Länder zahlen weniger Der Hungerhilfe geht das Geld aus

Das Geld wird knapp: Die Vereinten Nationen und Hilfsorganisationen warnen vor einer Verschärfung des Hungerproblems durch eine Weltwirtschaftskrise.

Von S. Liebrich

Die Vereinten Nationen (UN) fordern ein Milliarden-Hilfspaket, um eine Hungerkrise abzuwenden. Dafür sei nur ein Bruchteil der Summe notwendig, die für die Rettung der angeschlagenen Finanzmärkte vorgesehen sei, sagte Josette Sheeran, Direktorin des Welternährungsprogramms (WFP) der UN.

Sie veranschlagte die allein für 2009 dringend benötigten Mittel auf 5,2 Milliarden Dollar, umgerechnet knapp vier Milliarden Euro. Ohne das Geld sei die Ernährungshilfe des WFP ab April nicht mehr finanzierbar. Millionen Menschen in Haiti, in der Demokratischen Republik Kongo, in Äthiopien, in Kenia und in anderen Krisenregionen könnten dann keine Unterstützung mehr erhalten, ergänzte sie.

Die internationalen Hilfsprogramme für die angeschlagene Wirtschaft umfassen insgesamt mehr als eine Billion Dollar. Mit weniger als einem Prozent davon könne die Arbeit des auf Spenden angewiesenen WFP vollständig gesichert werden, ergänzte Sheeran. "Für jene, die von weniger als einem Dollar am Tag leben und das meiste davon für Nahrung ausgeben, geht es ums Überleben."

Bis Ende 2008 stieg die Zahl der unterernährten Menschen auf knapp eine Milliarde. Die Hilfsorganisation Oxfam erwartet 2009 einen weiteren Anstieg. "Schuld daran ist die Wirtschaftskrise", ergänzte der Entwicklungshilfeexperte Reinhard Hermle. Er verwies auf Schätzungen der Weltbank, wonach bei einem Verlust nur eines Prozentpunkts des Weltwirtschaftswachstums die Zahl der weltweit in Armut lebenden Menschen um 20 Millionen Menschen zunimmt.

100 Millionen Dollar zugesagt

Nach Angaben der Bundesregierung sagte Deutschland dem UN-Welternährungsprogramm im vergangenen Jahr insgesamt 100 Millionen Dollar zu, das ist nach Angaben von Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) so viel wie nie zuvor. Sie zeigte sich am Mittwoch zuversichtlich, dass die Ausgaben für die Entwicklungshilfe trotz der Finanzkrise auch im neuen Jahr weiter steigen werden. Alle EU-Mitgliedstaaten hätten sich zu einem Aktionsplan zur Steigerung der Mittel verpflichtet und der Beschluss habe nach wie vor Gültigkeit, betonte sie. Der vier Jahre alte Beschluss sieht vor, dass die EU-Länder bis 2010 einen Anteil von 0,51 Prozent ihres Bruttoinlandsproduktes für Entwicklungshilfe ausgeben. Bis 2015 soll der Anteil auf 0,7 Prozent steigen.

Der Oxfam-Experte Hermle teilt diese Zuversicht allerdings nicht. "Es ist zu befürchten, dass eine Reihe von Geberländern ihre Entwicklungshilfebudgets weiter kürzen werden", ergänzte er. Seit 2005 gingen die Ausgaben dafür laut Oxfam um 13,5 Prozent zurück.Die Hilfe der meisten Geberländer liegt derzeit weit unter dem Richtwert, den die UN für die Entwicklungshilfe vorgeschlagen hat - er sollte 0,7 Prozent der inländischen Wirtschaftsleistung eines Landes betragen. Die Vereinigten Staaten und auch Deutschland stellen mit einem Anteil von 0,16 beziehungsweise 0,37 Prozent deutlich weniger zur Verfügung.

"Die dramatische Folge werden wir in den nächsten Jahren zu spüren bekommen", warnte Hermle. Schon eine schlechtere Ernte könnte die Lebensmittelpreise in den nächsten Monaten wieder steigen lassen. Zwar habe eine überdurchschnittlich gute Ernte rund um den Globus die Preise zuletzt etwas sinken lassen. "Im Durchschnitt liegen sie aber immer noch um 50 Prozent über Vorjahreswert", ergänzte er. Auch seien die weltweiten Getreidereserven nach wie vor relativ niedrig. "Sollte es nicht gelingen, die Nahrungsmittelpreise in den Griff zu bekommen, müssen wir 2009 mit Unruhen und Kämpfen für das tägliche Brot rechnen - und das in vielen Ländern der Erde", warnte auch Heribert Scharrenbroich, Vorsitzender der Hilfsorganisation Care.

Noch Mitte des Jahres war die Nahrungsmittelkrise Thema internationaler Krisengipfel. Verteuerte Lebensmittel hatten zuvor in einigen Ländern, unter anderem in Mexiko und Indien, Unruhen ausgelöst. Große Industrienationen sagten Hilfsgelder von mehr als zwölf Milliarden Dollar zu. Davon wurde laut Oxfam bislang nur ein Zehntel ausgezahlt. Die Lage der Welternährung ist auch Thema des Treffens von 30 Agrarministern und Experten am Rande der Grünen Woche in Berlin vom 16. bis 18. Januar. Sie wollen über Lösungen für die nachhaltige Produktion von Agrarrohstoffen und Lebensmitteln diskutieren.