wie sie bewertet wurden, bleibt allerdings unklar, denn bis zum Abschluss der Prüfung durch die EU-Lebensmittelaufsicht Efsa gilt der Bericht als geheim. Das ist auch ein Problem von Greisers Analyse, die sich auf eine vorläufige Fassung des Berichts von 2013 bezieht. Das BfR sieht derzeit keinen Grund, den Bericht zu revidieren. Genau das fordert die Grünen-Politikerin Bärbel Höhn: "Jetzt ist die Bundesregierung am Zug, die Zulassungsverlängerung zu stoppen." Im Agrarministerium wird das abgelehnt. Die Bundesregierung greife in die Risikobewertung der Behörde nicht ein, so eine Sprecherin. Das BfR sei unabhängig und nicht weisungsgebunden.

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