Landwirtschaft Bauern klagen über schlechteste Apfelernte seit 1991

Die Ernte der Apfelbauern ist im Vergleich zum Vorjahr um 46 Prozent zurückgegangen.

(Foto: dpa)
  • Viele deutsche Landwirte stehen in diesem Jahr vor der schlechtesten Ernte seit Jahren.
  • Vor allem bei Obst sind die Ernteeinbußen riesig: Die Apfelbauern werden statt mehr als eine Million Tonnen in diesem Jahr nur etwa 555 000 Äpfel ernten.
  • Verantwortlich machen sie dafür den Klimawandel - und fordern finanzielle Hilfe vom Staat.
Von Michael Bauchmüller, Berlin

Landwirtschaft in Deutschland, 2017: Ende April Frost, mit Temperaturen bis minus acht Grad. Blüten sterben ab. Der Juni einer der heißesten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, mit einer Hitzewelle, die nicht nur den Bauern den Schweiß auf die Stirn trieb. Kurz darauf Starkregen - in manchen Gegenden im Osten fallen 260 Liter je Quadratmeter binnen 24 Stunden. So viel nimmt kein Boden auf. "Diese unbeständige Witterung setzt sich bis zum heutigen Tag fort", sagt Bauernpräsident Joachim Rukwied. Vielerorts ist die Ernte noch nicht abgeschlossen - die Landwirte warten noch auf ein paar günstige Tage, um die Mähdrescher anzuschmeißen. Denn nasses Getreide lässt sich nicht dreschen. "Die Bauern müssen das Getreide regelrecht von den Feldern stehlen", sagt Rukwied.

Wenn sie denn etwas zu ernten haben. Beim Obst sind die Einbußen in diesem Jahr am größten. Nach dem ungewöhnlich warmen März hatte Frost vielerorts die Blüten vernichtet. Die Folge: Die Apfelbauern verzeichnen die magerste Ernte seit 1991 - statt mehr als eine Million Tonnen Äpfel wie im vorigen Jahr werden es in diesem Jahr nur rund 555 000 Tonnen werden, ein Rückgang um 46 Prozent. Europaweit wird die Ernte Schätzungen zufolge um ein Fünftel zurückgehen. In Südtirol, einem der größten Apfelanbaugebiete Europas, hatte zuletzt heftiger Hagel ganze Plantagen heimgesucht. Nicht anders als bei den Äpfeln sieht es hierzulande bei Birnen, Kirschen und Pflaumen aus. Schon im vorigen Jahr war die Ernte hier mau; in diesem bleibt sie noch dahinter zurück.

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Den Schuldigen haben die Bauern schon ausgemacht: den Klimawandel. "Die Intensität und die Häufigkeit der Extreme nimmt zu", sagt Rukwied. Nötig seien neue Sorten, die besser mit Hitze oder Trockenheit zurechtkommen, aber auch staatliche Hilfen. So schwebt der Bauernlobby eine zusätzliche Versicherung vor, mit der sich die Landwirte gegen Ernteausfälle durch solche Extreme absichern können. "Wir können manche Kulturen gegen Hagel absichern", sagt Rukwied, "aber noch nicht alle gegen Frost." (siehe Kasten) Zumindest vorübergehend müssten Bund und Länder einspringen, um den Aufbau einer Versicherungslösung zu stemmen.

Auch Klimawissenschaftler sehen in solchen Versicherungen einen gangbaren Weg. "Die Temperaturen steigen, damit wächst das Potenzial für Starkregen und Dürren", sagt Christoph Gornott, Agrar-Experte beim Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Es regne zwar seltener, aber dafür umso heftiger. "Tendenziell sind da Mehrgefahren-Versicherungen ein ganz gutes Instrument, um Verluste zu kompensieren." Zumindest so lange, wie nicht alle Versicherten gleichzeitig nach Kompensation suchen.

International sind solche Versicherungen nichts Neues. Schon jetzt können sich etwa Länder gegen die Folgen von Dürren absichern, unterstützt von Industriestaaten. Solche Versicherungen gelten als Hilfe bei der Anpassung an den Klimawandel, die Bundesregierung hatte die Idee zuletzt selbst vorangetrieben. Bei Ernteausfällen im Inland dagegen springen meist die Bundesländer ein, mit Entschädigungszahlungen für betroffene Betriebe. In Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen waren die Frostnächte vom April deshalb schon als "Naturkatastrophen" eingestuft worden. Das macht es leichter, den Landwirten zu helfen. Geht es nach dem Bauernverband, dann gibt es auch Fördermittel für den Bau von Beregnungsanlagen - sie könnten die Blüten bei drohendem Frost mit Wasser besprühen und damit retten: Unter dem dünnen Eismantel bleiben die Blüten geschützt.

Schon im vorigen Jahr hatten die Landwirte über massive Regenfälle geklagt, im Jahr davor über Trockenheit. Schon damals sprach Rukwied von einem "Extremjahr", schon damals plädierte er für die Stundung von Steuerschulden für betroffene Landwirte - so auch diesmal.

Beim Mais ist die Ernte sogar besser als im Vorjahr

Der Rest der Ernte ist, wenn sie denn schon eingebracht ist, nicht ganz so arg betroffen von Extremwetter. Die Kartoffelernte liegt im Durchschnitt, bei Winter- und Sommergerste oder beim Mais ist sie sogar etwas besser als im Vorjahr. Ganz anders bei Getreide. Gemessen am Mittel der letzten fünf Jahre müssen die Landwirte sich in diesem Jahr fast überall auf Rückgänge einstellen, am stärksten beim Futtergetreide Triticale. Auch bei Roggen, Winterweizen und Hafer warf der Hektar Land deutlich weniger ab als im Durchschnitt der fünf Jahre zuvor. "Wenn man sich die Bedingungen anschaut, zu denen die Bauern in diesem Jahr arbeiten mussten, dann haben sie ihr Bestandsmanagement offenbar gut im Griff", sagt PIK-Experte Gornott. "Es hätte noch weit schlimmer kommen können."

Eine Hoffnung allerdings wird sich voraussichtlich nicht erfüllen: Dass eine schwache Ernte zu höheren Preisen führt, sich die geringere Menge also zumindest teurer verkaufen lässt. Denn beim Getreide ist die europäische Ernte in diesem Jahr sogar etwas größer als im vorigen, das drückt auf die Preise. Beim Obst ist die Lage noch nicht ganz klar. "Wir haben überall Weltmärkte", sagt Rukwied. "Und wir wissen nicht, wie sie reagieren." Schließlich gibt es auch Gegenden, wo das Wetter einfach besser war als in Deutschland, im Extremjahr 2017.

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