Kultur bei Amazon Welche Bedeutung Bücher für Bezos haben

Amazon-Chef Bezos folgt einer Kultur der Hedgefonds.

(Foto: dpa)

Jeff Bezos liest nicht viel. Er entstammt einer Kultur der Hedgefonds. Wer würde von ihm auch emotionale Nähe zu seinem Produkt erwarten? Für die Autoren ist er trotzdem keine Bedrohung, wohl aber für Buchhändler und Verlage. Dabei gibt es gerade in Deutschland ein wirkungsvolles Bollwerk gegen Bezos' Strategie.

Von Andrian Kreye

Um Bücher geht es schon lange nicht mehr bei Amazon. Trotzdem bleiben Bücher der Schlüssel, um zu verstehen, wie der Firmengründer Jeff Bezos funktioniert. Und um zu begreifen, dass der Skandal um die Behandlung der Leiharbeiter in Amazons deutschen Lagerhäusern vor allem ein PR-Unfall ist, wie er im Alltag der Weltkonzerne immer wieder vorkommt. Andere haben sich von solchen Skandalen schon erholt: Nike (Kinderarbeit in Südost- und Vorderasien), Coca-Cola (Ermordung von Gewerkschaftern in Kolumbien), Apple (unmenschliche Behandlung von Arbeitern in China). Auch Amazon wird sich erholen. Dafür wird Bezos schon sorgen. Der lässt sich nur ungern aufhalten.

Wenn Jeff Bezos irgendwo auftaucht, auf einer der exklusiven Wirtschafts- und Ideenkonferenzen im amerikanischen Westen oder beim Dinner bei einem seiner Freunde, dann ist er oft der reichste, aber nicht unbedingt der auffälligste Mann im Raum. Er hört eher zu, als dass er spricht. Blick und Muskelspannung sind in ständiger Bereitschaft. Kein Gramm Fett, kein Härchen, keine Kleiderfarbe sind da zu viel. Er erinnert ein wenig an Ben Kingsleys Gangster in "Sexy Beast" - einen Mann, der seinen Willen gegen jeden Widerstand durchsetzen wird. Mit dem Unterschied, dass sich seine laserstrahlhafte Konzentration nicht in Faustschlägen, sondern in Lachstößen entlädt.

Man kann natürlich keine Memme sein, wenn man die wertvollste Firma in der Geschichte der Menschheit herausfordert: Apple, Amazons derzeitiges Angriffsziel. Nun ist Jeff Bezos mit seinem Buchversand Amazon zwar schon der größte Internet-Einzelhändler der Welt geworden. Mit dem Elektronikkonzern kann er sich aber noch nicht messen. Jahresumsatz 2012 von Apple laut SEC: mehr als 156 Milliarden Dollar; von Amazon laut Bloomberg Businessweek 61,1 Milliarden. Langfristig will Jeff Bezos aber das, was auch Apple, Facebook, Google, Microsoft wollen: im Kampf um die Vorherrschaft im Internet als Einziger übrig bleiben. Und dieser Kampf begann für Jeff Bezos vor nun 19 Jahren.

Bildungsbürgerliche Sentimentalität

Als leidenschaftlicher Leser war Jeff Bezos dabei nie bekannt. Als die Nachrichtenwebseite Business Insider vergangene Woche die Lieblingsbücher von 21 Wirtschaftsführern auflistete, musste sie bei Jeff Bezos auf Interviews von 2001 und 2009 zurückgreifen, um herauszufinden, dass er Wirtschaftssachbücher und Kazuo Ishiguros Roman "Was vom Tage übrig blieb" mag. Wobei die Erwartung, dass ein Konzernchef eine emotionale Nähe zu den Produkten haben muss, die er herstellt oder verkauft, eine bildungsbürgerliche Sentimentalität ist, die in der Wirtschaft eher weltfremd anmutet.

1994 gelang Jeff Bezos mit Büchern der Einstieg in eine neue Geschäftswelt, die den Einzelhandel revolutionieren sollte. 31 Jahre alt war er damals. Er hatte nach seinem Informatikstudium in Princeton ein Netzwerk für die Finanzcomputerfirma Fitel aufgebaut, es bei dem Bankhaus Bankers Trust zum Vizepräsidenten gebracht und dann beim Hedgefonds D.E. Shaw & Co. sehr viel Geld verdient. Wer bei einem Hedgefonds viel Geld verdient, will meist viel lieber noch mehr Geld auf eigene Faust verdienen. Entweder er gründet dann seinen eigenen Hedgefonds. Oder er findet eine Marktlücke.

1994 waren die Auswirkungen des Internets für Laien noch nicht abzusehen. World Wide Web und Browser waren Versuchsmodelle. Das Internet teilte sich in die Masse der Normalnutzer, die sich über simple Programme von Anbietern wie AOL oder Compuserve ins Netz wählten, und die Eingeweihten, die sich im Formel- und Codegewirr auskannten. Als Amazon ein Jahr später ans Netz ging, gab es weltweit nur 16 Millionen Nutzer.