Kunststoffe Für die Ewigkeit

One million ocean balls fill up hotel swimming pool in Shanghai, creating Guinness World Record Workers search in a swimming pool filled with 1 million balls during a promotional campaign for prevention and cure of breast cancer at Kerry Hotel Pudong in Shanghai, China, 30 October 2013. A hotel in Shanghai launched a promotional campaign by filling up a swimming pool with one million ocean balls. A 25-meter-long pool in Kerry Hotel Pudong was filled with about 1 million green and pink balls on Wednesday (30 October 2013), creating a new Guinness World Record for the largest ball pit. All the balls will be auctioned to raise fund for prevention and cure of breast cancer.

(Foto: Ni ni sh - Imaginechina)

Die Plastik-Produktion steigt weltweit drastisch an. Kunststoffe landen auf Deponien, in den Meeren - und schließlich in der Nahrungskette des Menschen.

Von Helga Einecke, Frankfurt

Chemiker verändern die Welt mit Substanzen, die es in der Natur nicht gibt. Immer schneller, immer drastischer. Schon in den Neunzigerjahren überholte die Produktion künstlicher Stoffe jene des traditionellen Werkstoffs Stahl. Seither verdreifachte sich die Kunststoff-Produktion noch einmal.

Die Explosion der neuen Materialien hat unabsehbare Folgen für Mensch, Tier und Pflanzen. Kunststoffe lassen sich nämlich weitaus schwerer aus der Welt schaffen als hinein. Der Dokumentarfilm "Plastic Planet" postuliert, wie Kunststoffe in die entlegensten Gebiete der Erde verteilt werden, in die Wüsten Marokkos oder die Tiefen des Pazifiks. Das komplette bislang produzierte Plastik reicht aus, um den Erdball mehr als sechs Mal mit Folie einzupacken. Ob in Form zahlloser Plastiktüten oder als Müll in den Meeren, der in die Nahrungskette gelangt - immer wieder kommen die Kunststoffe ins Gerede.

Im Alltag geht nichts ohne sie: Von der Zahnbürste über die Tube mit Zahnpasta, von der Windel bis zum Rollstuhl, vom Fahrradhelm bis zum Doppelfenster, bei allem mischen Chemielabore mit. Das hat Vorteile. Die Materialien sind leicht, sie dämmen besser, sie schützen vor Fäulnis, können als Ersatzteile im Körper sogar das Leben verlängern. Öko-effizient nennen das die Experten. Sie rechnen vor: In Entwicklungsländern würden bis zu 50 Prozent der Nahrungsmittel verderben, bevor sie den Verbraucher erreichen. Kunststoff reduziere das Gewicht von Fahrzeugen und spare so Kraftstoffe. Auch die riesigen Rotoren der Windräder sind von Chemikerhand gemacht, keine Solarzelle kommt ohne Kunststoff aus. Wohin damit aber, wenn sie nicht mehr gebraucht werden?

Nicht einmal in Europa gibt es ein einheitliches System für den Umgang mit Kunststoffabfällen

Die Industrie sieht das so: Selbst am Ende ihrer Nutzungsdauer hätten Kunststoffprodukte viel zu bieten, ihr Brennwert sei ähnlich hoch wie der von Kraftstoff oder Heizöl, sie könnten Öl als Rohstoff teilweise ersetzen. Rüdiger Baunemann vom Verband Plastics-Europe sagt: "Die deutsche Recycling-Technologie ist weltweit führend und ein Exportschlager." Viele Prozesse vom Sortieren bis zum Verwerten seien in der Bundesrepublik entwickelt worden. Bei der Umsetzung wird es jedoch knifflig. Nicht einmal im ökologisch fortschrittlichen Europa gibt es ein einheitliches System für den Umgang mit Kunststoffabfällen.

Manche Länder wie Deutschland brüsten sich mit einer Verwertungsquote von 99 Prozent; Staaten in Osteuropa oder auch Italien beispielsweise scheren sich weniger um die Aufarbeitung der Plastik-Halden. "Abfall ist ein emotionales Thema", sagt Baunemann. Es gebe Bereiche, in denen die Rückverwandlung in Werkstoffe sinnvoll sei, wie bei PET-Flaschen oder PVC-Fenstern.

Verwertung ist nämlich nicht gleich Verwertung. Nur saubere gebrauchte Teile können zerkleinert, gereinigt, nach Sorten getrennt neue Ware ersetzen, also mechanisch aufbereitet werden. Schon vermischte und verschmutzte Kunststoffe eignen sich nur als Rohstoffe.

Überwiegend werden sie aber verbrannt, und die dadurch entstehende Energie wird genutzt. Die Industrie propagiert einen Verwertungsmix in Werk- und Rohstoffe sowie Energie. Noch aber landet fast ein Drittel der Kunststoffabfälle in Europa auf einer Deponie.

Die meisten Kunststoffe werden aus Mineralöl hergestellt. Das sei effizient, rechnet die Industrie vor. Für Kunststoffe brauche man wenig, nämlich vier bis sechs Prozent des weltweiten Öl- und Gasverbrauchs, und spare dieses auf andere Weise: Heizöl bei Hausdämmung, Kraftstoff durch leichtere Autos, Strom durch moderne Technologien im Haushalt.

Es reicht nicht, einen Rohstoff durch einen anderen zu ersetzen

Selbst Rolf Buschmann, Chemieexperte der Umweltorganisation BUND, bestreitet den Wert von Kunststoffen in bestimmten Bereichen nicht. Aber er sagt auch: "Die Industrie hat wenig Interesse, komplexe neue Entwicklungen anzugehen, solange der Ölpreis so niedrig ist." Das würde ein Umdenken erfordern, auch gesellschaftlich. Technologisch sei vieles möglich, aber das müsse auch finanziert und gewollt werden. Es gelte, den Ressourcenverbrauch weltweit zu hinterfragen, nicht nur einen Rohstoff durch den anderen zu ersetzen.

Buschmann setzt klare Prioritäten. "Es wäre wünschenswert, die kurzlebigen Kunststoffsorten zu vereinheitlichen, damit sie besser eingesammelt und wieder verwertet werden können." Der Verpackungsaufwand für viele Produkte sei einfach zu groß, da gehe es nur um Logistik, Stapelbarkeit, Transport, nicht aber um die Ware als solche. Industrievertreter Baunemann sieht das ein wenig anders.

Er beruft sich auf die Verpackung von Lebensmitteln, die global wichtig sei. "Weltweit erreicht nur die Hälfte der Nahrung unverdorben ihren Empfänger, auch weil sie häufig nicht richtig verpackt ist", gibt er zu bedenken. "Was ist wichtiger, geschützte Lebensmittel oder mehr Recycling, dann aber auf Kosten von weniger effizienten Verpackungen?", laute die zentrale Frage. In diesem Spannungsgebiet gebe es unterschiedliche Sichtweisen, die politische Diskussion drehe sich in Europa aber eindeutig um das Recycling. "Die Funktion einer Verpackung wird eindeutig unterschätzt", fügt er hinzu.

Wo bleibt der Joghurtbecher zum Wegwerfen, der kompostierbare Düngemittelsack, Material, das sich selbst auflöst? Buschmann redet einer solchen Entwicklung nicht das Wort, denn auch mit biologisch hergestellten Substanzen werde die Umwelt mit neuen langlebigen Materialien belastet. In der Praxis funktioniere das Recycling nicht, weil es dafür kein spezielles Verwertungsverfahren gebe. Auch Baunemann sieht in biologischen Materialien eine Geschichte, die nicht zu Ende gedacht sei. Gefördert werde die Wegwerf-Mentalität. Und bei vielen Kunststoffen, wie Dämmstoffen oder beim Karosseriebau, habe dies keinen Sinn.

In Europa arbeiten 1,4 Millionen Menschen für die Kunststoffindustrie, die pro Jahr 60 Millionen Tonnen im Wert von 350 Milliarden Euro absetzt. Das ist etwa ein Fünftel der weltweiten Produktion von 311 Millionen Tonnen im vergangenen Jahr. Während die Fertigung in Europa stabil blieb, fand die enorme Produktionsausweitung zuletzt vor allem in Asien, insbesondere China und im Nahen Osten statt.

Deshalb rangiert Europa bei der Kunststoff-Fertigung hinter China (26 Prozent) und knapp vor den USA samt Kanada und Mexiko (19 Prozent). Zwei Drittel der europäischen Nachfrage konzentriert sich auf die fünf Länder Deutschland, Italien, Frankreich, Großbritannien und Spanien. Die Verpackungsindustrie ist mit fast 40 Prozent die wichtigste Abnehmerbranche in Europa, gefolgt von Baugewerbe (20 Prozent) und Automobilbau (8,6 Prozent).

Bei der Verwertung sieht sich Deutschland europaweit führend. Im Schnitt werden in Europa fast 70 Prozent der verbrauchernahen Kunststoffabfälle stofflich oder energetisch verwertet, allerdings mit erheblichen Unterschieden zwischen einzelnen Ländern.

Beim Vorreiter Deutschland, das relativ früh mit dem Sammeln von getrenntem Müll angefangen hat, versprechen sich Politik, Abfallwirtschaft und Umweltschützer eine bessere Verwertung durch die Wertstofftonne. Diese gelbe Tonne ist Teil des Wertstoffgesetzes, das die Verpackungsverordnung ablösen soll. Nicht nur Verpackungen, sondern auch andere Kunststoffteile wie Gießkannen oder Spielzeuge sollen darin künftig landen, ja sogar die alte Bratpfanne. Da müssen die Verbraucher also noch einmal umdenken, um auch in Zukunft ähnlich hohe Quoten beim Trennen und Sammeln des Hausmülls zu erreichen, wie bislang bei Glas, Papier oder Metallen.

Seit Anfang der Neunzigerjahre müssen in Deutschland die Hersteller und Vertreiber von Verpackungen deren Entsorgung organisieren und finanzieren. Diese Verantwortung wird künftig auf weitere Erzeugnisse aus Kunststoff und Metall erweitert, damit auch der Industrie Anreize zur Abfallvermeidung gegeben werden.