Landflucht in Niedersachsen Bürgermeister verschenkt Baugrundstücke

Bürgermeister Manfred Weiner zeigt auf eines der Baugrundstücke in Ottenstein.

(Foto: dpa)

Wer jung ist, zieht weg vom Land. Als im niedersächsischen Ottenstein die Grundschule geschlossen werden soll, macht der Bürgermeister ein ungewöhnliches Angebot.

Interview von Jan Schmidbauer

Manfred Weiner, 71, ist seit 39 Jahren Bürgermeister der Gemeinde Ottenstein in Niedersachsen. Wie viele kleinere Orte leidet sein Dorf darunter, dass junge Leute in die Städte ziehen. Als dann auch noch die Grundschule im Dorf geschlossen werden sollte, handelte der Gemeinderat und kündigte an, Grundstücke zu verschenken. Im Gespräch erzählt Weiner, warum sein Dorf lebenswert ist und was getan werden muss, damit das so bleibt.

SZ: Herr Weiner, im Juni haben Sie angekündigt, in Ihrer Gemeinde Grundstücke zu verschenken. Jetzt gibt es neun Interessenten, die Ihr Geschenk annehmen wollen. Wo kommen die Leute denn her?

Manfred Weiner: Zwei Interessenten sind aus der Region. Wir haben aber auch Leute aus Hamburg oder von der Insel Borkum, die nach Ottenstein ziehen wollen. Zu Beginn hatten wir auch ein paar internationale Anfragen. Da waren welche aus der Schweiz dabei, aus Brasilien. Es hat sich auch ein Neuseeländer gemeldet. Der wollte aber mindestens 3000 Quadratmeter haben. Dem mussten wir leider absagen.

Wie viel Fläche haben Sie denn zu verschenken und was sind die Grundstücke wert?

Insgesamt verschenken wir 10 000 Quadratmeter. Die Grundstückspreise sind hier natürlich nicht so hoch. Die Grundstücke haben einen Gegenwert von ungefähr 10 000 Euro.

Wollen Sie noch mehr Grundstücke verschenken?

Nein, das ist erst mal eine einmalige Aktion gewesen. Wir wollen jetzt abwarten, wie das läuft. Mit so einer Resonanz haben wir auch gar nicht gerechnet. Wir wären schon zufrieden gewesen, wenn wir drei oder vier Grundstücke hätten verschenken können.

Für den 3. Oktober haben Sie die Interessenten nach Ottenstein eingeladen. Was ist geplant?

Wir wollen gleich Nägel mit Köpfen machen und entscheiden, wer welches Grundstück bekommt. Im Frühjahr soll es mit dem Bau losgehen.

Was hat Ottenstein denn zu bieten?

Wir haben eine sehr gute Infrastruktur. Es gibt Ärzte, einen Apotheker, einen Bäcker, einen Kaufmannsladen und drei Gaststätten. Es ist alles da. Und das bei 950 Einwohnern. Da kann man andere Dörfer der Reihe nach abgehen und vergleichen. Dort kommt höchstens noch mal ein Auto vorbeigefahren, aus dem was verkauft wird.

Wenn Ottenstein so attraktiv ist: Warum verschenken Sie Grundstücke?

Wir haben im südlichen Niedersachsen und auch hier im Weserbergland ein echtes Problem mit der demografischen Entwicklung. Es gibt zu wenig junge Menschen. Die zuständige Gemeinde hatte letztes Jahr schon angekündigt, die Grundschule in unserem Ort schließen zu wollen. Das war für mich dann auch der Auslöser zu sagen: Jetzt müssen wir was tun.

Ottenstein ist nicht der einzige Ort, der unter diesen Problemen leidet. Gibt es Dörfer, die Ihre Idee kopieren wollen?

Es gibt viele Orte mit ähnlichen Problemen in Niedersachsen. Trotzdem scheint es anderswo noch kein Interesse zu geben, Grundstücke zu verschenken. Es gibt höchstens Gemeinden, die uns nun beneiden. Dabei haben wir ja niemandem etwas weggenommen.

Was sollte denn politisch geschehen, damit die kleinen Orte nicht veröden?

Ich kann da keine Patentlösung für andere Gemeinden liefern. Das was wir jetzt gemacht haben, ist eine gute Möglichkeit. Aber es hat auch nicht jeder so viel Land zur Verfügung. Letztendlich geht es darum, die Dörfer wieder interessanter zu machen, indem wir die Infrastruktur stärken. Manche Orte haben ja kein einziges Geschäft mehr. Wenn ich manche Nachbargemeinden sehe, die 3000 Einwohner haben, aber kein einziges Geschäft, da frage ich mich, ob die nicht den Lauf der Zeit verpennt haben.

Und warum will jemand von Hamburg nach Ottenstein ziehen? Nur am kostenlosen Grundstück kann es doch nicht liegen.

Manche wollen zurück aufs Land. Das hat natürlich auch mit den Lebenshaltungskosten zu tun. Gerade wenn sie Kinder haben, ist das Leben in der Stadt ja extrem teuer. In Ottenstein kann man bezahlbar wohnen und ist mit dem Auto trotzdem schnell in den kleineren Städten, zum Beispiel in Hameln.

Und wenn ich kein Auto habe?

Die Anbindung an den Öffentlichen Nahverkehr ist natürlich ein Problem. Wir haben zwar Schulbusse, die in die umliegenden Städte fahren. Aber am Wochenende läuft so gut wie nichts. Und in den Schulferien ist es auch schwierig.

Ist es dann nicht nachvollziehbar, dass die Leute lieber in die Stadt ziehen?

Wir müssen da was tun, das ist richtig. Die finanziellen Mittel sind auch da. Bloß Menschen, die hier leben wollen, die brauchen wir.

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