Ein Kommentar von Melanie Ahlemeier

Einen Ausverkauf der Milch wird es in Deutschland nicht geben, denn es gibt viel zu viele Turbo-Kühe.

Bei jedem Einkauf im nahegelegenen Supermarkt bietet sich das gleiche Bild: Im Land des Überflusses und der Völlerei ist die Auswahl an Milch und Milchprodukten groß. Zu groß. Und selbst wenn die Fernsehbilder von Landwirten, die mit Milch ihre Felder düngen, wütend machen: Ändern wird sich die von den Landwirten selbst mitverschuldete Situation vorerst nicht. Dafür müsste sich das System radikal wandeln.

Die Milch wird knapp, sagen die Bauern - doch die Regale sind trotz des Boykotts noch gut gefüllt. (© Foto: dpa)

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In absehbarer Zeit - vielleicht in wenigen Tagen, vielleicht in mehreren Wochen - werden sich die zänkenden Landwirte und Molkereien auf einen höheren Milchpreis einigen. Es wird wie immer ein Kompromiss werden: Mehr als die derzeit gezahlten 28 bis 35 Cent je Liter, aber nicht die von den Landwirten geforderten 43 Cent. Das ist wie bei jeder Tarifrunde: In der Mitte liegt die Lösung, mit der beide Parteien dann die nächste Zeit leben müssen. Meistens mehr schlecht als recht.

Grundsätzlich ändern wird sich die Misere der Landwirte trotz eines höheren Milchpreises aber nicht. Denn das komplette System kränkelt - und das haben die Milchbauern mit zu verantworten.

Irgendwann auf dem Weg in das dritte Jahrtausend ist den Landwirten die ihren Berufsstand charakterisierende Solidarität abhanden gekommen. Kalbte früher eine Kuh, war die Nachbarschaft zur Stelle und half. Jede Hand war nötig, um dem Jungtier auf die Welt zu helfen. Hatte sich das Kalb vom Geburtsschock erholt und stand erst einmal auf eigenen Beinen im Stall, war die Nachbarschaft zufrieden. Das ist geschafft, dachte man sich, und die anschließende Feier glich fast dem Familienidyll einer Säuglingstaufe. Kühe hatten zu dem Zeitpunkt noch Namen, keine im Ohr festgetackerte Nummer.

Heute hingegen dominieren knallhart kalkulierende Betriebe die Agrarszene. Die auf maximale Milchleistung gezüchtete Hochleistungskuh gilt als sehr empfindlich. Fremde Personen im Stall machen das Tier nervös - das wirkt sich negativ auf die Milchpoduktion aus und ist daher unerwünscht. Nicht zum landwirtschaftlichen Betrieb zählende Personen kommen nicht in den Stall. Weidegang? Die wenigsten Milchbauern gönnen ihren Tieren diesen Frischluft-Luxus.

Die Durchschnittskuh wird heutzutage gerade einmal vier Jahre alt. Auch das zeigt: Das ganze landwirtschaftliche System ist krank. Euterentzündungen infolge des ständigen Melkens oder Probleme mit den Klauen kann sich kein Landwirt mehr leisten. Lieber wird das Tier flugs zum Schlachter gebracht - das ist günstiger als jede Tierarzt-Rechnung.

Lesen Sie weiter, warum das Milchpreisproblem hausgemacht ist.

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